I wish you a crapy Christmas

oder warum es unsere Pflicht als Singles ist, an Weihnachten depressiv zu sein

 
(WARNUNG 1: Alle sehr konservativen Christen oder andere, die keinen Spaß verstehen, wenn es um Weihnachten geht, sollten diesen Beitrag nicht lesen! Oder ihn geradezu studieren, um mir anschließend eine ausführliche Nachricht schicken zu können, in der ich darüber aufgeklärt werde, wie unangemessen er ist.
 
WARNUNG 2: Sarkasmus. Schonmal gehört?) 
 
Dieser Blogbeitrag (ihr solltet ihn übrigens bis zum Ende lesen, um ihn zu verstehen) liegt mir persönlich sehr am Herzen, da ich mich selbst zum Kreis der Betroffenen zählen muss. Dieser Kreis besteht aus:
 
– Singles
– Alleinstehende und Getrenntlebende
– in offener Beziehung-Lebende, die Heilig Abend nicht mit dem Partner verbringen
– Zweit-Subs, deren Herr Heilig Abend mit der/dem Erst-Sub verbringt
– sich in Trennung-Befindende
– noch immer dem/der Ex-Hinterhertrauernde
– Sitzen-Gelassene
– und alle anderen, die nicht in eine Schublade passen, aber Heilig Abend nicht als die eine Hälfte eines Paars verbringen
 
Ich habe ein Problem.
Schon seit Jahren wusste ich es irgendwie, habe gemerkt, dass etwas mit mir nicht stimmt, dass ich nicht normal bin, dass mir etwas fehlt. Irgendwann habe ich mein Problem erkannt und jetzt – endlich – kann ich darüber reden. Möchte das Schweigen brechen, das über dieser Gruppe von Betroffenen liegt, weil sich niemand traut, das Thema öffentlich anzusprechen.
 
Also… hallo. Ich heiße Ophelia. Ich bin… Single und habe an Weihnachten keinen Partner.
 
Wow, es tut gut, das auszusprechen! Um meine Lektion zu lernen und mich mit meinem Problem auseinanderzusetzen, möchte ich euch eine Geschichte erzählen. Die Geschichte nämlich der bekanntesten Weihnachtslieder. Ja, richtig – sie alle erzählen ein und dieselbe Story, haben ein und dieselbe Message. Bei Listen der „20 bekanntesten und beliebtesten Weihnachts-Pop-Songs“ lese und höre ich nach. Aus 17 (!) davon entsteht diese lehrreiche Geschichte:
 
 
Letzte Nacht  I took a walk in the snow und sehe couples holding hands places to go. Da denke ich mir traurig: seems like everyone but me is in love. Mir kommen Tränen, denn: I want someone to love me and someone to hold. Natürlich kann ich mir von Santa oder dem Weihnachtsmann etwas wünschen – aber es gibt ja nichts, was mich glücklich machen kann außer einem Partner. Ich muss an last Christmas denken und daran wie I gave you my heart. Dabei erinnere ich mich when you were here and all the fun we had last year. Es ist einfach not the same alone on Christmas day. Geschenke bedeuten nichts, wenn ich allein bin, denn Weihnachten vor dir war cold and grey, noch ein Feiertag mehr alone to celebrate. Du bist all I need, deshalb: I’m gonna hold you close und stelle sicher, dass dir klar ist: I was lost before you. Nicht, dass du noch denkst, ich könnte ohne dich leben! Ich bin abhängig von deiner Liebe und Aufmerksamkeit. Was bin ich schon ohne Partner?  I just want you for my own, more than you will ever know. Letztes Jahr war meine Welt gefüllt mit cheer and you. Denn ich wusste: Christmas time ist die Zeit im Jahr to be with the one you love. Allein an Weihnachten gibt es nur grief and pain, aber wenn du da bist, dann I’ll be happy, happy!
 
Aber stattdessen träume ich nur davon, wie ich christmasing with you und bin traurig und angepisst, du Schlampe, denn the very next day, you gave mein Herz away.
Also gebe ich es dieses Jahr to someone special. Diesen someone muss ich jetzt nur noch finden.
 
Also bitte, Santa – es ist bald Heilig Abend und I just can’t sleep. Ich werde wohl warten und hoffen müssen, dass du mir jemanden bringst. Ja. I’ll just keep on waiting – underneath the mistletoe.
Vielleicht verliebe ich mich noch rechtzeitig – ich kann nach Silvester ja auch wieder Schluss machen.
 
Wenn ihr die Moral von der Geschicht‘ begriffen habt, meine Lieben, dann setzt bitte alles daran, euer Problem in den Griff zu kriegen. Einsicht ist der erste Schritt – und glaubt mir, man kann sich helfen lassen. Zum Beispiel gibt es Meetings für Betroffene. Quasi für Anonyme Singles. Schaut einfach aufmerksam auf Facebook. Die „Christmas for lost souls“-Events und „Weihnachten für Singles“ haben noch Plätze frei, wenn ihr euch rechtzeitig meldet. Da wird euch geholfen.
Andererseits… jetzt, wo ich darüber nachdenke… Was würden die Paare machen, wenn wir nicht mehr depressiv wären? Man erkennt doch das Gute immer nur in Abgrenzung zum Schlechten. Überlegt mal, alle wären einfach glücklich an Weihnachten?!
Nein, schon klar – das geht nicht. Es ist quasi unsere Pflicht als Singles – gehört per definitionem dazu – an Weihnachten depressiv zu sein. That’s part of the job. Damit die, die es nicht sind, uns bemitleiden können und es zu schätzen wissen, dass sie nicht allein sind.
 
Auch nicht? Hm.
 
Na schön, ihr wolltet es nicht anders:
 

Ich heiße Ophelia. Ich bin Single. Ich habe an Heilig Abend keinen Partner und auch keine Familie, zu der ich jedes Jahr fahre.

 
Stattdessen werde ich es machen wie letztes Jahr:
Ich werde ein Vier-Gänge-Menü kochen, während meine Seelenschwester zu spanischen Christmas-Salsa-Liedern unsere Weihnachts-Yucca-Palme schmückt und der Hund Lametta in der Wohnung zerrupft. Dann werde ich mit meiner Seelenschwester, ihrem Partner und vielleicht zwei oder drei Freunden (vielleicht auch nicht?) ein ausgiebiges Fressen veranstalten. Und anschließend kommen – wie letztes Jahr – alle Leute, die Bock haben auf einen unkonventionellen Abend. Auf Facebook und Co habe ich in all meinen Kreisen kommuniziert, dass meine Tür ab 21 Uhr offen steht für jeden, der mag. Es waren Kinky People da, einige Salsa-Leute, meine Tätowiererin, alte Freunde und ferne Bekannte. Es gab Reste vom Essen, Feuerzangenbowle und Schoko-Fondue. Und es war der Hammer.
 
Am ersten Weihnachtsfeiertag werde ich dann in Leder und Ketten gekleidet auf eine BDSM-Veranstaltung gehen und mir unter Gleichgesinnten vermutlich den Arsch versohlen lassen. Falls jemand Christbaum-Kugeln an meine Nippel hängen möchte, nur zu. Und die Rute von Knecht Ruprecht findet dort sicherlich auch ihren Sinn und Zweck. Und wenn man mir devotem Fickstück eine Weihnachts-Aufgabe stellen möchte, kann ich gern nackt unter den Baum stehen und ein Gedicht aufsagen. Kein Weihnachtslied, davon hat die Welt genug.
Nein, ein Gedicht.
Das würde wohl etwa folgendermaßen klingen:
 
Advent, Advent, mein Arsch, der brennt.
Erst eins, dann zwei, dann… Fuck – nochmal.
Dann schwingt die Peitsche neu zur Qual.
 
Nein, jetzt mal im Ernst. Ein richtiges Gedicht natürlich: 
 
Stille Nacht, Heilige Nacht,
Alles schläft, einsam wacht
nur das traute hoch heilige Paar
und ich dazu – in seliger Qual.
Schlafen kann ich später noch
Heute brauche ich das Joch
von einem Herren, der es schafft,
dass ich vor Lust fast gar verschmacht.
Und selbst wenn nicht, dann sei es so
Ich fick mich selber in den Po
und reime Texte so versaut
dass keiner sich danach noch traut
zu sagen, dass er’s traurig find‘
dass ich an Weihnacht‘ Single bin.
 
Ihr könnt‘ mich mal, ich bin allein
und das ist gut so, denn: begreift,
dass jeder von uns nur so viel
wert ist, wie er selbst es fühlt.
Keiner sollte brauchen, dass
ein anderer ihn lächeln macht.
 
So merkt euch eins, ihr Kinder:
es ist so kalt der Winter,
da schrumpft der Penis stark
drum macht ihn wieder hart.
Dann, ihr Männerlein, kommet
oh kommet doch all
und gießt über die Glocken
den fröhlichen Schwall
die süßer nie klingen
als wenn sie weiß schimmern.
 
Stille Nacht, Heilige Nacht
alles schläft, einsam wacht
nur das traute hoch heilige Paar
und die Sub mit Sperma im Haar.
Die wurde zu den drei Königen geschickt
die haben sie ziemlich durchge…
Jedenfalls werde ich weiter reimen
auch an Weihnachten ganz alleine,
denn gut geht es mir so oder so
alleine, zu zweit oder mit Finger im Po.
 
Und wenn jemand findet, dass unangebracht
die Reime doch sind, die ich hier mach
dann denkt doch mal nach, ihr Hirten und Engel
was ihr anrichtet mit eurem Bemängeln
der Singles und jener, die in dieser Nacht
allein sind und die ihr glauben macht
das sei etwas Schlechtes und muss traurig sein
ihr könnt uns mal kreuzweis‘, ich bleibe dabei.
 
Und statt jetzt zu warten auf Rudolf und Co
Schieb ich mir lieber …
Nein, wartet – mir fällt etwas besseres ein:
ich leg mich unter den Mistelzweig.
Doch statt zu warten auf einen Kuss,
besorg ich’s mir selbst und mach jetzt gleich Schluss.
Ich schiebe mir also an Weihnacht‘ zum Trotze
Die Christbaumspitze in meine…
 
 
Dekokiste für nächstes Jahr.


Bitte in eigener Sache

oder: eine Klarstellung.

Wer bis hierher gelesen hat, hat – so hoffe ich zumindest – das ein oder andere Mal geschmunzelt. Allerdings ist es mir, an dieser Stelle ganz ohne Sarkasmus und Reime, ein sehr persönliches und wichtiges Anliegen, das Folgende loszuwerden:
 
Ich habe viele Weihnachten verbracht ohne Eltern, ohne Familie, ohne Rückhalt und auch ohne Partner. Und nein, es ist nicht immer einfach. Auch heute noch habe ich meine kurzen Momente. Doch ich musste und habe es gelernt, auch wenn es einige Jahre ging.
Allerdings: statt dabei zu helfen, macht es einem unsere Gesellschaft noch um einiges schwerer. Es wird als Makel kommuniziert und als Grund für Depressionen dargestellt, wenn man an Weihnachten keinen Partner hat. Weihnachten allein zu verbringen wird uns als Königsdisziplin verkauft, als eine Challenge, die es irgendwie zu überleben gilt. Und das ist genau so eine Illusion, die man uns aufdrängt, wie vieles andere auch.
 
Ihr Lieben, wenn ihr allein seid in der Weihnachtszeit, dann lasst euch eines gesagt sein:
 
Das Fest der Liebe bedeutet für jeden etwas anderes. Die einen feiern ein christliches Fest, die anderen zelebrieren ihre Familie. Einige haben nur Freude, wenn sie teure Geschenke bekommen und ein paar brauchen einen Menschen, der ihnen drei Worte sagt, damit sie sich geliebt fühlen können – als wäre es ein Weihnachtsgeschenk. Und einige da draußen fühlen sich – das verspreche ich euch – mit Partner in einer nicht-funktionierenden Beziehung einsamer als viele von uns.
 
Also liebt! Aber liebt die Menschen, die euch auch an allen anderen 364 Tagen im Jahr lieben. Fangt an, euch auch in der Weihnachtszeit selbst zu genügen.
 
Mir ist dieses Thema ungemein wichtig – denn ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, depressiv zu sein. Vor allem an Weihnachten. Nicht umsonst gehen die Selbstmordraten in diesen Tagen in die Höhe – das ist kein Spaß, das ist nichts zum Lachen. Es geht vielen Menschen wirklich schlecht in einer Zeit, die eigentlich schön sein sollte.
 
Also verdammt – ignoriert diesen Hollywood-Shit, beschränkt euch auf Weihnachtslieder über Rentiere und belächelt die mitleidigen „Kommst du allein?“-Fragen.
Und versteht mich nicht falsch: ich freue mich für alle, die Weihnachten als Paar und verliebt in einer glücklichen Beziehung verbringen. Aber das muss weder besser noch schlechter sein.
 
Leute.
Es ist das Fest der Liebe – wenn das stimmen sollte, dann braucht ihr keinen Partner. Liebt eure Freunde, eure Familie oder die, die eben da sind. Ich sage das nicht leichtfertig – ich weiß, wovon ich rede. Ich hatte nie ein funktionierendes Elternhaus, habe nie feste Familienpläne an Weihnachten. Es geht trotzdem.
Mehr noch:
Wenn man lernt, wie, dann ist es sogar eine wirklich schöne Zeit.
Also schenkt Liebe an alle, die sie brauchen können. Und das Wichtigste:

Liebt euch selbst.

Manchmal ist die Person, von der man Liebe am nötigsten hat, die, die man im Spiegel sieht.

 

 

In diesem Sinne wünsche ich euch eine schöne Vor-Weihnachtszeit.
Eure Ophelia

Wenn ihr dieser Botschaft zustimmt, dann bitte ich euch: tragt sie in die Welt hinaus. Ihr müsst dafür nicht meinen Beitrag teilen. Ihr dürft all das gern einfach in eigenen Worten oder anonym weitergeben.
Nur tut es. 
  
Und: gönnt euch ein laszives, ketzerisches Schmunzeln, wenn ihr die Christbaum-Spitzen an eure Bäume steckt oder euren Subs Mistelzweige an die Halsbänder bindet.
Einfach so…
…weil Sex immer alles ein bisschen schöner macht. 😉



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12 Kommentare zu „I wish you a crapy Christmas

Gib deinen ab

  1. Hat dies auf Devote Romantikerin rebloggt und kommentierte:
    Stille Nacht, Heilige Nacht
    alles schläft, einsam wacht
    nur das traute hoch heilige Paar
    und die Sub mit Sperma im Haar.

    Die Ophelia gibts uns. Und zwar richtig. Lesen, bis der Knecht Rupprecht zwei Mal klingelt! Feuchtfrohe Vorweihnachten wünscht euch eure Stella. So, und jetzt: Ta ta ta …

    Gefällt 3 Personen

  2. Dein Weihnachtsfest klingt für mich wunderbar. Da würde ich mich wesentlich lieber anschließen, als bei dem Pflichtbesuch „der lieben Familie“. Am Anfang habe ich geschmunzelt, zum Teil Tränen gelacht und dann die Wende. Du sprichst ein wichtiges Thema an und ich sag jetzt einfach mal danke. ❤

    Gefällt 4 Personen

    1. Danke dafür – das freut mich sehr zu lesen. 🙂
      Und noch mehr, wenn ich jemanden zum Lächeln bringen kann – genauso wie zum Nachdenken, in welcher Form und mit welchem Ergebnis auch immer. Das Nachdenken selbst reicht schon 😉

      Wünsch dir noch einen schönen Abend. 🙂

      Gefällt 1 Person

  3. Du hast ja schon viele kluge Dinge gesagt. Ich bewundere Dich und liebe dich dafür.
    Mit Deinem Weihnachtsgedicht, ich habe es mir bildlich vorgestellt, hast Du mich doch echt heiß gemacht.
    Ich wünsche Dir eine wundervolle Vorweihnachtszeit liebe Ophelia

    Gefällt 1 Person

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