(M)ein Leben im metaphorischen Pelz

oder: Wie ich zu meinem Namen fand

Begonnen hat alles mit einem deutschsprachigen Schriftsteller namens Leopold von Sacher-Masoch. Mittlerweile bin ich eine kleine Expertin was ihn angeht – spätestens seit ich sein Hauptwerk zum Mittelpunkt in meiner Uni-Abschlussarbeit gemacht habe.

Sacher-Masoch hat das Phänomen des Masochismus geprägt wie der Marquis de Sade den Sadismus. Das ist leider nichts Gutes, denn er war der unfreiwillige Namensgeber einer Krankheit. Einer sexuellen Abartigkeit, die es zu heilen galt. Zu diesem Phänomen möchte ich aber noch einen eigenen Beitrag schreiben, deshalb an dieser Stelle nur so viel.

Die Venus im Pelz ist Sacher-Masochs Hauptwerk und sein mit Abstand berühmtestes Buch – wenngleich der Ruhm ein zweifelhafter ist, denn auf genau diesem Buch beruht die Hauptargumentation in Bezug auf die oben genannte Abartigkeit: den Masochismus – der krankhaften Erregung durch das eigene Leid.

Die Geschichte trägt sich wie folgt zu (Achtung Spoiler): 

Severin ist ein konservativer, klassischer junger Mann, der sich in eine Frau namens Wanda verliebt. Er trägt eine Faszination für die Venus in sich, die römische Göttin, deren Statue er anhimmelt. Zugleich erkennt man bei ihm eine Art Fetisch für Pelze. Als er Wanda eines Nachts in einen Pelz gehüllt im Garten sieht, glaubt er die fleischgewordene Venus vor sich zu sehen und verliebt sich augenblicklich. 
In Gesprächen zwischen beiden wird schnell klar, dass Wanda anders denkt. Sie verkörpert die antiken Ideale, hält die modernen Ansichten über die monogame Ehe für eine grauenhafte Art, die Frau einzusperren und für eine Illusion ohnegleichen – denn das Verhältnis zwischen Mann und Frau könne nie von Dauer sein. Sie selbst liebt, wen sie eben liebt und macht denjenigen glücklich, der sie wiederum glücklich macht. Nach einiger Zeit wird ihr langweilig mit einem Mann und sie nimmt sich einen anderen. Severins Gedanken überschlagen sich, bis er ihr schließlich ein Angebot macht: wenn er sie schon nicht so haben kann, wie er sie möchte (als sein monogam lebendes Eheweib), dann soll sie ihn zu seinem Sklaven machen.

Sie soll ihm entweder Frau oder Despotin sein. 

Wanda wird schließlich zu seiner Herrin, beginnt ihn zu peitschen und zu demütigen, ihn zu ihrem Sklaven zu machen. Geht so weit, dass sie ihn am Ende fesselt und von ihrem Geliebten auspeitschen lässt, während sie zusieht. Diese Demütigung ist für Severin zu viel, er verlässt sie.
Jahre später erhält er einen Brief von ihr, in dem sie erklärt, dass sie ihn heilen wollte – eine Grenze überschritten hat, damit er zur Vernunft kommt und sich von ihr lossagt. 

Severin endet als dominanter Mann, der sich eigene Sklavinnen hält – denn: 

Der Mann kann entweder Herr oder Sklave des Weibes sein. Hammer oder Amboss, wie Goethe schon sagte. 


Weshalb aber finde ich nun die Verbindung zu Wanda so spannend, dass ich mir ihren metaphorischen Pelz anlege? Immerhin ist Wanda doch eine dominante Frau, die Herrin ihres Sklaven, die Despotin eines Mannes, nicht wahr?

Ja und nein. In meiner Abschlussarbeit habe ich ein ganzes Kapitel über diese Frage geschrieben und kam zu interessanten Erkenntnissen.

Die dominante Frau ist in diesem Fall nicht mehr als das, was der devote Part aus ihr gemacht hat. 

Natürlich lässt sich das nicht auf jede dominante Frau übertragen und schon gar nicht auf jeden dominanten Mann. Aber in diesem speziellen Fall ereignet sich etwas ganz faszinierendes: Wanda erklärt an einer Stelle:

„(…) ich kann mir ganz gut denken, daß ich einem Mann für das Leben gehöre, aber es müßte ein voller Mann sein, ein Mann, der mir imponiert, der mich durch die Gewalt seines Wesens unterwirft, verstehen Sie?“

Wanda ist eine Frau, selbstbestimmt und autark, nach antiken Idealen lebend – heißt: sie hält nichts von Monogamie, von der Ehe oder davon, dass eine Frau nicht mehr ist als das Eheweiblein eines Mannes. Sie will Spaß, Freude, Liebe mit mehr als einem Mann, ihr Leben genießen und dabei sich und andere glücklich machen. Aber: sie ist dennoch in sich so viel Frau, so klassisch weiblich, dass sie einen Mann brauchtEinen richtigen Mann, der führt, der sie unterwirft.

Von vielen Literaturwissenschaftlern ist eine Tatsache nicht beachtet worden, denn Wanda gilt als die Mutter aller Dominas:

Wanda ist devot. Sie hat das Bedürfnis, sich zu unterwerfen. Sie kann sich durchaus vorstellen, einem Mann zu gehören – aber nur dem, der es schafft, sie zu dominieren. 

Schließlich erklärt sie weiter:

„(…) jeder Mann – ich kenne das – wird, sobald er verliebt ist – schwach, biegsam, lächerlich, wird sich in die Hand des Weibes geben, vor ihr auf den Knien liegen, während ich nur jenen dauernd lieben könnte, vor dem ich knien würde.“

Was geschieht im nächsten Satz?

Ich stürze zu ihren Füßen.

Wanda kommentiert:

»Mein Gott! da knien Sie schon«, sprach sie spöttisch.

Soviel dazu…

Wanda spricht hier eine Schwierigkeit an, die sicherlich viele Frauen kennen: man wünscht sich einen dominanten Mann, einen richtigen Kerl eben – aber viele Männer fangen, wenn sie sich verlieben, an, einer Frau hinterherzulaufen, sie anzubeten und sich hier zu Füßen zu legen. Aber es gibt nicht umsonst so viele Frauen, die BDSM für sich entdecken, ihre devote Seite in sich anerkennen. Devote Frauen wollen keinen Mann, der ihnen zu Füßen liegt, nicht einmal aus Liebe. Sie wollen einen, der in ihnen das Bedürfnis weckt, selbst zu Füßen zu liegen – ihm zu gehören. Den Preis der Unterwerfung zu zahlen, um dafür eine Form der Geborgenheit, der Sicherheit und der innigen Verbindung zu bekommen, die sie sonst nicht finden.

Nun ja, ich schweife ein wenig ab. Wie man sieht, ist Severin hier bereits recht unterwürfig, schnell dabei, sich ihr zu Füßen zu werfen. Wanda bietet ihm einen Kompromiss an, weil er ihr durchaus wichtig ist, doch Severin hat Blut geleckt und ist nicht mehr von der Idee abzubringen. Er möchte ihr Sklave sein. Wanda ist skeptisch, ist nicht einmal dominant veranlagt, hat noch nie eine Peitsche in der Hand gehalten und äußert Bedenken. Doch Severin überredet sie, versichert ihr, dass nichts falsch sein kann, was sie tut. Dass er sie mehr anbeten wird, je grausamer sie gegen ihn ist.

Genau das geschieht schließlich.


Nun. Den metaphorischen Pelz habe ich mir in meinem Namen angezogen, weil ich dieses Prinzip kenne und weil ich glaube, dass es viele Frauen kennen oder zumindest kennen würden, wenn sie sich darauf einließen.

In der Welt des BDSM ist man immer ein Spiegel seines Gegenübers. Top und Bottom existieren nur in der Gemeinsamkeit. Ohne jemanden, der sich unterwirft, macht die Definition des Top keinen Sinn. Und ohne einen dominanten Partner, gibt es keinen Sub. Was ist der Despot, wenn er niemanden hat, den er unterwerfen kann? Nichts. Und was sind zwei devote Menschen, die niemanden haben, der ihnen Anweisungen gibt?

Man ist das, zu dem man von seinem Gegenüber gemacht wird. Im besten Fall deckt sich das mit dem, was im eigenen Innersten angelegt ist. Wenn nicht, kann man sich entscheiden, ob man eine Rolle annimmt und spielt – so wie Wanda es tut – oder nicht. Am Ende der Geschichte findet Wanda einen Mann, der sie dominiert. Der sogar Severin für sie auspeitscht. Mit ihm ist sie schließlich zusammen, weil er das in ihr weckt, was in ihrem Innersten angelegt ist, es zum Vorschein bringt und den Gegenpart dazu verkörpert, den sie braucht.

Ich zum Beispiel habe Erfahrungen gemacht mit Männern, die sich unterwerfen – im Bett und vor allem im Leben. Die jemanden brauchen, der sie an die Hand nimmt, der führt, die mit sich nicht klar kommen und sich einer Frau zu Füßen legen und es als Liebe und Verehrung verkaufen. Und ich habe die Rolle eingenommen, die von mir verlangt wurde – wie Wanda – weil mir mein Gegenüber wichtig war und es das war, was er wollte. Ich wurde zur Despotin, vor allem im Leben. Habe zwar nicht gepeitscht, aber an die Hand genommen und geführt. Habe erkannt, dass ich es kann – besser als ich möchte. Aber schließlich und endlich eben auch erkannt, dass es nicht das ist, was in meinem Innersten angelegt ist.


Literaturwissenschaftlicher sehen in Wanda eine Frau, die ihren Sklaven peitscht – kennen sich aber mit BDSM nicht aus. Und das ist der Punkt. Denn wenn sie es täten, würden sie erkennen, dass Wanda in keinster Weise die Prototyp-Domina ist, für die sie in die (Literatur)Geschichte eingegangen ist. Sondern vielmehr eine eigentlich devote Frau, nach eigenen Idealen lebend, die weiß, was sie sucht.
Und die dennoch bereit ist, sich zu dem machen zu lassen, was ihr Gegenüber gerade braucht. Aber (und das ist noch wichtiger) am Ende ist sie dennoch reflektiert und autark genug, um zu erkennen, dass es nicht das ist, was sie will und dass sie aus diesem Grund auch ihr Gegenüber nicht dauerhaft glücklich machen kann. Sie bringt Severin dazu, von sich aus die Verbindung abzubrechen und wird mit dem Mann glücklich, der sie nackt sieht – ohne den Pelz, der ihr angelegt wird.

 

 

4 Kommentare

    1. Das freut mich sehr zu lesen – da mich dieses Thema bereits an der Uni in wissenschaftlichem Sinn schon immer interessiert hat, wird dazu auch hin und wieder etwas kommen 😉 Vielleicht sogar ein ganzes Kapitel aus meiner Arbeit.

      Ich wünsche dir einen wunderbaren Tag 🙂

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