„Und, Kind, was macht die Liebe?“

oder: Von „man sollte doch…“, „warum bist du noch nicht…?“ und „ihr könnt mich alle mal“.

Statt meinen Samstagabend in Fetisch-Outfit auf einer Party zu verbringen, war ich gestern auf dem 80. Geburtstag meines Großvaters. Das geht vor – ohne Einschränkung. Ich habe keine wirkliche Familie, kein Elternhaus, keine Geschwister. Einzelne Menschen wie einen Onkel oder Cousinen, die man bei einem solchen Fest sieht, durchaus. Aber der Kontakt ist eher oberflächlich. Meine Großmutter wiederum hat mich quasi großgezogen und ist so ziemlich alles an Familie, was ich wirklich habe. Mein Opa ist fast ebenso wichtig. Wenn er also 80 wird, ist es selbstverständlich, dass das Priorität hat.

Meine Großeltern sind enorm cool für ihr Alter und wissen in Maßen von meinem Lebensstil – zum Beispiel, dass ich zurzeit kein Interesse an einer festen Beziehung habe, dass ich noch nicht wie andere Frauen mit Ende zwanzig meine Familienplanung im Kopf habe und im Moment einfach mein Leben genieße. Und ja, die beiden wissen auch, dass ich Spaß habe – nicht maßlos natürlich, aber als ich meiner Oma vom Wikinger erzählte, war ihr Kommentar: „Ach ja, man muss ja auch nicht jeden gleich heiraten“. Richtig, Omi – seh ich auch so.

Faszinierenderweise habe ich mit den alten Leuten, den Nachbarn meiner Großeltern zum Beispiel, immer sehr viel Spaß. Natürlich antworte ich vorsichtig auf Fragen und natürlich weiß niemand von den Szenen, in denen ich mich rumtreibe. Aber ich bin es leid, mich zu verstellen und ich werde einen Teufel tun und mich dafür entschuldigen, dass ich noch nicht verheiratet bin. Interessant ist aber, dass wenn ich den älteren ein wenig erzähle, sehr oft ähnlich lockere Antworten kommen. À la „ach du bist ja auch noch jung“ und „du hast noch so viele Jahre vor dir, in denen du verheiratet bist“ oder „genieß‘ ruhig dein Leben noch ein bisschen, Kind“. Meiner Erfahrung nach, sind die wirklich älteren Leute – die, die schon lange in Rente sind und ihren Lebensabend genießen – deutlich liberaler eingestellt als man glauben möchte und vor allem deutlich liberaler als die Generation nach ihnen, die jetzt vielleicht zwischen 40 und 60 sind. Vielleicht liegt es daran, dass man im wirklichen Alter rückblickend beginnt, das zu schätzen, was wirklich zählt. Und vielleicht gehört bei den meisten davon eben nicht dazu, mit Mitte zwanzig zu heiraten und so bald wie möglich Kinder zu kriegen. Sondern vielleicht kommen viele der Senioren schließlich zu der Erkenntnis, das man das Leben viel mehr hätte genießen können und sollen.

Wenn ich aber noch am selben Abend mit Tanten spreche, die im Grunde nichts mit mir zu tun haben, dann höre ich die erwarteten Fragen:

„Was macht die Liebe?“

Gar nichts macht die Liebe – ich hab zwei großartige Spielpartner, die mir regelmäßig den Arsch versohlen, aber keiner von uns lebt monogam und verliebt ist von uns auch niemand… 

Das spar ich mir natürlich und begnüge mich mit:

„Ach, nicht so viel. Aber mir geht’s gut, ich hab Spaß, einen tollen Job, das Tanzen läuft wirklich…“

„Ja, aber du bist doch jetzt auch schon Ende zwanzig!“ werde ich unterbrochen.

In your face. Danke dafür, sehr charmant. Ich lächle freundlich. Das Bedürfnis zu provozieren steigt, aber ich halte mich zurück.

„Ja, stimmt“, sage ich nur.

„Aber du willst doch auch irgendwann Kinder, oder nicht?“

Klar, wieder das Kinderthema. Nein, ich will keine Kinder. Nein, auch nicht in ein paar Jahren. Nein, ich plane nicht. Nein, keine Ahnung. Ja, vielleicht ändert sich meine Meinung in zehn Jahren. Nein, das wäre nicht schlimm. Dann adoptiere ich Kinder – es gibt genug Kinder auf der Welt, die sich Eltern wünschen. 

„Mal sehen“, sage ich stattdessen nur, weil ich uns beiden dieses Gespräch nicht antun will.

„Ach das sagst du jetzt nur so. Natürlich willst du Kinder. Sei einfach geduldig, der Richtige kommt bestimmt – du bist so eine hübsche Frau.“

Klar. Ich tu nur so als würde ich keine Kinder wollen, aus reinem Selbstschutz, weil es mich so sehr trifft, dass ich den RICHTIGEN noch nicht gefunden habe und abends alleine auf dem Sofa sitze und in Selbstwertkomplexen versinke, weil kein Mann mich will – deshalb tut mir der Kommentar so gut, dass ich hübsch bin, denn nichts anderes zählt. 

Ein Hoch auf die Gesellschaft!

Im Ernst. Warum gilt es als bemitleidenswert, Single zu sein? Warum ist man nur als Paar etwas wert? Warum ist man nicht alleine schon vollständig? Warum kann es nicht  die Wahrheit sein, wenn ich sage, ich will in den nächsten Jahren keine Kinder? Ich arbeite mit Kindern, ich liebe Kinder – aber ich will noch keine eigenen. Und jetzt? Bin ich eine schlecht Frau, weil ich den Nestbautrieb nicht zelebriere? Weil mein Lebensziel NICHT darin besteht, einen Mann zu finden und mich befruchten zu lassen? Weil ich schon seit Jahren allein zu solchen Familienfeiern erscheine? Entschuldigt bitte, dass eure Tisch eine ungerade Platzzahl aufweist, wenn ich mit dabei bin – verzeiht die Störung eurer perfekten Welt.

Mit meiner Cousine habe ich danach noch lange gesprochen. Sie hat auch schon ein paar Sachen im Leben hinter sich und durchaus mehr Tiefgang als die meisten in unserem Alter. Sie wohnt seit Jahren glücklich mit ihrem Freund zusammen, ist aber gerade dabei, eine große WG daraus zu machen. Ganz so Klischee ist es also nicht. Und ich weiß, dass sie von Aussteigern fasziniert ist und über die Grenzen unserer Gesellschaft hinausblickt. Ich nutzte die Gelegenheit also und genoss ein gutes Gespräch mit ihr, bei dem ich ein bisschen auf Risiko ging. Ich erzählte ihr einiges von mir und ließ sie versprechen, dass das unter uns bleibt. Ich mag sie und ich vertraue ihr da auch. Und sie fragte sehr interessiert nach und fand alles sehr spannend, also erzählte ich einfach.

Das Problem ist, wenn ich einmal anfange, erkenne ich die Grenzen anderer Leute nur schwer. Wenn ich mich öffne, dann richtig. Dann ich bin ich es gewohnt, so zu sprechen wie ich es mit meiner Seelenschwester tue. Nun ja – fast.

Ich erzählte also von polyamoren Beziehungsmodellen und ein bisschen auch von Fetisch-Partys. Ich erwähnte den Kitkat Club und die Pornseptual, weil ich wusste, sie hatte früher ein Jahr in Berlin gewohnt. Sie fand alles sehr spannend und herrlich aufregend – leider erkannte ich die Grenze zu spät, denn ich war im Fluss und erzählte und antwortete. Bis wir auf die Fetisch-Partys zurückkamen und plötzlich bei BDSM ankamen.

„Ja, aber… du lässt dir nicht wehtun, oder?“ fragte sie, mit plötzlich vollkommen verändertem Gesichtsausdruck.

Als würde sie plötzlich den Grund für mein ganzes ungewöhnliches Leben erkennen – nämlich in der Tatsache begründet, dass ich ziemlich kaputt war und mich von Männern schlagen lasse. Ich schwieg kurz, atmete erschöpft durch, verarbeitete die Erkenntnis, dass jeder noch so offene Mensch seine Grenzen hat und Menschen wohl doch nur das verstehen, was sie zu verstehen bereit sind. Ich war am Tellerrand angelangt – aber immerhin: ich hatte über Fetisch-Partys gesprochen und darüber, dass ich nicht monogam lebte. Das war doch schon besser als gar nichts.

Ich lächelte sie beruhigend an.

„Nein. Natürlich nicht. Ich lass mir natürlich nicht wehtun“, sagte ich – als wäre das doch selbstverständlich.

„Puh“, atmete sie aus und legte schützend ihre Hand auf meine, „jetzt hast du mich aber erschreckt. Ich dachte schon…“, setzte sie noch nach und lachte dann erleichtert. „Aber erzähl nochmal – du hattest an dem einen Abend Sex im Auto? IM AUTO?! Total aufregend, wie habt ihr das gemacht?“

Ich seufzte innerlich. Mehr konnte ich nicht tun. Dieses Gespräch war repräsentativ für jede Kommunikation, die nach außen in die Gesellschaft gerichtet ist. Manchmal trifft man auf Offenheit, Neugier, auf unvoreingenommenes Interesse und immer mal wieder auf ehrliche Faszination. Und ab und an in diesem Prozess hat man im Anschluss das Gefühl, man hat einen Geist ein wenig befreit, ihm Nahrung gegeben, ihm neue Denkanstöße geliefert. Dazu muss man aber den eigenen Schutzschild immer ein wenig gesenkt halten. Denn wenn man durchgehend ein Fassade aufrecht erhält, wird man zwar nie komisch angeschaut und verurteilt, aber es ergeben sich auch solche Gespräche nicht. Niemand würde nachfragen. Niemand kann neugierig nachhaken und Fragen stellen.

Und was passiert, wenn niemand Fragen stellt? 

Nun, das ist eine philosophische Frage und darauf verzichte ich heute. Es ist Sonntagnachmittag. Ich geh jetzt mit meinem Hund laufen und danach Salsa tanzen.

Und bevor ich heute Nacht schlafen gehe, werde ich einem meiner Spielpartner eine Nachricht schreiben und fragen, wann wir uns diese Woche sehen. Und dann werde ich einschlafen in dem Wissen, dass ich nächsten Samstag statt Volksliedern und Schlagern wieder den elektronischen Bass hören werde, begleitet vom hellen Geräusch einer flachen Hand auf meiner Kehrseite…

 

 

 

 

 

 

 

8 Kommentare

  1. Hach ja, die tolle Verwandtschaft. Ich kenne das nur zu gut. Von meinem Onkel bekam ich mal so ein billiges Tankstellengeschenk zum Geburtstag, das war eine kleine Rotweinflasche mit Plastikbechern und Kondom. Er meinte: „Hier, falls du doch mal wieder einen Kerl triffst!“. Zu der Zeit habe ich keinen Tropfen Alkohol getrunken und er wusste das, er war halt einfach nur scheiße! Als Single ist man wirklich nicht so viel wert und als Frau gilt man dann auch meist als kompliziert.

    Gefällt 1 Person

    1. 😀 ach herrje… Einerseits irgendwie so daneben, dass es schon zum Lachen ist und andererseits fast traurig. Ja, es ist ein faszinierendes Prinzip – als Single (wie du sagst: vor allem als Frau!) braucht man immer eine Begründung dafür, dass man es ist. Beruhigend zu sehen, dass ich nicht die Einzige bin, die das so empfindet. 🙂

      Gefällt 1 Person

      1. Nee, da bist du nicht alleine. 😀 Meine Oma ist da echt die Härte. Die kann es zum Beispiel gar nicht verstehen, dass ich alleine lebe. Damals ist sie eher in ihrer Höllen-Ehe geblieben und hat sich von ihrem Mann betrügen lassen als Single zu sein. Tja, andere Zeiten, anderer Lebensstil. Aber das Gespräch mit deiner Cousine hätte ich echt zu gerne beobachtet!

        Gefällt 1 Person

      2. Ja solche Geschichten gibt es auch – ich hab da zumindest mit meinen Großeltern Glück. Irgendwann muss man sich denke ich einfach damit abfinden, dass die meisten nicht verstehen können, wie und warum man genau so lebt. Und dann immer lächeln und daran denken, dass solche Menschen niemals erfahren werden, was sie eigentlich verpassen und wie glücklich man auf diese Art sein kann. 🙂

        Gefällt 1 Person

  2. Ich musste es noch einmal lesen. Du bringst mich zum Lächeln. Danke Dir dafür. Es ist Deine wunderbare Sichtweise und Dein Stil es wiederzugeben. Hast Du eigentlich einen Namen mit dem man Dich ansprechen kann ?
    Nymphophelia klingt dann doch irgendwie etwas gespreizt 🙂
    Darf ich mich vorstellen, ich bin Christian

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Christian,
      freut mich sehr. Ja, meinen Namen habe ich mittlerweile aus diesem Grund auch geändert – nenn mich hier auf meinem Blog doch einfach Ophelia. Falls du noch andere Fragen hast, kannst du dich natürlich auch jederzeit über die „Contact me“ Seite melden.
      Freut mich, dich hier zu haben, Christian. 🙂

      Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s