Bilanz ziehen

oder: Vorsätze, Zweifel und eine Faust auf dem Tisch

Dieser wird der letzte Beitrag aus meiner Feder in diesem Jahr. Persönlicher als andere, vielleicht alle bisherigen. Es ist eine bewusste Entscheidung.

Diszipliniert wie ich sein kann (zumindest wenn ich wirklich will), habe ich alle meine Vorsätze für 2017 eingehalten. Ich habe den Rest des Examens durchgezogen. Habe auch mit anderen Dingen aus meiner Vergangenheit abgeschlossen. Habe beim Training sogar mehr erreicht, als ich mir vorgenommen hatte. Was Männer angeht und Erfahrungen im BDSM-Kaninchenbau kann ich mich nun wirklich nicht beschweren. Und auch zwei andere, persönliche Vorsätze habe ich umgesetzt. Ich kann mich in dieser Hinsicht also nicht beschweren.

Ich bin nicht abergläubisch. An Dinge wie Glück, Kleeblätter finden und Bleigießen glaube ich nicht. Bleigießen werde ich heute Abend dennoch – weil es Spaß macht. Und weil ich an etwas anderes glaube: das menschliche Unterbewusstsein. Ich glaube, dass das menschliche Unterbewusstsein selektiv wahrnimmt und manche Dinge, die es näher betreffen, eher oder eben weniger bereit ist zu sehen. Deshalb finde ich diese Buchstabentafeln so spannend. 12×12 Reihen an Buchstaben durcheinander gemischt, die man sich an Silvester über Whatsapp und Facebook sendet. Man muss drauf schauen und die ersten drei Wörter, die man liest, bestimmen dann das kommende Jahr. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass das Unterbewusstsein bestimmte Wörter schneller erkennt als andere und es nicht völliger Zufall ist.

Mehr natürlich auch nicht – denn ich kann mein Jahr selbst bestimmen. Nicht in dem Sinne als dass ich planen kann, was mir passiert – aber ich kann durchaus bestimmen, wie ich mit den Dingen umgehe, die mir passieren. Wie ich Chancen nutze – oder ob überhaupt. Wie ich mich Herausforderungen stelle, ob ich bereit bin, an ihnen zu wachsen. Ob ich anfällig bin für Selbstmitleid oder erkenne, dass das Leben nicht immer Spaß macht und aktiv darauf reagiere. Ob ich in der Lage bin, Dinge anzunehmen. Ob ich fähig bin, die guten Dinge zu schätzen zu wissen und dankbar zu sein für ein gutes Jahr.

Ich bin dankbar für dieses Jahr, denn es war eines meiner besten. Neben Vorsätzen, die ich mir durchaus an Silvester vornehme, habe ich die Gewohnheit, jedes Jahr unter einem Motto zu beginnen. Einer Art Leitmotiv. Mein Motto für 2016 zum Beispiel war Mittelwege.
Das Motto für 2017 lautete Das Leben genießen.

Und das habe ich getan. Und ausnahmsweise hat das Leben mir die Umsetzung dieses Mottos gegönnt. Ich habe mit vielen Dingen aus meiner Vergangenheit abgeschlossen. Habe mein Staatsexamen endlich komplett beendet. Ich habe dieses Jahr niemanden verloren. Darüber hinaus durfte ich Erfahrungen sammeln, von denen ich seit Jahren träume.
Und ich war stabil wie nie zuvor. Es hat viele Jahre gekostet, aber dieses Jahr war das erste in meinem Leben, in dem ich zu Herbstbeginn keinen Einbruch hatte, keine Zeit der Dunkelheit, keine Flashbacks, keine Alpträume. Dafür bin ich dankbarer als ich es in Worte fassen kann.

Allerdings bin ich kein Mensch, der seine Lebensaufgabe darin sieht zu genießen. Dieses Jahr war nötig und gut, aber das Motto für das Folgende wird ein anderes sein:

Grenzen testen

Ich brauche wieder mehr.
Ich brauche Herausforderungen. Ansporn. Motivation. Niederlagen und Gründe, wieder aufzustehen. Erfolge und Misserfolge. Harte Lektionen, die mir etwas beibringen. Menschen, die mich fordern. Ziele, die es zu erreichen gilt. Da ich allerdings in vielen Bereichen keine klaren Ziele setzen kann, weil ich nicht einschätzen kann, wo diese liegen könnten, gilt es Grenzen auszutesten. An ihnen zu kratzen. Zu sehen, was möglich ist.

Das 60%-Arbeiten hat dieses Jahr gut getan, aber – so komisch das klingt – mir fehlt langsam der Anspruch. Ich will mehr. Ich brauche keine Karriere, aber ich sehe so viel, was im Bildungssektor und im Schulsystem schief läuft, dass es eine Verschwendung ist, wenn ich nicht mehr Zeit investiere in diesen Bereich, um herauszufinden, was man ändern kann. Was ICH ändern kann. Ich kann die Welt nicht auf den Kopf stellen, das weiß ich – aber ich möchte herausfinden, was passiert, wenn ich anfange, sie ein bisschen zu kitzeln.
Ich werde meine Grenzen testen. 

Ich habe vor, in die aktive Trainer-Richtung zu gehen – herauszufinden, ob ich mit dieser Leidenschaft, die ich habe, Geld verdienen könnte. Wie realistisch das ist, weiß ich nicht.
Ich werde meinen Grenzen testen. 

Im BDSM-Kaninchenbau fühle ich mich mehr zu Hause als ich es je für möglich gehalten hätte. Aber da ist noch so unglaublich viel, was ich ausprobieren möchte und so viele eigene Grenzen, die ich nicht einschätzen kann. Ich will ausprobieren, ich will erfahren, ich will herausfinden, was geht und was nicht.
Ich werde meine Grenzen testen.

 


Es gibt nur eine Grenze, die mich nicht nur motiviert, sondern mich zögern lässt. Die feine Linie nämlich zwischen der Anonymität meines Alter Ego im Internet und meiner realen Person. Meinen letzten Blog, den ich bis vor zwei Jahren schrieb, habe ich vielmehr für mich geschrieben, um Dinge zu verarbeiten. Bei diesem Blog hier war durchaus meine Absicht, in Kontakt zu treten mit der Welt. Er ist seit Oktober online und hatte in den letzten acht Wochen Besucherzahlen im vierstelligen Bereich. Mit Twitter hatte ich nie etwas am Hut, ich kann eigentlich nicht mal mit Hashtags umgehen – seit rund drei Wochen bin ich auch dort präsent und meine Followerzahl ist dreistellig. Dann kam die Einladung zum #kaminabendbdsm im Januar, zu dem ich als reale Person erscheinen werde. Natürlich werde ich mit Pseudonym angesprochen und soweit ich weiß werden auch keine Bilder veröffentlicht, wenn man nicht möchte. Aber allein, wenn ich mit meinem Joy-Profil auf die Joy-Seiten des Events klicke oder auf diverse Profile der Teilnehmer, kann man sich Dinge erschließen. Das bereitet mir Bauchschmerzen.

Nicht, weil mir etwas peinlich ist. Sondern aus diversen anderen Gründen.
Weil ich die Anonymität so genieße. Ich kann in die Weiten des Internets schreiben, ohne dass mich jemand kennt – das führt zu einer Offenheit, die man im realen Leben oftmals nicht an den Tag legen kann. Ein großer Bedenkpunkt ist, dass ich nicht möchte, dass die Menschen, über die ich hier schreibe, diesen Blog sehen. Ich schreibe nichts Falsches, aber ich könnte verstehen, dass manche nicht begeistert wären – in erster Linie wohl Khal Drogo. Und ja, der Gedanke, dass andere meiner realen Kontakte mein Innenleben zu diesem Thema im Detail lesen, gefällt mir auch nur bedingt. Übrigens ist heute die Entscheidung gefallen, dass ich meiner Seelenschwester den Link gebe. Sie weiß natürlich von dem Blog, aber bisher hat sie nichts davon gelesen. Ich wollte es nicht. Sie weiß im Grunde alles von mir – könnte wohl über jeden Vibrator sagen, in welcher Schublade meines Zimmers er liegt. Aber diese Sache hat mir gehört, bestand nur für mich. Es war jedoch klar, dass ich es nicht ewig würde geheim halten können, sie kennt mich zu gut – wir stehen uns zu nah. Deshalb wird dieser Blog zum Jahreswechsel wohl einen neuen Follower bekommen. Ich beiße die Zähne zusammen, muss aber auch schmunzeln – nachsichtig mit mir selbst und leicht amüsiert. Als hätte ich so etwas vor ihr geheim halten können.. lächerlich. 🙂

Der dritte Punkt ist der, weshalb ich auch mit dem Swinger-Club und der Escort-Sache und all den anderen fiktiven Gedanken so schnell abschließe: ich arbeite mit Kindern. Zurzeit nicht als Lehrerin, das kommt aber wieder. Ich habe einen furchtbar guten Draht zu Schülern. In 90% der Fälle, weil ich NICHT auf das höre, was mir die Universität beigebracht hat, sondern auf meinen Verstand und meine Intuition. Ich bin davon überzeugt, dass unser Schulsystem vollkommen destruktiv ist und viele junge Menschen negativ prägt. Ich sehe jeden Tag Schüler, die unter Druck stehen, strengere Terminkalender haben als ich selbst oder gemobbt werden, geprägt für ihr Leben. An meinem Tischen sitzen regelmäßig weinende, tatsächlich weinende Mütter, verzweifelt und hilflos, weil es dem eigenen Kind schlecht geht und sie nicht helfen können. Weil Schul-Sozialarbeiter überfordert sind und Lehrer sich nicht angesprochen fühlen. Weil Rektoren nur Zahlen im Kopf haben und Pädagogen falsch ausgebildet sind. Ich habe in Einzelfällen geholfen, aber das sind Tropfen auf den hießen Stein. Ich hasse es, das jeden Tag sehen zu müssen.

Wenn ich aber irgendwann auch nur eine Kleinigkeit in diesem Bereich ändern möchte, brauche ich die Möglichkeit, hier zu arbeiten. Die Arbeit in diesem Bereich unterliegt aber strengsten Vorgaben. Ich kenne Lehrer, die von ihrer Neigung zu BDSM wissen und darauf verzichten, sie auszuleben. Die in keine Clubs gehen, auf keine Events. Manchmal nicht einmal in öffentliche Schwimmbäder oder eine Sauna. Weil man sie sehen könnte und sie Angst haben, dass es Auswirkungen auf ihren Beruf hat oder sie ihre Verbeamtung verlieren.

Solche Gespräche machen mich aggressiver als ich in Worte fassen kann. Ich bin überzeugt, dass einige der Lehrer mit diesen Neigungen deutlich bessere Pädagogen sind und deutlich mehr gebraucht werden als die meisten anderen – jene nämlich, die alte Konventionen vorleben. Die die monogame Ehe als einzige Lebensform sehen, die Leute verurteilen, die mit Ende 30 noch immer keine Kinder haben, die in kleinen Runden dann über Flüchtlinge meckern, die Frauen, die ihre Sexualität ausleben, Schlampen nennen und nicht im Ansatz zu schätzen wissen, wie gut wir es hier eigentlich alle haben und worum es im Leben eigentlich geht.

 


Ich werde zu keinem Zeitpunkt aufhören, in dieser Szene unterwegs zu sein, meine Neigungen auszuleben. Weil ich merke, dass es nicht abartig, sondern gesund ist.
Ich werde aber auch zu keinem Zeitpunkt aufhören, meinem Beruf und der Arbeit mit jungen Menschen nachzugehen.
Und ich werde zwischen diesen beiden weiterhin regelmäßig meine Feder spielen lassen. Texte schreiben zwischen persönlichen Erfahrungen, sexuellen Fantasien und ernsthaften Messages, die ich gern in die Welt hinausrufen möchte. Ich werde zum KaminabendBDSM gehen und reale Menschen kennenlernen, die ich virtuell bereits ungemein mag. Und ich werde – bewusst – das Risiko eingehen, dass mir irgendwann alles um die Ohren fliegt. Dass sich etwas deckt, dass jemand eine Bemerkung macht, dass Dinge, die online geschrieben stehen, auch ins Real Life übertragen werden und ich  Schwierigkeiten bekomme.
Ich werde meinen beiden Tattoo-Termine 2018 Jahr wahrnehmen und aufhören zu grübeln, ob die Stellen zu offen sind für meinen Beruf. Wenn ein Tattoo am Unterarm dazu führt, dass ich für einen Job nicht geeignet bin, dann sollte ich diesen Job wohl auch nicht ausführen. Ich akzeptiere Regeln – sie sorgen für die Möglichkeit des friedlichen Zusammenlebens einer Gemeinschaft. Aber ich befolge sie nur, wenn sie auch genau dieser Sache dienen: dem friedlichen Zusammenleben. Nicht töten. Nicht stehlen. Keine Gewalt. Keine Diskriminierung. Dieser Art von Regeln.

Aber Maximen wie

  • Tätowierte Menschen sind weniger kompetent und weniger seriös
  • Sex gehört ins Schlafzimmer
  • Frauen, die Sex frei ausleben, sind Schlampen
  • Die monogame Ehe ist die einzige akzeptable Lebensform
  • Nicht system-konforme Kleidung bedeutet weniger Seriosität

…akzeptiere ich nicht als Regeln. Wenn mir der Widerspruch gegen einen dieser Leitsätze einen Stein in den Weg legt, dann sei es so. Ich werde einen Teufel tun, mir von der Gesellschaft sagen zu lassen, wie ich leben soll. Und ich WEIß, dass Menschen wie ich im Schulsystem dringender gebraucht werden als systemkonforme, augenscheinlich „anständige“ Vorbilder und Autoritäten. 

Ich lasse mich nicht auf ein „entweder/oder“ ein. Ich entscheide mich nicht zwischen Blog, Sex, BDSM, Joy, dem freien Ausleben meiner Individualität und dem Leben und der Arbeit in und an Schulen und mit Schülern. Ich will beides. Und ich will vermitteln.

Ich will Grenzen testen. 

Sehen, was passiert. Wohin ich komme. Wen ich erreiche und wer mitgeht. Und im Idealfall entsteht aus dieser Mischung irgendwann eine Message – dieselbe, die ich meinen Schülern vorleben möchte:

 

Seid authentisch. Seid ihr selbst. Solange es keinem anderen schadet, ist das der einzige Weg, der in Frage kommt. Der einzige,
mit dem ihr glücklich werdet. 

Und selbst glücklich – mit sich im Reinen – zu sein ist die Voraussetzung, um anderen Menschen Gutes tun zu können. 

 


 

In diesem Sinne wünsche ich euch einen wunderbaren Beginn eines neuen Jahres.

Eure Ophelia

 

 

 

 

 

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