„Warum homosexuell?“ vs. „Warum BDSM?“

Oder: Eine Antwort auf eine Zwischenfrage in Form eines Nicht-Beitrags

Der eigentliche Beitrag, den ich zurzeit plane, soll die Frage beantworten:

Warum überhaupt BDSM? 

Soeben habe ich diese Frage, oder vielmehr: die Pläne zu meinem Beitrag zu dieser Frage getwittert und damit eine herrlich interessante Meta-Dose geöffnet. Ich liebe solche Diskussionen ja, weshalb ich nun kurzer Hand das Fenster zu dem Beitrag schloss, an dem eigentlich gerade schreibe und nun stattdessen hier verweile (schrecklich viele „eigentlich“s heute, was?).

Mir persönlich scheint diese Frage genauso berechtigt wie naheliegend, was allerdings nicht allen so zu gehen scheint, denn von vielen Richtungen höre ich gerade einen Vergleich mit Fragen wie „Warum homosexuell?“
Im Sinne von: Ist eben eine Neigung – was gibt’s da zu fragen?

Ich verstehe, was man damit zum Ausdruck bringen möchte: nämlich, dass diese Frage eine ist, deren Antwort so selbstverständlich sein sollte, dass man die Frage als eine offensive, fast schon anmaßende abtun kann. Ich gebe diesem Gedankengang in seiner Absicht recht: ich würde gern in einer Welt leben, in der mir jemand die Frage stellt: „Warum devot?“ – und ich dann empört reagieren kann, weil das etwas ganz normales ist, für das ich nichts „kann“ und das eben in mir angelegt ist.

Als ob ich jemanden frage: „Warum hast du dich für Kinder entschieden? Warum hast du normalen Sex?“

Ähm, hallo? Ist halt so?!

 

Ein Zwischending sind dann Fragen wie „Warum bist du homosexuell?“

Heutzutage wird mit dem Thema schon deutlich besser umgegangen. Nein, schon klar: noch nicht perfekt. Man trifft noch häufig auf Vorurteile, auf Abweisung, auf Diskriminierung. ABER: es hat sich gebessert. Solche Dinge sind ein Prozess.
Ich selbst bin bisexuell – nehme Fragen immer sehr gern entgegen. Die Frage nach dem „Warum?“ wird mir nie gestellt, weil die meisten Menschen heute, 2018, glücklicherweise sehen, dass diese Frage eine zu offensichtliche ist. Die Antwort ist in den Augen der meisten aufgeklärten Menschen nämlich eine recht einfache: es ist eben meine Neigung, meine sexuelle Orientierung. Ich bin so, wie ich bin. Punkt. 

An dieser Stelle aber kommt mein Einwand: BDSM ist noch nicht so weit.

BDSM ist im Aufklärungs-Prozess meiner Ansicht nach noch lange nicht so weit, sondern steht hier noch ganz am Anfang.

Für die meisten Vanillas – meiner persönlichen Erfahrung nach – scheint BDSM eine bewusste Entscheidung zu sein. Es ist nicht so „normal“ wie eine sexuelle Orientierung, die man sich nicht aussuchen kann. Ich habe oft den Eindruck, das Vanillas nicht bewusst ist, dass eine devote/dominante Seite im Inneren eines Menschen angelegt sein kann und eben NICHT etwas ist, das man #ausgründen macht oder eben nicht. Aber genau DESHALB sehe ich es als unsere Pflicht an (vor allem als meine persönliche, wenn ich über das Thema schreibe), genau solchen offen gestellten Fragen ausführlich und geduldig zu antworten.

Ich selbst bin genau so. Ich bin offen, ich frage nach. Wenn ich selbst Angst vor Wasser hätte (nur als Bsp.) und einen Menschen treffe, der auf Tiefseetauchen steht, dann kann ich das zwar irgendwie nicht verstehen und kann mir auch nicht wirklich vorstellen, das auszuprobieren – aber ich frage dann nach: „Hey, was ist das genau, das dich reizt? Ich meine, da unten ist es doch dunkel und unheimlich. Und die ganzen komischen Fische… Und der Neoprenanzug muss doch auch total unbequem sein. Was also GENAU ist es, das dich so süchtig danach macht?“

Dann bin ich froh, wenn jemand mir geduldig antwortet und sich nicht auf ein „Gefällt mir halt“ beschränkt. Denn nur so lernen wir doch alle voneinander, oder nicht?


Meine Lieben, ein paar von euch lächeln gerade über diese Frage „Warum überhaupt BDSM?“

Vor vielen Jahrzehnten wurden Fragen gestellt wie „Warum stehst du als Mann auf Männer?“, weil das Thema ein für die Gesellschaft völlig unvorstellbares war. Aber genau WEIL ein paar wenige, offene, interessierte Menschen diese Frage gestellt haben – und genau WEIL ein paar andere, wenige, geduldige Menschen sich dann verstanden  bzw. zumindest gehört gefühlt und geantwortet haben, entstand ein Diskurs, der Schritt für Schritt in Richtung Toleranz und Verständnis ging.

Ich dürft mich also gern belächeln. 🙂 Ich werde mich in den nächsten Tagen hinsetzen und schreiben. Und ich bin den (es waren viele) offenen Vanillas dankbar, die mir folgen und zugeben, dass sie mit BDSM nichts anfangen können, mich aber trotzdem sympathisch finden. Und mich dann – ehrlich interessiert – fragen:

Warum machst du das überhaupt? Was findest du daran?

Denn nur wenn jemand fragt, kann ein anderer antworten.
Und nur wo erklärt wird, wird verstanden. 
Und nur wo verstanden wird, entsteht Toleranz. 

 

Und nur dann kann ich Bilder sehen von einer Eisdiele in dreißig Jahren, vor der eine junge Frau in Halsband und Leine sitzt, sie jemand fragt: „Warum machst du das?“
Und sie und alle Umstehenden lachen, weil das eine so komisch offensichtliche Frage ist – und sie frei, glücklich und lachend sagen kann: 

Ähm – keine Ahnung? So bin ich halt. 🙂

 

8 Kommentare

  1. Das möchte ich gerne mehrfach liken.
    Es ist komisch, was das auch mit meinem Kopf macht, was eben gesellschaftlich anerkannt ist und was nicht.
    So bin ich eben bisexuell, na und?
    Das Warum BDSM? habe ich mich selbst ganz lange gefragt. Habe immer nach Gründen gesucht. Und je länger ich darüber nachdachte, desto früher in meiner Erinnerung habe ich Spuren davon gefunden. Weil ich halt so bin.

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    1. Exakt!
      Aber das, was heute gesellschaftlich anerkannt ist, lässt sich auch leichter bei einem selbst erkennen bzw. annehmen.
      Es gilt als „normal“. Das, was die Mehrheit als „abnormal“ empfindet, will man im ersten Moment eigentlich nicht sein. Das ist nur menschlich.

      Wir – die wir BDSM praktizieren oder unsere Affinitäten/Fetische haben, whatever – sind jetzt genau in dem Anfangsstadium eines Prozesses, den schon andere „Gruppen“ durchmachen mussten, teilweise noch immer durchmachen. Wir sehen aber, dass es geht. Aufklärung ist das Stichwort – das ist heute durch das Netz teilweise leichter als es früher war.

      Reden, aufklären, fragen und darauf antworten – solange bis alle sehen: es ist eben wie es ist. Manche „sind“ einfach so. Es ist genau so normal wie homosexuell oder bi zu sein. Genau so normal wie straight zu sein. Genau so normal wie Kinder oder keine Kinder zu haben. Whatever.

      Um anderen den Weg zu ebnen und sich leichter mit dem anfreunden zu können, was in ihrem Innersten angelegt ist.

      Als Krafft-Ebing Ende des 19. Jhd. den Masochismus beschrieben hat, galt er als psychische Krankheit, die geheilt werden musste. Wir sind schon einen ganzen Schritt weiter – jetzt heißt es: auf genau diesem Weg weitergehen. 🙂

      Danke für den Kommentar. 🙂

      Gefällt 2 Personen

  2. BDSM ist so vielfältig wie es Menschen gibt, die diese Spielart von Erotik betreiben. Das kommt schon in der Begrifflichkeit zum Ausdruck, die sowohl Dominanz wie Sadismus einschließen. Wer Bondage liebt muss nicht unbedingt bei Spanking etwas genießen können. Der Hubbie, der seine Partnerin mit verbundenen Augen einem oder mehreren Fremden „zur Verfügung“ stellt betreibt eine andere Art der Sexualität als derjenige, der weiß, wie nahe Schmerz und ein erschöpfender Orgasmus beieinander liegen..
    Allen gemeinsam ist die Tiefe de Gefühle, die dabei entsteht – beim „sich fallen lassen“, beim abschalten und sich dem Partner hingeben können, in vollem Vertrauen. Das, glaube ich, ist der wesentliche Kern von BDSM. Und viele Vanillas haben Angst vor diesem „sich fallen lassen“.
    Man muss BDSM vielleicht erlebt haben, um es zu verstehen.

    Gefällt 2 Personen

  3. Noch vor wenigen Jahren hätte ich mich auch entweder still gewundert oder – wenn ich gemerkt hätte, dass ein offenes Gespräch möglich ist – gefragt, warum du das machst und was Du daran findest. Seit ich irgendwann über Gay Romance gestolpert bin (hauptsächlich auf englisch) und mir da auch regelmäßig das Thema BDSM in allen möglichen Varianten und Ausprägungen begegnet, hat sich mein Verständnis tatsächlich geändert.
    Zum einen weiß ich jetzt, dass ich für mich in diese Richtung nicht experimentieren werde. Und zum anderen haben es manche Autoren trotz meines eigenen Desinteresses an diesem Thema geschafft, mir klarzumachen, wo für die Buch-Figuren der Spaß an der Sache liegt. Okay, es wurde auch ein bisschen der Lifestyle beschrieben und erklärt, aber für mich war es am wichtigsten, nachvollziehen und nach-fühlen zu können, was BDSM den Menschen gibt. Und ja, Geschichten darüber zu lesen, hat mir viel gebracht (natürlich gibt es auch jede Menge schlechte Bücher in diesem Genre, aber die findet man meiner Meinung nach schon schnell heraus)

    Deswegen finde ich es eine tolle Sache, dass Du offen erzählst und für Fragen und Diskusssionen zur Verfügung stehst, denn ich merke eben an mir selbst, dass man vieles eher als „nichts für mich, aber völlig okay, wenn jemand das möchte“ akzeptieren kann, je mehr man darüber weiß und nachvollziehen kann.

    LG Gabi

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    1. Liebe Gabi,

      schön, dass du schreibst und das sagst. Freut mich sehr. Ich finde, dass zu Aufklärung und der Möglichkeit einer wachsenden Toleranz (egal, in welchem Bereich) zwei Seiten gehören: eine Seite, die offen ist für Neues und fragt. Und eine andere Seite, die offen ist für Fragen und auf sie antwortet. Kommunikation ohne Vorurteile ist der Schlüssel.
      Deshalb: Sehr, sehr gerne stehe ich für alle Fragen bereit, die ich zwar nur subjektiv beantworten kann, aber die vielleicht manch einem einen Einblick geben in (m)eine andere Welt.

      Aber: ein ebenso herzliches Danke geht zurück an dich. 🙂 Ich finde es wunderbar zu lesen, dass auch von jenen Menschen, die selbst nicht viel damit anfangen können, einige dabei sind, die trotzdem offen sind und nicht urteilen. Das zeugt von Größe – danke dafür. 🙂
      Schön, dass du hier bist und mitliest. 😉

      Ophelia

      Gefällt 1 Person

  4. Oh meine Liebe – besonders der Abschluss zeichnet ein Bild, welches ich selbst mir wünschen würde. Eine Welt, in der BDSM so normal wäre.

    Ich komme jetzt gerade erst dazu, deine letzten Beiträge nachzulesen und muss sagen, dass es mich in meinem eigenen, letzten Beitrag bestärkt. Es freut mich sehr, dass du die gleiche Einstellung hast. ❤

    Da ich ebenfalls bisexuell bin, muss ich jedoch einwerfen, dass ich schon häufiger mit Bi-Phobie zu tun hatte – lustigerweise aus der Gay-Community á la „du kannst dich doch nur nicht entscheiden“ oder „das ist nur eine Phase“ oder „du bist doch nur bi-neugierig“. Hach hach, es ist noch ein langer weg, bis Individualität normal ist, auch, wenn sie angeblich gefördert wird von der Gesellschaft.

    Ich schweife aus, pardon. Danke für den kurzen Beitrag. Wie immer wunderbar. 😌

    Gefällt 1 Person

    1. Zum Thema Bi-Phobie: Aus einer queeren Perspektive muss ich diese Beobachtungen leider bestätigen. Das große Problem dieser Mono-Sexualität (homo oder hetero) sehe ich aber bei der implizierten Ignoranz von nicht-binären Lebenswelten. Worauf auch etliche Diskussionen zwischen pan und bi aufbauen.

      tl;dr: sich scheiße verhalten ist leider kein cis-hetero-Männer Privileg

      Gefällt 2 Personen

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