Unleash – For Real

Oder: Wie der Teufel ein Machtwort schlug


Vorab: Letztes Mal habe ich mich für die Länge eines Beitrags entschuldigt. Das spare ich mir diesmal. Ich kann nicht anders. Ich komme in einen Flow und finde keine Grenze – eine Erfahrung, die ich nicht zum ersten Mal in diesen Tagen mache.

Aber zum ersten Mal werde ich mich nicht dafür entschuldigen.
Oder mich rechtfertigen.
Oder versuchen, mich zurückzunehmen.

Ich mache das, wonach mir ist.
Manchmal heißt das, über Grenzen zu gehen.
Manchmal heißt das, Dinge zu tun, die anderen aufstoßen.
Manchmal heißt das, einen viel zu langen Blogpost zu schreiben.

Manche wenden sich ab, sehen mich seltsam an – i don’t care.

Andere bleiben.
Nicht, obwohl ich so bin wie ich bin – sondern deswegen.

Die sind mehr als genug.

 


 

Ich durfte mittlerweile auf eine erregend harte Tour lernen, dass der Teufel ausgesprochen gut tanzen kann und auch ein geschicktes Händchen beim Poker besitzt. In seinem Element jedoch habe ich ihn bislang noch nicht erlebt.
Ich meine: was ist der Teufel, wenn nicht der Herrscher der Unterwelt?

Und was für ein Herrscher wäre er, wenn er nicht ein Machtwort sprechen würde, wenn jemand ihm nicht den nötigen Respekt zollt – oder denen, die er beschützt? 

Wenn sich also Kommentare häufen und dazu führen, dass ich mich durchaus etwas einschüchtern lasse…
Dass ich unsicher werde…
Dass ich all das nicht mehr in vollen Zügen genießen kann, sondern mir zu viele Gedanken mache… 
Und das Ergebnis schließlich ist, dass ich meine eigene Leine noch ein wenig enger ziehe…

…dann ist das anscheinend der Punkt, an dem der Teufel sich vom Pokertisch erhebt, die Tanzfläche überquert, seinen Dreizack in die Hand nimmt, der für jene auf der anderen Seite des Styx wie eine Gerte aussieht, und das macht, was er am besten kann: 

Menschen daran erinnern, dass man sich nicht mit ihm anlegen sollte.

Aber – wie immer – von vorn:



Auftakt

Die Woche neigte sich dem Ende entgegen und ich schwankte zwischen allen möglichen Gefühlsregungen. Ich wollte keinen Ärger und das Gerede und die regelmäßigen Nachrichten und Kommentare aus verschiedenen Seiten irritierten mich und ja, das alles schüchterte mich ein. Luzifer und ich hatten täglichen Kontakt, der von spielerisch reichte bis zu ehrlicher, ernster Kommunikation über die Schwierigkeiten, die ich hatte.
Ich merkte, wie er schweigsamer und nachdenklicher wurde mit jedem Mal, dass ich von einer Nachricht, einem Kommentar oder Ähnlichem erzählte.

„Ich hasse es, was das mit dir macht“, sagte er irgendwann.

Ich zögerte, unsicher.

„Ich will, dass du das alles genießt, dass du dich fallen lassen kannst. Ich mag den Gedanken nicht, dass du anfängst, deine eigene Leine wieder enger zu ziehen, statt dich endlich gehen lassen zu können. Und ich hasse die Tatsache, dass das meiste davon mit mir zu tun hat.“

Er sagte das teilweise zu mir, teilweise zu sich selbst – das merkte ich. Als würde er über eine Lösung nachdenken. Ich schwieg, ließ ihn denken, war selbst in meinen eigenen Gedanken gefangen.

Am Freitag begann ich das Wochenende damit, zu ihm zu fahren. Ich will davon eigentlich gar nicht viel berichten, weil das den Beitrag sonst sprengt – immerhin geht es um gestern. Vielleicht so viel:

Er legte mir eine breite Kette mit einem Schloss um den Hals und legte mir dazu 10 cm breite Handfesseln aus schwerem Stahl um die Gelenke, die er ebenfalls mit einem Schloss fixierte und sammelte die drei Schlüssel auf seinem Nachttisch. Von dem Prinzip des „etwas an mir abgeschlossen tragen“ werde ich noch detaillierter berichten. Ich habe enorme Schwierigkeiten damit – das Ende vom Lied aber war, dass ich alles trug, bis ich ich am Samstagnachmittag wieder nach Hause fuhr. Die Handfesseln nahm er mir für den Nachmittag ab, ließ mir die Kette jedoch am Hals – und behielt die Schlüssel. Ich saß für einige Minuten im Auto, bevor ich losfuhr. Der Gedanke, den Schlüssel völlig außer Reichweite zu lassen, war schwierig. Aber ja, ich beginne, ihm auf eine Art zu vertrauen, die sogar solche Dinge zulässt. Ich weiß, er ist da, auch wenn er nicht da ist. Schräge Sache – auch dazu in anderen Beiträgen wohl mehr.

In der Nacht von Freitag auf Samstag beschränkten wir uns auf ein paar versaute Spiele mit Latexhandschuhen, sehr viel Sauerei, eine Handvoll Orgasmen und so viel Sex, dass ich wund war. Und wir redeten und lachten sehr viel. Am Samstagmittag wurde ich wachgefickt und bekam anschließend Frühstück ans Bett. Manchmal ist alles irgendwie eher wie in einem Film. Schwer zu beschreiben. Er jedenfalls erklärte mir, dass er in dieser Nacht absichtlich wenig getan hatte, weil er meinem Körper und vor allem meinem Kopf nicht zu viel zumuten wolle und der Höhepunkt des Wochenendes der Samstag sein würde. Ich war ihm dankbar dafür. Zumal Dinge wie das Tragen des Halsbands mit Schloss für mich Brainfuck genug sind.

„Ich hab viel nachgedacht, Mäuschen“, sagte er noch, als er mich Samstagnachmittag an der Tür verabschiedete, „du wirst heute einen Abend erleben, wie du ihn noch nie erlebt hast. Und das in einem positiven Sinne. Ich werd dafür sorgen – das ist ein Versprechen.“

Ich hörte das Gewicht, das in seinen Worten mitschwang und nickte nur.

„Das einzige, was dafür nötig ist, ist dass du mir vertraust“, fügte er hinzu, „denk noch ein bisschen darüber nach, was das heißt. Ich hol dich heute Abend ab, wann du möchtest. Dann reden wir nochmal. Und jetzt fahr vorsichtig, meine wunderbare, dreckige, kleine Schlampe“, setzte er mit einem teuflischen Grinsen nach und küsste mich liebevoll auf die Stirn.

Ich ging, ohne ein weiteres Wort von mir zu geben.
Mein Lächeln sagte genug.

Das Betreten der Unterwelt

Luzifer holte mich pünktlich um zehn ab, wir fuhren zur Location und brachten das übliche Prozedere an der Garderobe hinter uns. Keiner von uns beiden musste Eintritt zahlen – wir beide gehörten zur Familie.
Bevor wir das Innere der Location betraten, nahm er mich zur Seite und sah mich ernst an:

„Hast du über das nachgedacht, was ich heute Mittag gesagt habe?“ fragte er.

Ich nickte.

„Ich hab das ernst gemein“, fuhr er fort, „das hier könnte ein kleiner Spießrutenlauf werden, wenn wir es zulassen. Wenn ich es zulasse. Aber ich werde einen Teufel tun und zusehen, dass du dich zurückhälst, weil das Gerede der Leute dich einschüchtert, das nur entsteht, weil du mit mir hier bist. Wenn du mir vertraust, werde ich dafür sorgen, dass das nicht geschehen wird. Verstehst du, was ich dir damit sagen möchte?“

Ich glaubte es – war mir aber nicht sicher, was das konkret bedeuten würde. Deshalb zögerte ich.

„Wenn du es zulässt, Mäuschen, dann werde ich dich heute von der Leine lassen“, sagte er mit einem gefährlichen, dunklen Ton in der Stimme, „und ich werde dafür sorgen, dass alle, die es gewagt haben, dich zu beleidigen oder auch nur daran denken, dir krumm zu kommen, sich vor dir verneigen werden. Ich übernehme die Verantwortung – wenn du mir die Kontrolle über das gibst, von dem wir beide wissen, dass es in dir steckt.“

Mein Atem wurde schwer. Es war, als würde ich das tiefe Grollen in meinem Innersten tatsächlich hören, als würde die Metapher, über die ich erst geschrieben hatte, zum Leben erweckt werden.

Und diesmal ließ ich es geschehen. Ich richtete mich auf, zelebrierte das Zähnefletschen der Bestie in mir…

..und nickte.

Der Teufel nahm meine Hand und bereitwillig ließ ich mich in die Unterwelt führen.

Begegnungen

Ich schaffte es tatsächlich, meine Bedenken fast gänzlich abzustellen und so merkwürdig es auch klingen mag: der Gedanke daran, im Laufe des Abends vor genau den Menschen bestimmte Dinge zu tun, die mich zu Beginn komisch ansahen, pumpte Adrenalin in meinen Körper. Auf dem ersten langen Weg durch die Location in Richtung Bar, hielten wir alle paar Meter an, weil entweder (meistens) Luzifer jemanden begrüßte oder ich selbst jemanden traf, den ich kannte. Wir liefen nicht ständig Händchen haltend durch die Gegend, aber zeigten uns doch sehr offensichtlich als Paar. Und ja: die Leute schauten. Luzifer stellte mich vollkommen angemessen jedem vor, den er kannte und auch jene, die mich kennen, begrüßten ihn. Nun ja – zugegeben, einige der Herren, mit denen ich mich immer unterhalte, zeigten keine große Begeisterung. Aber das traf auch auf einige der weiblichen Begegnungen Luzifers zu, weshalb ich mir keine allzu großen Gedanken machte. Damit hatte ich gerechnet. Die Blicke der Leute, die wir nicht begrüßten, die ihn aber offensichtlich (oder mich vom Sehen mit Drogo?) kannten, entgingen mir nicht. Auf der Toilette wurde ich das erste Mal angesprochen:

„Du bist doch die, die mit Luzifer hier ist, oder?“ fragte eine junge, sehr attraktive Frau, als wir uns beim Spiegel begegneten.

„Ja“, sagte ich schlicht.

Sie lächelte herablassend und ein wenig… gespielt mitfühlend?

Versteht mich bitte nicht falsch – ich bin ein enorm harmoniebedürftiger Mensch und es braucht einiges, um mich aus der Fassung zu bringen oder mich in einen Streit zu verwickeln. Die vernünftige Konversation ist meine absolut oberste Problem-Lösungsstrategie. Aber im Laufe meines Lebens habe ich gelernt, dass man sich nicht alles gefallen lassen muss und dass, wenn einem Menschen mit einer bestimmten Haltung begegnen, man zwar keinen Streit vom Zaun brechen muss, aber eine Prise Sarkasmus durchaus nicht unangemessen ist.

Hinzu kam in diesem Moment ein ganz faszinierendes Prinzip, das ich jedes Mal auf solchen Events an mir feststelle: ich bin sehr nackt, fühle mich wohl und sicher mit mir und meinem Körper, trage wenig schwarzes Leder, Nieten, Ketten, Heels und fühle, was das Outfit und die Blicke der Öffentlichkeit mit mir machen: ich werde härter.
Es ist nicht mein Ziel, immer so zu sein und im Alltag zeige ich diese Seite an mir sehr selten. Aber ja, ich gebe es zu, dass ich es genieße, diese Härte, die in gewisser Form mit dem Gefühl von Stärke, vielleicht auch Dominanz, einhergeht, ausleben zu dürfen. Und wenn ich in diesem Modus bin, sollte man sich nicht mit mir anlegen – zumindest nicht so offensichtlich herablassend, noch dazu ohne jede Rechtfertigung. Ich hielt inne, begegnete ihrem Lächeln im Spiegel und erwiderte es zuckersüß. Teuflisch.

Vielleicht spürte sie, dass diese Andeutung noch nicht den gewünschten Effekt erzielt hatte.

„Dein erstes Event mit ihm? Süß“ sagte sie dann gönnerhaft.

Mein Lächeln wurde breiter.

„DEIN erster Versuch, beleidigend zu sein? Süß…“, antwortete ich.

Ich verließ die Toilette und durchquerte den Gang, an dessen Ende Luzifer auf mich wartete. Er grinste, als ich er mich sah.

Ich erwiderte sein Grinsen – und küsste ihn fordernd, als ich ihn erreicht hatte. Er zog mich mit sich, bis wir einen passenden Platz an der Hauptbar gefunden hatten, bestellte uns etwas zu trinken und zog mich zu sich. Wir verbrachten einige Zeit damit, mit Leuten zu reden, die wir kannten, etwas zu trinken oder einfach nur herumzustehen und uns zu küssen oder rumzumachen. Ich genoss das gemeinsame Auftreten mit jeder Sekunde mehr.

„Sag mal… hast du das kleine Miststück schon gesehen?“ fragte ich irgendwann unschuldig (ich nannte sie natürlich bei ihrem richtigen Namen 😉 ).

„Die ist nicht hier“, sagte er nur.

Ich stutzte und hob fragend die Brauen.

„Ich hab mit ihr geredet, weil ich schon geahnt habe, dass sie wieder ungeplant vor meiner Tür steht. Hat sich herausgestellt, dass sie das tatsächlich vorhatte“, er zuckte mit den Schultern, als wäre das die nötige Erklärung.

„…ja und?“ hakte ich nach.

„Uuund… ich hab ihr erklärt, dass das nicht in Frage kommt zurzeit. Das war doch der Deal, oder nicht?“ sagte er, als läge das doch auf der Hand.

Ich nickte und versuchte meine Irritation (und andere Gefühle) zu verbergen.
Also ein Punkt weniger auf meiner Konfrontationsliste für den heutigen Abend – ich beschwerte mich nicht. Im nächsten Moment sah ich Drogo an uns vorbeilaufen – er beachtete mich nicht und grüßte auch Luzifer nicht. Das blieb übrigens den Rest des Abends so. Es machte mich traurig, aber ich kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass ich daran heute nichts würde ändern können.

„Hey, ihr zwei“, hörte ich eine männliche Stimme und wandte mich um.

Der Lange stand vor uns – ich nenne ihn so, weil er das ist (groß und irgendwie lang) und weil der passendere Name „Schwätzer“ mir ein bisschen zu gemein klingt. Eigentlich ist er nämlich ganz nett. Ein flüchtiger Bekannter von Luzifer, den ich auf der Party vor zwei Wochen kennen lernte. Er hatte mich später am Abend um eine Ecke gerufen und ein Gespräch darüber begonnen, wie hart man mich rannehmen könne und ob ich so eine geile Drecksau sei, wie er glaubt. Bei diesem Gespräch vor zwei Wochen war ich ein wenig eingeschüchtert gewesen – weil er wirklich klang, als sei er enorm heftig drauf. Dazu später mehr.

„Hey“, begrüßten wir ihn.

„Na, heute die Frau gewechselt?“ fragte er stichelnd.

Ich spürte an meiner Seite und dem Arm, den er um mich gelegt hatte, wie Luzifer sich aufrichtete. Als ich zu ihm aufsah, lächelte er nur – dunkel und ruhig. Der Lange wandte sich zu mir und wechselte das Thema. Einfach so. Luzifer hat bei Weitem nicht nur auf mich eine solche Wirkung, wie es schien. Nicht, dass mich das überraschte.
Nach einigen Sätzen drehte sich das Thema um Sex und die harte Gangart.

„Die Kleine kann man sicher ziemlich rannehmen, was? Da kann man schon richtig zuhauen, oder?“ fragte er, an uns beide gerichtet, meinte damit aber mich.

Jetzt war es an mir, gefährlich zu grinsen. Ich spürte eine Sicherheit an Luzifers Seite, die mir wie eine Droge vorkam. Ich holte gerade Luft, doch er kam mir zuvor:

„Versuch’s nicht mal, mein Lieber“, sagte er feixend, „verschwendete Energie.“

Sein Gegenüber sah ihn jetzt herausfordernd an.

„Ach ja? Wieso? Hast die jetzt eine Zeit lang reserviert?“

Luzifer begegnete ihm so locker und mit einem so zuckersüßen Lächeln wie ich es vorhin auf der Toilette getan hatte – ich mochte ihn unglaublich dafür.

„Nein, aber unter uns: die Frau ist dir drei Nummern zu groß.“

Der Lange sah mich an.

„Ach ja?“

Ich schwieg. Beließ es bei einem sanften Lächeln, das alles und nichts sagte.

„Kommst du?“ fragte mich Luzifer und ich nickte ihm im Gehen noch zu. Hinter der nächsten Ecke blieb er stehen und sah mich an. Nach einem liebevollen Kuss fragte er, ob alles in Ordnung sei. Ich nickte. Nach einem kurzen Zögern fragte ich:

„Wieso sagst du sowas? Das stimmt doch überhaupt nicht – ich glaub der Typ ist wirklich heftig drauf.“

„Du bleibst dabei, ja? Dass du mir heute vertraust?“ war seine Gegenfrage.

Ich nickte.

„Gut. Denn ab morgen werden dir solche Fragen absurd vorkommen.“

Ich runzelte fragend die Brauen.

 

Eine Ansage

„Ich weiß, dass du es mir bis heute nicht wirklich glaubst, wenn ich dir sage, dass du krasser drauf bist, als du selbst es von dir denkst. Oder wenn ich sage, dass du keine Ahnung hast, was in dir steckt. Wie sehr du das alles eigentlich genießen könntest, wenn du es zulassen würdest. Genau deshalb werde ich dir heute zeigen, was passiert, wenn du loslässt“, sagte er immer leiser werdend und sah mich dabei intensiv an. Ich begann zu zittern.

„Typen wie der sind Schwätzer. Die Art von Männern, die dir bisher von ihrer Dominanz erzählt haben und dich von Anfang an an eine Leine legen wollten, weil sie insgeheim ein Ego-Problem haben. Die würden dich anleinen und dir Sprechverbot erteilen, wollen die absolute Kontrolle über dich haben. Obwohl sie dich gar nicht kennen, gar nicht einschätzen können. Das ist kein BDSM. Es ist erst dann BDSM, wenn du bei einem Gegenüber das Gefühl hast, dass er dich so frei sein lässt, dass du freiwillig darum bittest, dass er dich einschränkt und dir gewisse Freiheiten nimmt. Sich sicher fühlen – darum geht’s. Nicht darum, eingeschränkt zu werden. Du bist keine gewöhnliche Frau – ich sehe, wie Männer dich anschauen und das tun die nicht wegen mir. Aber du bist keine einfache Frau und das ist etwas Gutes. Du bist echt. Und du hast keine Ahnung, was in dir steckt“, wiederholte er. Seine Hand griff an meinen Hals und drückte zu, zog mein Gesicht zu sich.

„Du bist die Königsklasse, Mäuschen. Du siehst das nur noch nicht, weil du bisher an die falschen Männer geraten bist. An solche, die dich einschränken wollen und sich mit dir zeigen möchten. Du brauchst einen Mann, der sich dafür interessiert, was du möchtest.  Sich die Mühe macht, genau hinzusehen, um herauszufinden, wie du tickst. Der dich frei sein lässt. Der das Potential in dir erkennt. Und der sich dein Vertrauen so lange erarbeitet, wie es eben nötig ist. Weil er weiß, was das wert ist“, sagte er und löste seinen Griff.
„Jeder Mann, der nicht in der Lage ist, sich dieses Vertrauen zu verdienen, würde an dir scheitern. Für jeden Mann, der sich durch Gerede derart profilieren muss wie er, bist du drei Nummer zu heftig.“

„Aber das war ich bisher nie. So heftig war ich nie…“

„Ja“, sagte er verheißungsvoll und beugte sich zu mir, „weil dich noch niemand von der Leine gelassen hat.“

Er nahm meine Hand und zog mich in den Haupt-Playroom.

 

 

she has been through hell.
so believe me when i say:

fear her
when she looks into a fire and smiles.

e. corona

Der größte Playroom der Location war ein ausladender Raum mit einem Andreaskreuz, einem großen Ecksofa, einem kleinen Bock, einem schwarzen Stahlkäfig an einer Wand und einem Pranger. Dieser wurde gerade benutzt von einer Frau, die dabei gefingert wurde. Am Kreuz stand ein Mann mit Gesicht zum Holz und bekam ein paar Schläge auf den Arsch. Die Mitte des großen Raums war frei, eine Handvoll Leute waren verteilt auf das Sofa und die beiden Ecken. Es war nicht viel los, was mich irgendwie beruhigte, obwohl ich sonst auf Zuschauer sehr krass reagiere. Luzifers Ankündigung hatte mich durchaus nervös gemacht – allerdings war es bislang noch eine positive Art von aufgeregter Anspannung. Einige Minuten geschah überhaupt nichts. Luzifer zog mich neben sich, sodass ich an dem Käfig lehnte, der mir etwa bis zur Hüfte reichte. Wir sahen den beiden Paaren einige Minuten lang zu. Schließlich stellte Luzifer sich vor mich und küsste mich. Ich glaube heute, er hat nur darauf gewartet, dass ich mich ein wenig entspanne – denn in dem Moment, in dem genau diese Entspannung eintrat, in dem Moment, in dem ich ein wenig in die Knie sank und ein tiefes Schnurren von mir gab, packte er mich an der Kette um den Hals und hob mich an. Meine Finger krallten sich in seinen Unterarm. Er setzte mich wieder ein kleines Stück ab, hielt mich aber weiter an der Kette in einem festen Griff, während er mit der zweiten Hand nachsah, wie nass ich bereits war.

„Beine breit“, sagte er nur.
Ich kam der Aufforderung nach. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie er nach der Gerte griff. Im nächsten Augenblick ließ er die Kette los und ich lehnte mich wieder gegen den Käfig, stützte auch meine Hände hinter mir auf dem kalten Stahl ab.

Ich hatte darauf gewartet, dass er mich an ein Kreuz stellte oder über den Bock legte oder was auch immer tun würde – in dem Moment, in dem er sich vor mir aufrichtete und mich ansah, wusste ich, dass nichts davon geschehen würde. Er brauchte heute keine Möbel, keine Fesseln, keine Halterungen. Er brauchte heute nichts als mein Vertrauen. Seine Haltung war nicht übertrieben aufrecht oder ernst, er hatte keinen Schalter umgelegt, der dazu führte, dass jetzt in diesem Moment eine Session begann und ich genau wusste, was ich zu tun haben würde. Er stand einfach nur vor mir und grinste mich an, mit diesem seinem teuflischen Grinsen, das ich so liebte und das mich wissen ließ, dass er derselbe Mann war, der er noch vor zwölf Stunden gewesen war. Dem ich den Schlüssel für die Kette um meinen Hals anvertraut hatte. Bei dem ich übernachtet hatte. Bei dem ich mich sicher fühlte. Genau dieser Mann stand jetzt vor mir und… wartete.

In diesem Moment verstand ich, was hier gerade geschah:

Der Teufel stand vor mir und bat mich um Erlaubnis.

Es war meine Entscheidung und zum ersten Mal traf ich an diesem Punkt eine andere als jedes bisherige Mal zuvor. Zum ersten Mal ignorierte ich das Grollen nicht, sondern hörte hin. Zum ersten Mal zog ich die Leine nicht enger, sondern genoss das wilde, unkontrollierte Zerren daran.

Zum ersten Mal gab ich diese Leine aus der Hand.

Doch was dann geschah, hatte wohl niemand erwartet.

Luzifer merkte, dass ich die Entscheidung traf, ihm zu vertrauen, als ich meine Hände stabil auf den Käfig hinter mir stützte, meine Beine gestreckt und breit in den Boden stemmte, in ein Hohlkreuz ging und schließlich die Augen schloss und meinen Kopf in den Nacken legte.

Er ließ mich vielleicht drei Atemzüge in dieser Position ausharren…

Dann schlug er zu.

Mein Knurren endete in einem Stöhnen, das sofort vom nächsten Schlag unterbrochen wurde. Ein dritter folgte – er wechselte zwischen meinen Brüsten ab. Ein nächster Schlag traf mich unvorbereitet auf dem Oberschenkel. Der ziehende Schmerz war unangenehm, aber in erster Linie wollte er meine Aufmerksamkeit – und es funktionierte. Ein nächster Schlag traf zwischen meine Beine, ich keuchte – und begann, mit allem zu rechnen. Mein Kopf hob sich, mit halb geöffneten Augen sah ich ihn an. Er hatte den Kopf schräg gelegt und grinste, als er meinem Blick begegnete. Und ich konnte nicht anders: ich erwiderte sein Grinsen. In diesem Moment trat er auf mich zu, zog mich grob an der Kette zu sich und küsste mich fordernd. Gleich darauf spürte ich seine Hand zwischen meinen Beinen – der Schlag hatte meine Fotze jetzt schon empfindlich gemacht, ich keuchte – gleich darauf stöhnte ich, als ich mehrere Finger in mir spürte und nach wenigen Sekunden squirtete – fuck.

„Du bist so ein scheiß geiles Dreckstück, weißt du das?“ knurrte er mir ins Ohr und hob mich an der Kette so weit nach oben, dass mir die Luft wegblieb.

„Sieh dich um, meine kleine Schlampe – sieh dir an, was hier passiert. Das ist das, was du bist“, raunte er und ich zwang mich, die Augen zu öffnen, als der Druck ein wenig nachließ. Röchelnd sah ich an ihm vorbei:
Der Raum war dabei sich zu füllen, in der Tür versuchten weitere Zuschauer, sich durch die Menge Zugang nach innen zu verschaffen.

Ich weiß vom Rest nicht mehr vieles im Detail – aber ich weiß noch, dass es dieser Moment war, in dem es geschah: in dem das Gefühl der bewussten Entscheidung folgte, die ich Minuten zuvor getroffen hatte.  Es war die Kombination aus allem: Ich auf diesem Event, in diesem Outfit. Der Teufel vor mir, das Geräusch seiner Gerte in der Luft. Das Gefühl, wenn ein Raum sich mit Zuschauern füllt. Der Schmerz.
Und zu all dem kam zum ersten Mal die Möglichkeit, meine Leine aus der Hand zu geben. Loszulassen. Nicht darauf warten zu müssen, ein Zeichen zu geben, wenn es zu viel wird. Nicht aufmerksam sein zu müssen. Nicht aufpassen zu müssen. Weil ich wusste, er übernahm all das. Ich wusste, ich konnte ihm vertrauen. Ich konnte mich fallen lassen – denn egal, wie tief ich fiel, er würde mich auffangen. Er hatte meine Grenzen immer schon besser im Blick gehabt als ich selbst.

Als seine Hand sich von der Kette löste, fühlte es sich an, als würde er damit die Bestie in mir freilassen. Die Bestie, die ich nur in angekettetem Zustand kannte. Ich vergaß die Angst vor ihr – wollte endlich sehen, was geschah, wenn sie fliegen durfte.

Als Luzifer das nächste Mal zuschlug und meine Brust traf, wusste ich, dass er bei mir nie zuvor so zugeschlagen hatte. Ich knurrte, oder schrie – ich weiß es nicht mehr, erinnere mich aber an den flüchtigen Gedanken, dass das nach dem Brüllen eines unberechenbaren und mächtigen Raubtiers klang.

Wieder schlug er zu, wieder schrie ich. Ein weiterer Schlag traf meine andere Brust. Mein Geist verabschiedete sich, mein Kopf lag ergeben in meinem Nacken. Ich zählte nicht mit. Nach einigen Schlägen hob ich den Kopf und sah ihn an. Ich weiß, ich war verschwitzt. Ich weiß, ich konnte meine Augen nur zur Hälfte öffnen und ich weiß, ich keuchte und zitterte. Aber als unsere Blicke sich begegneten, fühlte ich eine Verbindung, wie ich es nie zuvor gefühlt hatte. Luzifer sah mich so intensiv an, dass ein unkontrolliertes Zittern von meinem Körper Besitz ergriff. Wenn bislang Zuschauer für mich wie eine Droge wirkten, war es in diesem Moment der Blick des Teufels, der mich in seinen Bann zog. Es war, als wären wir allein in dem Raum. Als gäbe es nur ihn und mich und diese Kreatur, deren Schreie aus meiner Kehle zu dringen schienen, als er erneut zuschlug. Sobald der Schrei abebbte, der Schmerz nachließ und ich meinen Körper wieder unter Kontrolle hatte, sah ich ihn an. Wieder und wieder. Der Blickkontakt in dieser Situation war ein berauschendes Gefühl. Es war ein Tanz der unausgesprochenen Worte und wir verstanden uns als  wären wir eins. Nach einigen Schlägen überraschte er mich vollkommen mit einem zwischen die Beine, der mich tatsächlich in die Knie zwang. Ich krümmte mich. Knurrte. Er trat einen Schritt zurück, um mir zu zeigen, dass er mir Zeit gab.

„Ich glaub, das war’s langsam, was? Da braucht jemand eine Pause“ hörte ich seine  herausfordernde, spielerische Stimme. Es war teilweise Provokation, mein Unterbewusstsein wusste aber, dass er auf eine ehrliche Reaktion meines Körpers wartete. Ich machte mir in diesem Moment all diese Gedanken hier nicht, mein Kopf war leer. Ich fühlte, er würde das richtige tun, also ließ ich geschehen, was eben geschah.
Und das, was geschah, führte dazu, dass ich ein Raunen hinter mir wahrnahm, das durch die Menge ging, als ich mich erhob.
Mich erneut gegen den Käfig stellte.
Erneut meine Arme abstützte.
Mich erneut breitbeinig in den Boden stellte.

Und statt den Kopf in den Nacken zu legen, mein Kinn anhob. Herausfordernd. Dem Teufel direkt in die Augen sah. Mit einem Mundwinkel grinste und sagte:

„Fick dich.“

Ich weiß, wie das jetzt klingt. Und ich weiß, dass viele Doms da draußen solche Dinge niemals erlauben würden und eine gewisse Ernsthaftigkeit für eine Session voraussetzen. Aber genau diese Momente sind es, die ich so liebe. Die mir die Ehrlichkeit des Moments beweisen. Das „Fick dich“ klingt sehr obszön, ich weiß das. Auch für die Umstehenden muss es heftig gewirkt haben, aber Fakt war: Wir beide gebrauchten diesen Ausdruck untereinander im Spaß. Es war ein kleiner Insider, so komisch das klingen mag. Hauptsächlich von meiner Seite aus, weil ich häufiger in der Situation bin als er: wenn wir uns gegenseitig necken und aufziehen und einer von uns (meistens er) etwas sagt, das den anderen provoziert, man aber weiß, dass der andere recht hat und eigentlich kein Argument mehr dagegen hat, dann kommt ein lächelndes „Fick dich“. Diese Situationen sind meistens recht emotional. Das letzte Mal habe ich es gesagt, als er behauptet hat, ich habe Gefühle für ihn.

„Du fühlst dich wohl bei mir, Mäuschen“, hatte er gesagt, „irgendwann wirst du mir vertrauen und das zugeben. Du schläfst bei mir und sind wir ehrlich: du willst auch am nächsten Tag gar nicht mehr gehen“, hatte er grinsend, neckend gesagt.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, also lächelte ich, schüttelte den Kopf und sagte:

„Fick dich.“

Was so viel heißt wie: „Du hast recht und du hältst mir einen Spiegel vor – dafür hasse ich dich gerade ein bisschen. Noch mehr aber hasse ich mich selbst, weil ich es nicht zugeben kann und lieber „fick dich“ sage. Wir wissen aber beide, dass das eigentlich nur heißt: Danke, dass du zwar geduldig bist und mich nicht drängst – aber mich auch nicht ganz in Ruhe lässt, sondern mich spielerisch forderst und mich dazu bringst, an Grenzen zu gehen.“

Genau dieses „Fick dich“ sagte ich in diesem Augenblick und ja, ich lächelte dabei. Und so merkwürdig es klingen mag: Luzifer erwiderte es. Für eine Sekunde war es ein liebevolles Lächeln, das sich sofort wandelte in teuflisches, bedrohliches aber irgendwie auch spielerisches Grinsen.

„Oh, du kleines Miststück“, lachte und knurrte er halb. Wir sahen uns herausfordernd an, als er ohne Vorwarnung zuschlug. Ich spürte den kalten Stahl in meinem Rücken, so sehr beugte ich mich automatisch in ein Hohlkreuz, meine Finger in die Stäbe gekrallt.

Ich zählte nicht mit, wie viele Schläge ich aushielt, bis ich bei einem davon erneut in die Knie ging. Er gab mir kurz, zog mich schließlich an der Kette nach oben, und küsste mich – ließ mich erneut abspritzen und stellte mich dann an das Kreuz mit dem Gesicht zur Wand. Mein Körper war am Ende, jeder Muskel zitterte, doch ich wusste, das Folgende würde ich noch aushalten müssen – verdient.

„Fünf Schläge noch für diese beiden Worte, meine kleine Schlampe“, sagte er. Fünf reichten vollkommen, um mir eine Lektion zu erteilen. Jeder einzelne davon war gnadenlos und mit Schwung erteilt – ich sah heute Morgen genau fünf rot-blaue Striemen an meinem Arsch. Nach dem fünften drehte ich mich wieder um stellte mich aufrecht hin. Sah ihn erneut an.
Und wieder geschah etwas für mich vollkommen Neues:

Mein Geist schien in einem Rauschzustand, denn es kam mir nicht in den Sinn abzubrechen – ich stand einfach da. Doch mein Körper funktionierte nicht, wie ich wollte. Ich zitterte, meine Knie knickten ständig ein, ich war schweißgebadet und auch das Festhalten klappte nicht mehr richtig. Luzifer trat auf mich zu. Ich zuckte automatisch, spannte mich an – knurrte, weil allein die Anspannung meiner Muskeln so heftige Auswirkungen hatte. Doch er legte die Gerte zur Seite und nahm mein Gesicht sanft in seine Hände. Ich holte tief Luft in Erwartung des Drucks an meinem Hals, kniff die Augen zusammen, mein gesamter Körper wand sich unkontrolliert.

„Mäuschen!“ hörte ich irgendwann seine Stimme mit Nachdruck, als hätte er mich schon mehrmals angesprochen.

„Schau mich an.“

Ich öffnete langsam meine Augen. Das erste, was ich sah, war die mehreren Reihen von Menschen an allen Wänden des Raumes und eine Traube, die sich am Eingang gebildet hatte.

„Schau mich an“, hörte ich Luzifers Stimme erneut und endlich sah ich ihn an. Er streichelte mein Gesicht mit seinen Daumen.

„Du bist… unbeschreiblich“, sagte er und in seinem Blick und seiner Stimme erkannte ich eine Ernsthaftigkeit, die ehrliches Erstaunen beinhaltete. Als wäre er überrascht von der Tatsache, dass ich ihn überrascht hatte.

Ich kam langsam wieder in der Realität an und griff in einem Reflex an seinen Unterarm. Im selben Moment merkte ich, dass ich dadurch das Kreuz losließ und mein Stand anscheinend auf diesem Griff basierte, denn meine Knie gaben deutlich nach. Luzifer fing mich, stützte mich, setzte mich auf einen kleinen Hocker, der uns am nächsten stand, und… kniete sich vor mich.

Der Raum war noch immer gefüllt, die Blicke entgingen mir jetzt nicht mehr, obwohl mein Geist noch immer nicht ganz da war. Und plötzlich konnte ich nicht mehr – plötzlich ließ ich alles einfach zu. Spürte die Aufmerksamkeit, die Stimmung im Raum. Spürte den Schmerz und spürte vor allem diese tiefe, innige Verbindung zwischen mir und diesem Mann, dem ich mich gerade anvertraut hatte und der jetzt vor mir kniete, um auf der richtigen Höhe zu sein, für die Frage, ob es mir gut ging. Der mich ansah mit einem so aufrichtigen, ehrfürchtigen und aufmerksamen Blick, dass mir Tränen kamen.

Kann es sein, dass BDSM manchmal nur ein sich spiegelndes Prinzip ist? Dass es gar nicht unbedingt so unterschiedliche Positionen – oder besser: Gefühle sind, die hier wechselseitig wirken? Denn wenn ich vorher den Eindruck hatte, dass ich das Bedürfnis habe, auf die Knie zu gehen vor diesem Mann, weil ich einen solchen Respekt vor ihm habe, so hatte ich in diesem Augenblick das Gefühl, dass es ihm genau so ging. Dass er zufällig tatsächlich vor mir kniete, meine ich damit nicht – dieser Umstand verdeutlichte das Gefühl lediglich. Vielleicht ist es auch der feine Unterschied zwischen Respekt und Ehrfurcht? Ich weiß es nicht. Aber der Blick, mit dem er mich ansah, bestätigte das, was er gleich darauf sagte:

„Du hast nicht die geringste Ahnung, was du gerade getan hast. Was du den Leuten hier gezeigt hast. Was du mir – was du dir gezeigt hast. Du kannst dir nicht vorstellen, was für einen unglaublichen Respekt ich gerade vor dir habe“, hörte ich ihn, während mir Tränen von der Wange liefen.
Ich weiß nicht einmal weshalb – es fühlte sich nach Erschöpfung an, aber auch nach Erleichterung. Nach Freiheit. Nach Rührung. Nach… scheiße, macht es mir Angst, wie gut sich das alles anfühlt. Und auch nach: das ist alles so intensiv. Und ein bisschen nach:

…danke.

Er richtete sich wieder auf, setzte sich neben mich und zog mich auf seinen Schoß. Als ich meine Arme um ihn schlang, presste er mich an sich und machte für lange Zeit keine Anstalten, mich loszulassen.

Es war der Rausch der Freiheit. Das Gefühl des vollkommen Sich-fallen-lassens, das schließlich dazu führte, dass meine Finger sich in Luzifers Haut krallten, während sich in einer dunklen Ecke meines Geistes drei kleine Worte zusammenfanden, die ich beinahe gesagt hätte. Wäre mein Verstand nicht schneller gewesen: das kann nicht sein. Das ist ein Rauschzustand, den du gerade erlebst. Es sind gerade einmal acht Wochen. Du erlebst einen Rausch an Gefühlen – lass dich davon jetzt nicht mitreißen. 

Ich löste mich nach langer Zeit ein wenig von ihm, um ihn anzusehen. Er streichelte mich liebevoll über die Schläfe. Ich holte Luft.
Zögerte dann.

Er lächelte liebevoll, als er flüsterte:

„Ich weiß, Mäuschen. Geht mir auch so.“

Meine Sicht verschwamm.

„Geh nicht“, sagte ich heiser. Ich weiß bis jetzt nicht, warum ich das sagte.

„Niemals“, antwortete sofort.

Der Kuss, der dann folgte, kostete mich eine weitere Träne – und ein großes Stück meiner Selbstkontrolle.

 


Turn of Events

Eigentlich war es ein „Turn of everything“. Viele der Dinge, die in dieser Nacht noch geschahen, begriff ich nicht sofort und bei einigen hänge ich noch immer. Darüber wird ein Nachtrag folgen – für manche Dinge brauche ich einfach noch weitere 24 Stunden. Eine Sache aber begriff ich sofort, denn sie war so offensichtlich, dass es nichts gab, was ich in Zweifel hätte ziehen können:

All die Aufmerksamkeit, mit der ich gerechnet hatte, in Verbindung mit fragwürdigen Kommentaren und Blicken, bekam ich durchaus: allerdings nicht auf der Basis, mit der ich gerechnet hatte.

Als Luzifer und ich uns nach langer Zeit voneinander lösten und wir uns erhoben, war der Raum so gut wie leer. Er fragte mich ein weiteres und auch kein letztes Mal, wie es mir ging und wie ich mich fühlte. Ich nickte, lächelte und antwortete einsilbig – denn auch, wenn ich wieder in der Realität war, war ich noch immer irgendwie… geflashed? In einem Post-Rausch? Schwer zu beschreiben, etwas entrückt eben. Luzifer quittierte das mit einem nachsichtigen, liebevollen Lächeln, ließ mich aber nicht aus den Augen. Ich war ihm dankbar für seine Aufmerksamkeit, weil sie mir Sicherheit gab.

„Ich muss mich kurz frisch machen“, sagte ich und machte Anstalten den Raum zu verlassen.

„Mäuschen“, hielt er mich auf, „bereit dich auf was vor.“

Ich verstand nicht ganz, was er mir damit sagen wollte, aber ich war noch zu high, als dass es mir wirklich wichtig gewesen wäre. Ich nickte ab und verließ vor ihm den Raum. Die Leute, die in dem Bereich vor dem Playroom standen, bildeten eine Gasse. Ernsthaft – eine Gasse. Alle starrten mich an, ein paar beendeten ihre Gespräche und ich sah zwei Finger, die auf mich zeigten. Ich meine… ich hatte ein wenig mit genau diesen Dingen gerechnet. Dass aber die Grundstimmung eine so vollkommen andere sein würde, hatte ich nicht erwartet. Denn was mir hier entgegen schlug, war das Gegenteil von Spott und Hohn:

Es war Anerkennung, Respekt – und Ehrfurcht.

Luzifer hatte sein Versprechen gehalten: er hatte dafür gesorgt, dass all jene, die mich beleidigt hatten oder vorhatten, mir krumm zu kommen, mir stattdessen mit Ehrfurcht begegneten.

Ich erwiderte ein paar Mal ein Lächeln, drängte mich aber recht zügig durch die Leute, um zur Toilette zu kommen. Vor dem Spiegel blieb ich stehen. Lange. Ich schwankte im Sekundentakt zwischen Angst, Ehrfurcht und Stolz. Mein Körper war überzogen von roten und blauen Striemen, mein Schambein war geschwollen und dunkelrot, das Leder der Gerte zeichnete sich in vierfacher Form darauf ab. Meine Wimperntusche war verschmiert, was mich verrucht aussehen ließ und das Durcheinander meiner Haare trug dazu bei. Am heftigsten war der Anblick meiner Brüste, die dunkelrot und teilweise schwarz-blau waren. Krasseste Striemen zeichneten sich ab, und meine Nippel waren kaum zu erkennen, weil alles um sie herum im gleichen dunklen Bluterguss verschwamm.

Ich sah heftig aus. Wirklich heftig. Und die Mischung an Gefühlen war, als würde ich der Bestie in mir direkt in die feuerrot leuchtenden Augen sehen: ich hatte Angst vor ihr. Vor dem, wozu sie in der Lage war. Aber ich wusste, dass ich sie nicht länger unterdrücken wollte, weil sie ein Teil von mir war. Das Gefühl der Freiheit war neu für uns beide – aber ich schätzte, hoffte, dass das eine Frage der Gewohnheit war. Ich atmete einige Male tief durch, machte mich frisch und wollte gerade die Toilette verlassen, als zwei Frauen hereinkamen, die mich ansprachen:

„Ich… wow! Ganz im Ernst – wie geht das? Das war unglaublich.“

„Krass, wie das gerade aussah – und was du aushältst. Wie viele Jahre machst du das schon?“

Ich war nicht einmal in der Lage, richtig zu antworten. Lächelte, bedankte mich und ging.

Der gesamte Rest des Abends war gefüllt von Menschen, die auf mich zukamen, um mir „einfach nur kurz zu sagen, dass das ein sehr beeindruckendes Spiel“ war oder mich zu fragen, seit wie vielen Jahren ich das nun mache. Oder um mir zu sagen, dass sie es sehr beeindruckend finden, wie viel ich wegstecke. Oder für Kommentare wie „ich bin jetzt seit fast dreißig Jahren in der Szene, aber so etwas sieht man nur sehr, sehr selten. Du bist etwas Besonderes, junge Dame“.

Ich könnte eine ganze Weile so weiter machen, aber im Grunde waren es solche Kommentare, die den Rest des Abends bestimmten. Luzifer war zu jeder Sekunde an meiner Seite und einige Male sah ich, dass er nicht mein Gegenüber ansah, sondern seinen Blick mit einem stolzen, sanften Lächeln auf mich gerichtet hatte.

Einige dieser Gespräche und auch die Stunde im Auto mit Luzifer, als wir vor meiner Haustür standen, führten zu vollkommen neuen Gedanken über BDSM. Es fühlt sich an, als würde ich manche Dinge in einem neuen Licht sehen und vor allem: als würde ich zum ersten Mal mich selbst in einem neuen Licht sehen.



Ich werde auch über diese Gedanken noch einen Nachtrag schreiben – wenn ich sie ein wenig mehr verarbeitet habe. Jetzt gehe ich schlafen, noch immer mit der Kette um meinen Hals. Auch wenn er mir den Schlüssel gegeben hat – ich werde sie morgen  erst abmachen. Zu sehr genieße ich noch das, wovor ich immer Angst hatte: etwas abgeschlossen an mir zu tragen.

Aber genau das ist es, was mich gerade in diesem Zustand hält:

Das Gefühl, die Dinge genießen zu lernen, vor denen ich immer Angst hatte. Es ist sogar noch ein Schritt weiter, als sich Ängsten nur zu stellen:

Es ist, als hätte ich panische Angst vor Tieren mit Flügeln – und statt jetzt gelernt zu haben, einen Wellensittich auf der Hand zu tragen, breitet meine drachenartige Bestie gerade ihre Schwingen aus und trägt mich auf ihrem Rücken in die Unendlichkeit der Nacht.

 

14 Kommentare

  1. das muss ja eine abgefahrene Nacht gewesen sein. Ich höre richtig heraus das Dich das noch lange beschäftigen wird Ophelia. Erhol Dich gut davon. Danke für dien ausführlichen Bericht Deiner Erfahrungen.

    Gefällt 1 Person

  2. Am meisten beeindruckt mich die Beschreibung eures Verhältnisses. Dieses Aufgehen ineinander, diese Verbundenheit, die du so beeindruckend und wortgewaltig schilderst, klingt unglaublich intensiv. Tolle Reaktion von ihm bezüglich des „Miststücks“, er scheint absolut authentisch in seinem Handeln.
    Und wie schön für dich, dass du zunehmend auch noch andere Gefühle nicht nur zulassen, sondern vor allem als solche annehmen kannst. Auch wenn die Verbalisierung noch aussteht…

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, da hast du recht. Er ist ungemein authentisch in allem, was er macht, und was ich wirklich sehr schätze.
      Und ja – dieses.. Aufgehen ineinander, wie du es beschreibst, fand an dem Abend auf einem Level statt, das ich bisher nie erlebt habe. Unglaublich intensiv. Ein wenig beängstigend. Aber zum ersten Mal war ich frei von Zweifeln und habe es einfach nur zugelassen.. Ich bin gespannt, wohin das führt.. 🙂

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  3. Es war keine lange Geschichte,sondern sehr kurzweilig.
    Ich muß sagen,ich bin ergriffen von deiner Erfahrung.
    Und denke immer noch darüber nach,was dir wiederfahren ist.
    Behalte dieses Gefühl in Erinnerung,denn du wirst es Später im Alter,brauchen.
    Es wird dir helfen,Dinge zu überstehen,die sehr unangenehm werden,immer.
    Merke dir das Gefühl.

    Gefällt 2 Personen

      1. Nur dein Verdienst.
        Ich bin Zuschauer und kann nur bewerten,was der Protagonist liefert.
        Und ich denke, das ich noch einiges von dir lernen kann,um besser zu werden für meine sub.Denn vorrangig ist genau das mein Ziel,ihr zu dienen um dann von ihr zu ernten.

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  4. Nachdem ich den Heutigen Beitrag schon das zweite mal gelesen hab, möchte ich auch mal nen Kommentar abgeben.
    Ich mag unfassbar gerne, wie du es schaffst mich in das was ich lese hineinzuziehen, so das ich das Gefühl habe, dass ich genau nachvollziehen kann, was du gerade empfindest (auch wenn das natürlich ne Anmaßung ist).

    Der heutige Text war btw. auf keinen Fall zu lang … nein ich war sehr enttäuscht, als ich feststellen musste, dass ich nicht mehr weiter lesen kann, weil er zu ende ist.
    (Und dementsprechend freu ich mich schon, neues von dir zu lesen, aber lass dir ruhig Zeit um alles zu verarbeiten, man spürt, dass du die brauchst)

    Gefällt 2 Personen

    1. Meine liebe Shayla,
      ich danke dir für den Kommentar und fürs Auftauchen aus dem Dunkel des Webs.
      Es ist keineswegs anmaßend, wenn du sagst, du kannst dich in meine Worte hineinversetzen. Im Gegenteil – es ist ein Kompliment an mein Schreiben und auch an deine Empathie. Und ich freue mich ungemein, genau solche Menschen wie dich hier zu haben.
      Genau so, wie du herausgelesen hast, dass ich noch ein bisschen Zeit brauche. Das stimmt. Alles sehr… intensiv gerade. Vermutlich gut, aber ich bin es nicht mehr gewohnt. Deshalb: du hast recht 😉

      Schön, dass du da bist 🙂

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  5. Vielen Dank für diesen ausführlichen Bericht, ich stimme einigen deiner Twitterfollowern zu, man wartet immer schon sehnsüchtig das es weitergeht und wie es dir ergeht.
    Generell liest sich dein Blog einfach wundervoll.
    Viele Grüße
    Bellatrissa

    Gefällt 2 Personen

    1. Meine Liebe,
      tausend Dank für dieses Feedback – du kannst dir nicht vorstellen, wie es manchmal pusht und einen antreibt, wenn man liest, dass Leute da draußen tatsächlich regelmäßig mitlesen und sich interessieren.

      Danke, dass du das schreibst und wirklich schön, dass du hier bist. 🙂

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