Erniedrigung

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Eine gute Entscheidung, meine Lieben, denn über dieses Thema wollte ich ohnehin längst einmal schreiben. Es ist ein grundlegendes Thema im BDSM und meiner Meinung nach eines der heikelsten. Ich werde euch wie immer ein paar allgemeine Gedanken dazu erzählen und darüber hinaus einige meiner eigenen (wie ich finde wichtigen) Erkenntnisse mit euch teilen. Dieser Beitrag richtet sich an BDSM-Interessierte, un- bis wenig erfahrene sowie natürlich jene BDSMler, die gern von mir lesen.

 

Vorab eine Grundlage: Woran erkenne ich, wie riskant eine Praktik ist?

Erniedrigung und Demütigung gehören meines Erachtens zu den schwierigsten und in gewisser Weise gefährlichsten Aspekten in der großen Welt des BDSM. Als ich begann, mir zum ersten Mal ernsthaft darüber Gedanken zu machen, welche Praktiken denn eigentlich mit mehr Vorsicht zu genießen sind als andere, kam ich schlussendlich auf drei ausschlaggebende Kennzeichen:

Unmittelbar, offensichtlich und vorläufig.

Ich will euch erklären, was ich mir dabei gedacht habe:

Die drei Aspekte Unmittelbarkeit, Offensichtlichkeit und Vorläufigkeit beschreiben die Folgen einer Handlung des Top im BDSM-Bereich, die dazu dient, Sub „Schaden“ zuzufügen. Den Schaden setze ich selbstverständlich in Anführungszeichen, weil es niemals im BDSM darum geht, ernsthaften Schaden zu verursachen. Gerade deshalb aber ist es so wichtig, sich vor Augen zu halten, was eigentlich geschehen kann oder könnte, wenn man bestimmte Praktiken falsch, zu früh oder sogar unangemessenerweise ausführt. Zwei Beispiele, bei denen wir (weil es ja um Risiken geht) vom heftigsten Fall ausgehen:

Ein Schlag mit der Gerte hat (sollte ich wirklich fest zuschlagen, also der heftigste Fall eintreten) zur Folge, dass

  • ich unmittelbar das Geräusch höre, welches den Schmerz verursacht (das der Gerte mindestens – manchmal auch ein Laut des Schmerzes, den Sub nicht verhindert kann)
  • ich offensichtlich erkenne, wo (und häufig auch: wie fest) ich zugeschlagen habe (nämlich an einem recht schnell auftretenden roten Striemen)
  • ich trotz allem sicher sein kann, dass die Folge eine vorläufige, also nicht nachhaltige ist (bei einem durchschnittlich gesunden Körper (den ich hier immer voraussetze) verschwindet jener Striemen in wenigen Stunden bis Tagen wieder und da nur die obere(n) Hautschichten betroffen sind, entstehen keinerlei bleibende Schäden

Die Folgen eines Schlages mit der Gerte sind also unmittelbar und offensichtlich erkennbar sowie vorläufig, also nicht mit nachhaltigen Schäden verbunden – er gehört zu den weniger riskanten Praktiken.

Ein weiteres Beispiel – um euch mein Prinzip anschaulich zu machen – ist die Atemkontrolle. Im schlimmsten, heftigsten Fall ist Sub gefesselt, Top steht dahinter und führt von hinten eine Atemkontrolltechnik aus:

  • Wenn ich die Technik richtig anwende, tritt die Folge unmittelbar ein: der Mangel an Sauerstoff
  • Da Sub aber vermutlich nicht in der Lage ist, ein Geräusch von sich zu geben, höre ich nichts. Durch die Fesseln bleiben vermutlich auch starke körperliche Reaktionen aus oder sind zumindest nur an vereinzelten Bewegungen, Zuckungen zu erkennen. Was ich definitiv spüren dürfte, ist das Pulsieren unter meiner Hand bzw. der Versuch, nach Luft zu ringen. Und wenn ich es nicht absolut an die Grenze treibe, entstehen auch nicht innerhalb weniger Augenblicke Spuren am Hals. Die Folge ist also wenig offensichtlich.
  • Wenn ich nicht mit absoluter Sicherheit die Grenze abpassen kann und der Sauerstoffmangel zu intensiv, zu langanhaltend ist, sind Schwindel, Übelkeit, anhaltende Kreislaufschwierigkeiten oder gar Bewusstlosigkeit die Folge. Vor allem im Falle einer Bewusstlosigkeit kann es gefährlich werden: je nach dem wie die Fesseln angebracht sind, braucht der Körper die eigene Muskelkraft, die dann aussetzt, um sich aufrecht zu halten und nicht ungesund/verdreht in die Fesselung zu sinken. Auch ohne Fesseln kann es zu Stürzen kommen, zu unvorhersehbaren Situationen und vor allem: zu durchaus anhaltenden Schäden, wenn eine Bewusstlosigkeit bzw. Sauerstoffmangel nicht rechtzeitig erkannt oder ernst genommen wird. Also ja, die im Falle einer schief gegangenen Ausführung möglichen Folgen können nachhaltig sein.

Erkennt ihr, worauf ich hinaus will? Selbstverständlich sind diese drei Begriffe Richtlinien und keine feststehenden Kriterien. Es geht mir grundlegend nur darum, euch zu sensibilisieren für die Tatsache, dass nicht immer jene Praktiken am riskantesten sind, die mit Blut, neunschwänzigen Katzen und Bullwhips zu tun haben. Es braucht kein angsteinflößendes Schlaginstrument um ernstzunehmende Schäden anzurichten. Das Risiko sinkt

  • je offensichtlicher die Folge ist, weil Top dann sieht/hört, was er „angerichtet“ hat und dementsprechend reagieren kann. Wenn ich sehe, dass die Kehrseite meiner/s Sub bereits dunkelrot ist, dann kann ich diese Tatsache in meine Beurteilung einbeziehen, wie weit ich noch gehen werde – egal, wie oft Sub sagt, es geht noch. Die Verantwortung liegt in diesem Moment beim Top.
  • Das Risiko sinkt auch, je unmittelbarer die Folge eintritt, weil der Top schlicht und ergreifend DA ist. Ich sehe/höre/spüre noch im selben Moment, dass eine Folge eintritt und kann einschätzen, was sie „anrichtet“. Ob Sub damit umgehen kann, wie intensiv sie ist, wie viele Schritte ich noch weitergehen kann. Praktiken mit Folgen, die erst später einsetzen – wenn Top vielleicht nicht mehr in der Nähe ist um aufzufangen – sind riskanter.
  • Und das Risiko sinkt, je vorläufiger die Folge ist, weil ich als Top selbstverständlich ein deutlich geringeres Risiko eingehe, wenn ich weiß: Egal, was schief geht – im schlimmsten Fall gibt es einen Striemen oder einen blauen Fleck, der ein paar Tage schmerzt. Praktiken, die potentiell auch nachhaltige Schäden anrichten können, sind immer mit mehr Vorsicht zu genießen.

Solltet ihr bislang meine Gedankengänge noch nachvollziehen können, möchte ich euch nun zeigen, was es vor diesem Hintergrund mit der Erniedrigung auf sich hat und weshalb ich sie für eine der riskantesten Praktiken halte. Untersuchen wir die Sache doch einmal unter oben genannten Kriterien. Wir müssen hier nicht einmal den „worst case“ nehmen, können aber. Stellt auch also die Szene vor, Sub sitzt vor Top auf einem Stuhl (entweder frei oder gefesselt und geknebelt, was ein ganzes Stück extremer wäre und dazu führt, dass kein Einspruch möglich ist):

  • Egal, ob verbale oder nonverbale Erniedrigung (ich beleidige Sub als „Schlampe“ o.Ä. oder ich spucke sie/ihn an) geschieht was? Richtig. Erst einmal überhaupt nichts. Ich habe keinerlei unmittelbar erkennbare Folge. Sub sitzt weiterhin vor mir, erniedrigt. Vielleicht mit meinem Speichel bedeckt. Das war’s. Sub fühlt sich beleidigt – vielleicht auch nicht. Ist erregt – vielleicht auch nicht. Verletzt? Vielleicht auch nicht. Ihr seht: Es tritt keine unmittelbare Folge ein – zumindest keine ersichtliche.
  • Egal, ob verbale oder nonverbale Erniedrigung ist es nicht sicher, was die nicht-erkennbare Folge ist: Sub kann erregt sein, verletzt, beleidigt oder belustigt oder… die Möglichkeiten sind abhängig von Mensch und Situation – also schier endlos. Ergo kann es zwar sein, dass eine unmittelbare Folge eintritt, muss es aber nicht. Und selbst wenn: sie ist nicht offensichtlich. Erkennbar hingegen ist sie erst dann, wenn ich als Top meine/n Sub so gut kenne, dass ich um die Grenzen weiß oder zumindest ahne, dass ich an leichter Mimik und Gestik oder Körpersprache ablesen kann, wie Sub sich fühlt. Wenn das nicht der Fall ist, wenn ich nicht absolut eingespielt bin: keine Chance, Auswirkungen meiner Handlung auf die Psyche zu sehen.
  • Egal, ob verbale oder nonverbale Erniedrigung: die Folgen sind nicht offensichtlich und nicht immer (ausschließlich) unmittelbar. Wichtig ist hier der Aspekt, dass es nicht um körperlichen Schmerz geht, sondern um psychischen. Und ja: es handelt sich durchaus um eine Art von Schmerz. Erniedrigungen, Demütigungen, Beleidigungen haben per definitionem die Absicht zu schaden, zu verletzen. Allerdings psychisch statt physisch. Ich halte dafür, dass ich darauf verzichten kann, an dieser Stelle auszuführen, wie komplex die menschliche Psyche ist und dass in diesem Bereich Folgen nicht immer absehbar sind. Das menschliche Unterbewusstsein hat einen gesunden Verdrängungsmechanismus und andere Strategien, um psychisch belastende Situationen abzuspalten bzw. mit ihnen umzugehen. Es ist nicht unrealistisch, dass Sub sich in einer Session aufs Äußerste beleidigen, anspucken, demütigen und erniedrigen lässt, währenddessen selbst keine Folgen spürt oder vielleicht sogar tatsächlich erregt ist, dem Top wiederum damit das Gefühl gibt, dass alles in Ordnung ist – und am Tag darauf erst zusammenbricht. Was ist in diesem Zeitraum geschehen? Die menschliche Psyche, meine Lieben. Ich kann durchaus in einem Moment voller Adrenalin Dinge zulassen, die eine Art Kick, einen Rausch oder schlicht sexuelle Erregung zur Folge haben und erst deutlich im Anschluss daran (vielleicht erst, wenn ich allein bin, es dunkel wird und ich nachdenken kann) den eigentlichen Schmerz spüren. Die nachhallende Wirkung gewisser Worte und Handlungen fühlen und – am schlimmsten – mir plötzlich diese eine Frage stellen: Warum habe ich das mit mir machen lassen?
    Und dann, meine Lieben, ist eingetreten, was – in meinen Augen – eines der größten Risiken ist, die BDSM birgt, wenn man ihn falsch auslebt:

Ein psychischer Absturz.

Ich fühle mich schlecht, wahrhaft erniedrigt, gedemütigt und aufs Äußerste schlecht behandelt. Da ich all das aber nicht in einer Situation der eigentlichen Diskriminierung erlebt habe, sondern meine Zustimmung dazu gab, weil es sich in diesem einen Moment okay angefühlt hat oder ich es einfach falsch eingeschätzt habe, kommt ein fataler Aspekt hinzu: ich fühle mich „selbst schuld“. Denn ich wollte es ja tatsächlich, ich ließ mich darauf ein, ich habe es „machen lassen“. Und DAS – genau das, was dann geschieht – nennt sich Absturz. Und ja, meine Lieben, ich kenne solche Reaktionen. Ich kenne sie teilweise aus lange zurückliegenden eigenen Erfahrungen, aber ich habe auch schon bei anderen mit einigen davon zu tun gehabt oder habe sie miterlebt. Es ist nicht unrealistisch und es birgt eine so nachhaltige Folge, dass sie riskanter nicht sein könnte. Der Bruch im eigenen Selbstvertrauen ist deutlich schwerer zu heilen als eine körperliche Verletzung.

Ihr seht, worauf ich hinaus möchte und weshalb ich diese Praktik – anhand meiner Kriterien – für riskant halte?

  • Die Folgen sind manchmal unmittelbar, manchmal treten sie später ein – in gewisser Weise also unberechenbar.
  • Sie sind nicht offensichtlich – als Top kann ich mich ausschließlich auf meine eigene Einschätzung des/der Sub verlassen und nicht auf ersichtliche Geräusche, Spuren oder Bewegungen, an denen ich die Folge messen kann.
  • Und zudem können sie absolut nachhaltig sein – so nachhaltig, dass sie länger und schwerer zu reparieren sind als körperliche.

So.

An dieser Stelle dürft ihr erst einmal kurz schlucken und tief durchatmen.

Durchatmen, um das Unbehagen wieder etwas zu lösen, das ich euch mit meinen Worten vielleicht bereitet habe. Ja, ich möchte sensibilisieren, weil ich weiß, wie sehr diese Sache schief gehen kann. Nein, ich möchte keine Angst machen – nicht im eigentlichen Sinne. Angst ist nie etwas Gutes, weil sie den klaren Verstand beeinflusst und einen zögern lässt, wo es vielleicht nichts zu zögern gäbe, wenn man es nur vernünftig anginge. Ich plädiere also mal wieder für SSC – safe, sane, consensual – und betone in diesem Beitrag vor allem das „sane“ – mit Verstand. Viel abzusichern gibt es nicht und eine Session kann noch so einvernehmlich sein: manchmal überschätzt sich Sub eben (ich denke, das kennen die meisten von uns in irgendeiner Form). Es liegt also an beiden Seiten, hier mit Verstand zu agieren und vorher viel zu kommunizieren. Details durchzusprechen und gewisse Schritte erst zu gehen, wenn man sich besser kennt, sich vertraut und sich sicher fühlt.

Dann aber, meine Lieben, wenn man es mit Verstand und Vernunft praktiziert, ist es ein Aspekt in meinem herrlichen Wunderland, der zur heftigsten, rauschartigsten und intensivsten Droge werden kann, die man sich vorstellen kann… wenden wir also nun die Medaille und sehen uns die andere Seite einmal genauer an. 😉

 

Erniedrigung – was ist das überhaupt?

Ich spare mir jetzt eine ausführliche Definition des Begriffes, weil ich davon ausgehe, dass jeder eine Vorstellung davon hat. Das, was ich im Folgenden schreiben werde (wie eigentlich immer) ist keine für alle BDSMler gültige Ansicht, sondern subjektiv. Noch dazu ist mir bewusst, dass sie einige andere nicht teilen. Aber von vorn (erfahrene BDSMler dürfen gern springen):

Welche Inhalte verbergen sich hinter dem Begriff? 

Nun, grundlegend ist es am einfachsten aufzuteilen in verbale und nonverbale Erniedrigung.
Ich denke, die verbale Erniedrigung dürfte den meisten – auch Vanillas oder BDSM-Interessierten, an die sich dieser Blog ebenfalls richtet – recht klar sein. Im Grunde handelt es sich hier stets um Beleidigungen oder andere Formen von Demütigung durch Worte. Das können einzelne, naheliegende Begriffe sein, die im allgemeinen Sprachgebrauch als Beleidigungen angesehen werden. Viele von euch werden jetzt vielleicht „Schlampe“ im Kopf haben, „Fickstück“, „Hure“ oder was auch immer. Die Liste dieser Begriffe ist jedoch unendlich erweiterbar und wie immer individuell.

Abgesehen von einzelnen Begriffen können verbale Erniedrigungen sich natürlich auf ganze Aussagen erweitern. Auf Aussagen, die (und das ist meiner Meinung nach eben dieser gefährliche Bereich, von dem ich sprach) nicht „nur“ beleidigen, sondern im eigentlichen Sinne demütigen. Stellt euch vor, ein Top sagt in einem herablassenden Ton etwas wie „ach, du jämmerliche kleine Hure – du verdienst es doch nicht anders“. Klingt schon deutlich anders als ein einfaches „Schlampe“, nicht wahr?

Den nonverbalen Erniedrigungen sind ebenfalls keine Grenzen gesetzt und hier sind die Möglichkeiten natürlich vielfältiger. Diese Art der Demütigung beginnt bei offensichtlichen, naheliegenden Handlungen, die auch in der allgemeinen Ansicht als „klassisch“ erniedrigend gesehen werden – zum Beispiel anspucken oder ohrfeigen. Alles, was das „klassisch“ Demütigende übersteigt, ist wohl schlicht und ergreifend subjektives Empfinden. Für die einen ist es demütigend, nackt an einer Leine durch eine Menge geführt zu werden, während die anderen dabei Stolz empfinden. Als Hure verkauft oder als Sklavin versteigert zu werden kann erniedrigend sein, ebenso wie gewisse Arten von Spermaspielen, warten gelassen zu werden in einer bloßgestellten Pose, sich Beleidigungen auf den Körper schreiben lassen oder das „benutztwerden“, wie auch immer das jeder für sich definiert. Die Liste ließe sich wohl unendlich erweitern – schlicht aufgrund der Tatsache, dass jeder Mensch andere Dinge als erniedrigend empfindet.

Public Disgrace – Öffentliche Demütigung

Ein wichtiger Aspekt in dieser Sache ist die Unterscheidung zwischen privater Erniedrigung, bei der also nur die an der Session beteiligten anwesend sind (meistens also Top und Bottom), und öffentlicher Erniedrigung. Public Disgrace ist die englische Bezeichnung für die Spielart der öffentlichen Demütigung. Dabei wird der/die Sub in der Öffentlichkeit (definiert durch mehrere Zuschauer, nicht durch den Ort) vorgeführt und teilweise zur Benutzung freigegeben. Wer sich ein wenig auskennt, weiß, dass diese Bezeichnung auch eine eigene Porno-Rubrik ist mit eigenen Homepages (Spoiler: einer meiner absoluten Kinks…). Der Aspekt der Öffentlichkeit spielt deshalb eine so große Rolle, weil für viele eine Demütigung vor anderen (v.a. vor Fremden) deutlich intensiver ist als nur im privaten Rahmen. Ich gehe vielleicht recht souverän damit um, wenn mein Top mich beim Sex anspuckt – wenn dabei aber zwanzig Leute mit dem Trinkglas in der Hand zur reinen Unterhaltung dabei zusehen, kann das schon anders aussehen. Für die meisten Menschen ist es ein immenser Schritt, sich vor anderen auszuziehen oder gar Sex zu haben – gedemütigt zu werden, während andere dabei zusehen und bei einem solchen Akt ganz bewusst auch noch im Mittelpunkt zu stehen, ist für viele eine heftige und abschreckende Vorstellung (oder sagen wir: die Fantasie kann reizvoll sein, aber der Gedanke daran, das in der Realität zu erleben, ist abschreckend).

Der essentielle Unterschied

So, meine Lieben. Und jetzt möchte ich euch verraten, welche Ansicht ich zum Thema „Erniedrigung“ aus Überzeugung vertrete – eine Ansicht, von der ich weiß, dass sie nicht von allen BDSMlern geteilt wird. Aber das ist ja das Schöne daran: jeder lebt seinen eigenen BDSM, es gibt eben kein goldendes Buch und ihr seid offensichtlich hier, um meine persönliche Meinung zu lesen.

Es gibt für mich eine absolute, uneingeschränkte und bedingungslos einzuhaltende Voraussetzung, damit Erniedrigung als eine erregende, positive BDSM-Praktik ausgelebt werden kann. Eine, die im ersten Augenblick nach einem Paradoxon klingt:

Eine erniedrigende Handlung im BDSM muss erniedrigend sein,
darf sich aber niemals erniedrigend anfühlen.

Ich will es euch erklären:

Natürlich müssen erniedrigende Handlungen erniedrigend sein – schlicht und ergreifend, weil das der Sinn der Sache ist und der Definition zugrunde liegt. Ein Händeschütteln ist im Regelfall nicht erniedrigend – ich könnte also auch nicht von Erniedrigung sprechen. Ihr versteht? Der demütigende Charakter muss einer Handlung durchaus zugrunde liegen, damit ich davon sprechen kann.

Das, was Sub aber in diesem Augenblick und VOR ALLEM im Nachhinein fühlt, darf nicht tatsächlich erniedrigend sein. Dieses Prinzip ist (in meinen Augen) erklärbar mit dem Grundprinzip des BDSM selbst:

BDSM ist in erster Linie ein Rollenspiel, das Ausleben einer sexuellen Fantasie, die nicht der Realität entspricht. Ich lasse mich im Bett von einem Mann schlagen – natürlich bedeutet das nicht, dass ich es generell mag oder gutheiße, als Frau von einem Mann geschlagen zu werden. Ich unterwerfe mich im Spiel einem Mann – das bedeutet nicht, dass ich ernsthaft denke, dass dieser Mann mir überlegen oder übergeordnet ist. Ich lasse mir ein Halsband anlegen und höre die Worte „du gehörst mir“ – das heißt in keinem Fall, dass ich ernsthaft glaube, ich gehöre einem anderen Menschen. Gesund ausgelebter BDSM trennt stets zwischen dem, was Spiel, was Sex, was Fantasie ist und der Realität.
Es ist von größter Wichtigkeit für beide Seiten, dieses Grundprinzip auch und vor allem beim Thema „Erniedrigung“ zu erkennen:

Streng genommen lasse ich nicht zu, dass jemand mich erniedrigt.
Ich lebe lediglich die sexuelle FANTASIE aus, von jemandem erniedrigt zu werden.

Das, meine Lieben, ist ein Unterschied, der größer nicht sein könnte und den sich jeder, der BDSM praktiziert unbedingt bewusst machen sollte, wie ich finde. Erniedrigung und Demütigung sind innere, zutiefst treffende, prägende und die Psyche angreifende Empfindungen. Wenn die Grenze in diesen Bereich überschritten ist, fühle ich mich nicht „eigentlich auf Händen getragen“, „erregt“ oder was auch immer. Ich fühle mich nichts anderes als eben das: erniedrigt. Es gilt also, die Erniedrigung so oberflächlich zu halten, dass diese Grenze nicht überschritten wird. Ähnlich wie beim körperlichen Schmerz – nur leider weniger eindeutig, weil man nicht in die Seele eines Menschen blicken kann wie auf seinen Rücken: auch beim physischen Schmerz hat jeder seine eigenen Grenzen und auch hier ist es für viele auch noch dann in Ordnung bis erregend gut, wenn es wirklich wehtut. Aber jeder – und damit meine ich: JEDER – hat seine physischen wie auch psychischen Grenzen. Und hinter dieser Grenze ist es auch für den größten Masochisten nur noch das: schmerzhaft.
Ähnlich hält es sich mit der Erniedrigung: der Top muss herausfinden, innerhalb welcher Grenze der Bottom die Demütigung noch als Spiel, als ausgelebte Fantasie, als „so tun als ob“ wahrnimmt.

Alles, was darüber hinausgeht – alles, was mit der reinen Absicht geschieht, das Gegenüber ernsthaft zu demütigen – ist in meinen Augen missbräuchlicher, grenzüberschreitender BDSM.

Mein Credo ist nämlich:

BDSM muss sich NACH der Session gut anfühlen.

Wenn ich mich also ernsthaft erniedrigt fühle, spüre ich das meistens nach einer Session noch deutlicher als im Moment des Geschehens. Körperlicher Schmerz in der Session fühlt sich häufig „ungut“ (weil schmerzhaft) an, aber wenn das ungute Gefühl NACH der Session weiter anhält, sollte ich mir Gedanken machen, ob ich BDSM gesund (aus)lebe.

Das ist aber nur meine bescheidene Meinung.

Wie kam ich zu diesen Erkenntnissen?

Natürlich habe ich eine ganze Palette an eigenen Erfahrungen vorzuweisen, die mir – vor allem im Nachhinein – viel zu Denken gaben und die ich wie immer gern teile. Der erste dominante Mann, dem ich begegnet bin, war eine missbräuchliche Erfahrung, wie sie viel da draußen gemacht haben – davon wisst ihr bereits. In dieser Beziehung gab es enorm viele Dinge, die mir dieses Sucht-Gefühl vermittelten, aber wohl ebenso viele, die dazu führten, dass ich mich im Anschluss zu Hause, wenn ich allein war mehr als mies gefühlt habe. Ich kann nicht zählen, wie oft ich mich damals gefragt habe „Wieso lässt du das mit dir machen? Bist du dir nicht mehr Wert als dich so behandeln zu lassen?“

Diese Frage, meine Lieben, ist wohl die häufigste, die Vanillas zu BDSM stellen – weil sie von außen das sehen, was geschieht – aber nicht das, was BDSM im Innersten auslöst. Und das, was geschieht, ist eben ein Szenario, das zwingt, demütigt, erniedrigt, schlägt, Schmerzen zufügt, unterdrückt. Wenn dieses Szenario von der Fantasie zur Realität wird, wenn im Hintergrund nicht das Gefühl absolut bedingungslos präsent ist, dass beide sich eigentlich schätzen und respektieren – dann wird es ungesund, denn dann fühle ich mich in der Realität unterdrückt und gedemütigt und DAS, meine Lieben, kann sich NIE gut anfühlen.

Ich war damals noch stark geprägt von meinem Exfreund, der mich die letzten zwei Jahre der Beziehung quasi nicht mehr angefasst hat und mein Unterbewusstsein war gefangen in dem Gedanken, dass ich nicht sonderlich begehrenswert, vielleicht sogar langweilig sein muss. Der Ire hat mir damals von seinen Erfahrungen erzählt – seinen Subs, Hundenäpfen in der Wohnung, Sessions, Rape Games, usw. Das Gefühl, das sich bei mir – völlig unerfahren auf dem Gebiet – einstellte, war natürlich: Ich bin nichts im Vergleich zu den Frauen, die er gewohnt ist. Wenn ich irgendwann versuchte, etwas abzubrechen, eine Grenze zu ziehen und dann in sarkastischem Ton hörte „ach, das geht der kleinen Maus natürlich zu weit – warte, wir machen im Dunkeln unter der Bettdecke weiter“, dann ja: fühlte ich mich auf’s Äußerste gedemütigt und erniedrigt.

Bezeichnenderweise hat auch der Teufel selbst für einen großen Schritt in Richtung dieser, meiner Erkenntnisse gesorgt. Es war ein Satz, der mich zum Nachdenken angeregt hat wie nur wenige und vor allem war es ein Szenario – recht am Ende – das meine Zweifel, meine Vorsicht in Bezug auf ihn stärkten. Ich war bei ihm zu Hause, wir waren zwischen zwei Spielen, machten Pause, ich kam zu Atem. Er griff an meinen Hals – erst spielerisch. Als er den Anflug meines Lächelns merkte, drückte er zu. Die andere Hand zwischen meinen Beinen spürte er die direkte Reaktion meines Körpers, entfernte sie und schlug mich ins Gesicht. Ohrfeigen sind so eine Sache bei mir – nur so viel: BDSM ohne Ohrfeigen kann ich mir nicht mehr vorstellen. Es kickt mich wie nur wenige Dinge, ins Gesicht geschlagen zu werden und es ist die einzige Handlung, die fast zuverlässig dieselbe Reaktion bei mir hervorruft: ich muss grinsen. Der Teufel sah es, ließ mich los – „du verdammte kleine Schlampe“, sagte er kopfschüttelnd und amüsiert, mein Grinsen wurde breiter. Wir wechselten wenige Sätze über Demütigung – darüber, dass mich das enorm kickt. Und dann kam der Satz. Ein Satz in einem Ton, den ich bis heute nicht vergaß – er klang… frustriert.

„Es ist gar nicht möglich, dich ernsthaft zu demütigen – du genießt den Scheiß viel zu sehr.“

Ich schwieg. Ich weiß noch, dass ich ins Bad ging und kurz durchatmete – aus verschiedenen Gründen. Meine Antwort sparte ich mir. Vermutlich weil ich ahnte, dass es in Diskussionen enden würde, in denen wir uns nie einig wurden und auf die ich verzichten wollte, um den Rest des Abends zu genießen. Diese Antwort, die ich ihm nie gab, spukte noch Tage danach in meinem Kopf umher. Sie hätte gelautet:

„Warum solltest du das denn wollen?“

Ja. Warum sollte er das wollen? Warum sollte ein Dom seine Sub absichtlich, ernsthaft demütigen wollen? Ging es nicht vielmehr darum, „diesen Scheiß“ zu genießen? War DAS nicht der Sinn der Sache? Dass es sich gut anfühlte? Nun, heute bin ich froh, dass ich mir diese Diskussion erspart habe, denn einig geworden wären wir uns hier nicht. Leider weiß ich heute warum – das Positive daran, das ich mitnehmen kann: dieser Satz hat mir geholfen, ein weiteres Detail zu verstehen und es an dieser Stelle in eine Warnung umzuwandeln:

Wenn ihr – als Sub – das Gefühl habt, dass die Absicht eures dominanten Gegenübers die ist, euch ernsthaft zu demütigen, euch so zu erniedrigen, dass es sich eben nicht mehr erregend anfühlt, sondern nur noch genau das: erniedrigend… dann habt ihr vermutlich ein erstes Anzeichen dafür gefunden, dass jemand BDSM für das Ausleben der eigenen narzisstischen Machtfantasien missbraucht.

Woran erkenne ich, was real und was „gespielt“ erniedrigend ist?

Wo finde ich als Top die Grenze zwischen beiden?

Auch darüber habe ich mir damals lange Gedanken gemacht und schlussendlich bin ich – aufgrund eigener Erfahrungen – zu einem recht klaren und überraschend einfachen Ergebnis gekommen. Auch dieses Ergebnis möchte ich mit euch teilen – allerdings ist es keine feste Vorgabe, nichts allgemein Gültiges, sondern vielmehr eine Richtlinie.

Ich klammere an dieser Stelle die nonverbalen Handlungen aus, weil diese einem rein subjektiven Empfinden unterliegen und weil Handlungen nicht Realität widerspiegeln können, sondern in diesem Moment Realität sind. Die Frage „ist das so gemeint oder nicht?“ stellt sich also nicht. Viel schwieriger ist die Grenze zu finden bei rein verbalen Äußerungen, die (Worte sind Macht, meine Lieben – glaubt mir das) häufig deutlich folgenschwerer sein können. Meine Richtlinie lautet:

 

Aussagen, die inhaltlich von der Realität trennbar sind, sind meistens (!) auch nur „gespielt“ erniedrigend.
Aussagen, die das Spiel selbst zum Inhalt haben, sind nicht mehr trennbar von der Realität – weil das Spiel in diesem Moment die Realität ist.

 

Beispiele gefällig? Begriffe wie „Schlampe“ und „Fickstück“ sind für viele in diesem Szenario recht harmlos, weil sie offensichtlich nicht der Realität entsprechen. Aussagen wie „oh, du kleines Miststück…. du warst heute ein böses Mädchen, das wissen wir beide. Du verdienst es nicht anders“ bewegen sich nur dann in einer Grauzone, wenn das Selbstvertrauen von Sub wirklich, ernsthaft geschädigt ist. Es gibt Menschen, die tatsächlich glauben könnten, sie hätten schlechte Behandlung verdient. Von diesen Ausnahmen (für die ich eine Therapie statt BDSM für deutlich sinnvoller halten würde) spreche ich hier nicht. Ich denke, der Großteil aller Bottoms weiß noch im selben Augenblick, dass er/sie nicht ernsthaft verdient hat, schlecht behandelt zu werden – auch solche Aussagen sind also im Regelfall deutlich von der Realität trennbar.
Gefährlich wird es also, wenn meine Aussagen die momentane Realität, das Spiel selbst, betreffen. Stellt euch vor, es gibt ein Ampelsystem und Sub sagt „orange“, um zu zeigen, dass eine Grenze erreicht ist – und Top erwidert ein herablassendes „na, das war ja absehbar, dass dir das zu heftig war, was?“. Oder Sub bricht ab, sagt das Safeword und statt aufzufangen, sagt Top: „Na, da hat sich jemand übernommen, was?“ Gehört das noch zum Spiel oder nicht? Oder auch: „Kriegst du ihn nicht weiter rein? Oh, musst du jetzt würgen, du kleine Schlampe? Ich bin von meiner letzten Sub aber anderes gewohnt…“.
Alle drei Beispiele beruhen übrigens auf wahren Begebenheiten…

Versteht ihr, was ich meine?

Je mehr Erfahrungen Sub hat, je gefestigter sie in ihrer Neigung, ihrer Sexualität ist, je sicherer sie ist, desto schwieriger ist es, sie zu demütigen – weil sie weiß, dass der Inhalt einer demütigenden Aussagen nicht der Realität entspricht. Pauschal würde ich also sagen, dass auch diese – eigentlich grenzwertigen – Aussagen für einen kleinen Prozentsatz funktionieren kann. Aber für eine Faustregel setze ich den Maßstab deutlich niedriger: nämlich gemessen an Subs, die nicht zu 100% sicher sind und auch gemessen an Situationen, in denen Top und Bottom nicht schon seit Jahren eingespielt sind. Und mit diesem Maßstab halte ich genau diese Aussagen für ernsthaft gefährlich und in einer Form erniedrigend, die prägen kann.

Das letzte der oberen Beispiel, in Bezug auf Deep Throat, ist eines aus meiner eigenen Sammelkiste. Der Ire hat es einmal zu mir gesagt. Daraufhin hat er mich an den Haaren gepackt, mich gegen die Wand geschmissen mit den Worten „oh Gott, ist das langweilig“. Er stand auf und ging auf den Balkon zum Rauchen.
Ich spare mir zu beschreiben, wie es mir damals ging. Vor allem ohne die Erfahrung fehlte mir das Verständnis für die Unterscheidung zwischen Spiel und Realität. Als er später meine Stimmung und ja, auch die Tränen merkte, kam eine fadenscheinige Ausrede: „Das ist doch nur ein Spiel. Ich mein das doch nicht so.“

Die alles entscheidende Frage ist: Woher soll ich das wissen?

Woher weiß ich, was Realität und was Spiel ist?

Die Antwort wiederum lautet schlicht und ergreifend:

 

Von mir selbst.

Ein Appell an unerfahrene, interessierte Subs

Meine Lieben, ich weiß aus Erfahrung, dass die sexuelle Fantasie, gedemütigt zu werden, eine ausgesprochen reizvolle ist. Aber ich bitte euch darum, ein Grundprinzip dahinter zu überdenken und es euch bewusst zu machen: Erniedrigung zu fühlen ist nicht sexuell erregend. Eure Grenze liegt immer dort, wo ihr selbst mit absoluter Sicherheit trennen könnt zwischen Spiel und Realität. Zur Veranschaulichung eines wichtigen Prinzips schaut euch gern eine Live-Vorführung an, bevor ihr selbst in zu kaltes Wasser springt. Ihr werdet Demütigungen sehen, anspucken in der Öffentlichkeit, Schläge, Beleidigungen, heftige, herablassende Äußerungen, Benutzung durch andere und einiges mehr. Aber in jedem Fall, in dem dieses Szenario gesund praktiziert wird, werdet ihr eine/n Sub sehen, der durchgehend in einem Rauschzustand ist und immer parallel körperlich aufs Äußerste erregt ist. Noch dazu solltet ihr beobachten, wie derjenige sich im Anschluss daran bewegt und gibt. Er oder sie wird erhobenen Hauptes, erschöpft aber aufgedreht und vor allem über die Maßen stolz und selbstsicher den Raum durchqueren. Vermutlich durchweg mit einem Lächeln auf den Lippen.

Diese Tatsache wird nicht daran liegen, dass das Ausleben dieser heftigen Fantasie im Allgemeinen für alle, die auf Erniedrigung stehen, reizvoll und erregend ist  – sondern daran, dass derjenige SO selbstsicher, SO im Reinen mit sich und seiner Sexualität ist, dass er tief in seinem Innersten weiß, dass auch die heftigsten Erniedrigungen nicht der Realität entsprechen.

Und der Weg dahin ist einer, den ihr selbst gehen müsst – wegen mir an der Hand eines Menschen, der euch führt. Aber der Prozess findet in euch statt. Macht euch niemals abhängig von den Loben und Komplimenten eines dominanten Parts – denn damit gebt ihr diesem Menschen auch in der Realität die Macht, euch gut oder schlecht fühlen zu lassen. Genießt es, wenn ein Dom stolz auf euch ist – aber seid in erster Linie selbst stolz auf euch. Findet Sicherheit in euch selbst, nicht in einem anderen. Liebt euch selbst, zelebriert eure eigenen Fähigkeiten und eure eigene Stärke. Erst wenn dieses Gefühl zu eurer eigenen Realität wird, könnt ihr euch im Rahmen eines Spiel erniedrigen lassen, ohne euch erniedrigt zu fühlen. 

Zum Abschluss – mein eigener Kink

Abschließend möchte ich noch ein paar Zeilen zu meinen eigenen Erfahrungen und Vorlieben schreiben. Ich möchte nämlich nicht, dass auch nur einer da draußen glaubt, ich rede hier von einem hohen Ross herab oder „habe gut Reden“. Ich bin eben diesen Weg selbst gegangen, meine Lieben. Von einer unerfahrenen, jungen Frau, die Tränen in die Augen bekam, weil ein Mann nur einen falschen Satz gesagt hat. Über eine Frau, die erste Erfahrungen machte, Schritte ging, sicherer wurde und irgendwann herausfand, dass es wie eine Droge auf sie wirken konnte, wenn sie angespuckt oder geohrfeigt wird. Bis zu der Frau, die ich heute bin:

Eine, die mit ihrer Sexualität zum allergrößten Teil im Reinen ist, am Rest bewusst arbeitet und nur noch ausgesprochen wenige und nicht sehr ausgeprägte Punkte in sich trägt, von denen sie weiß, sie können heikel sein – aber sicher genug ist, diese gefestigt und bedingungslos zu kommunizieren. Eine, die sich liebt, stolz auf sich ist und ihre Neigung nicht nur angenommen und akzeptiert hat, sondern gelernt hat sie zu lieben. Eine, deren innere Bestie ihr Flügel verleiht, wenn sie auf Events im Mittelpunkt steht, vor zehn, fünfzig oder hundert Leuten vorgeführt und gedemütigt wird, geschlagen, beleidigt, angespuckt und benutzt. Weil sie zwar erkennt, dass es erniedrigende Handlungen sind, die sie gerade erlebt – aber zu 100% weiß und fühlt, dass die Realität das Gegenteil ist:

Nämlich, dass Menschen sie bewundernd ansehen. Dass jener, der sie erniedrigt, eigentlich den größten Respekt und in besonderen Momenten sogar Ehrfurcht vor ihr hat. Dass das Bekenntnis zu dieser Vorliebe und das Ausleben derselben sie mit jedem einzelnen Erlebnis nicht mehr Demütigung, Unsicherheit und Scham fühlen lässt, sondern Sicherheit, Selbstliebe und Stolz.

Und zwar nicht den Stolz eines anderen.

Sondern den auf sich selbst.

9 Kommentare

  1. Während ich nun diesen Kommentar schreibe, läuft im Hintergrund Leonard Cohen „You Want it Darker (Paul Kalkbrenner Remix)“, wie (un)passend. Ich betrachte die heute von Dir vorgestellten Spielarten nur als Spiel, sozusagen ein extravagantes Hobby, bei dem man die Seele schwere-und zeitlos bis zur Erschöpfung auslebt, wieder langsam zurück ins Hier und Jetzt zurückgeholt wird, sich anzieht, und einfach nach Hause geht.

    Ich danke Dir für diesen kurzen Einblick in Dein Dich kickendes „Hobby“.

    Ja, Public Disgrace hat schon seinen Reiz. Nicht als Protagonist, sondern als derjenige, der Dir aufmerksam in Deine Augen=Seele blicken darf. Ein besonderer Moment. Das kickt dann mich, denn in diesem Moment wären die Mauern gefallen.

    Ich bin einmal gespannt, wohin die Reise des nächsten Buchstaben gehen wird.

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  2. Ophelia, deine Beiträge sind nicht nur lang, ausführlich sondern auch wertvoll. …und dies nicht nur für Anfänger, sondern auch für Alte Hasen. Du hast das Händchen dafür, das ich wieder einaml in mir gehe und Revue passieren lasse, wir war es bei mir. Vielleicht liegt es daran, das ich nun alt bin, oder gereift bin, aber verbale Erniedrigungen gerade mit Worten oder auch Taten, waren immer etwas, mit dem ich ganz langsam und mit Vorsicht gemacht habe. Vielleicht war es auch Angst vor der eigenen Courage, die mich dazu brachten, erst nach Jahren, ca 2 bis 3, Worte und auch Orte zu verwenden, die meine Sub einstecken konnte. In den 70ziger Jahren war vieles nicht so offen oder öffentlich wie heute, (Würde ich heute immer noch unterschreiben) Ich erinnere mich, was waren das für Gespräche, Diskussionen und Annäherungsversuche, um auszuloten, was sie erfindet, verkraften kann oder letztendlich gut heißt. Mit ihrem Stolz werden auf sich selbst begann das Spiel. …und am Ende, in der Realität sofort das Gespräch über das Erlebte, das Erspürte. Erst wenn sie sich wohlfühlte , fühlte ich mich auch selbst wohl, der sagen konnte: Wenn ich es dir das an den Kopf werfe , ist es eine Liebeserklärung, die deinem Stolz gebürt. Auch Orte außerhalb der eigenen Vierwände oder das Einbeziehen Dritter oder mehrerer als Zuschauer oder gar als Aktive bedurfte langer Absprachen bis sie umgesetzt wurden. Fazit ist auch heute noch: Erst wenn das Vertrauen da ist und ich ihre Seele kennen gelernt habe, ist Erniedrigung ein Baustein des Spiels. Dazu mußt du aber auch gelernt haben, das deine Sub ein Persönlichkeit hat und als Mensch stets zu achten ist.
    So nun das waren meine Gedanken dazu. Ich hoffe, das viele Neulinge und Frischlinge deinen Beitrag lesen und ihn verinnerlichen,

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  3. Erniedrigung, Demütigung, alles ist sehr aufregend und spannend. Es stimmt was du sagst, vor allem für Anfänger.
    Was ich mich in diesem Zusammenhang immer frage, warum ist das so. Warum gibt es Dir einen Kick dich ohrfeigen zu lassen. Was kickt mich daran mich anpinkeln zu lassen. Ist da etwas im Leben schief gelaufen oder ist das einfach so.
    Irgendwie muss das wohl mit dem verletzen der gesellschaftlichen „Normen“ zu tun haben. Ich bin gespannt ob du dazu einmal etwas schreibst.

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  4. Einfach wundervoll geschrieben. Vielen Dank dafür.
    Für mich gehört Erniedrigung auch deutlich zu meinen Kinks, allerdings haben mich die Sätze zum Deepthroat zusammenzucken lassen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es wirklich nicht schön ist, wenn man zum Deepthroat fast schon gezwungen wird und daraufhin mit so starkem Würgreiz, dass man sich fast übergeben muss, neben dem Mann sitzt, dem man vertrauen sollte und zu hören bekommt, dass man sich „wohl überschätzt hat“ und „was mach ich nur mit dir? So wird das nie was.“ … nicht schön.
    Danke also dafür, dass du in deinen Beiträgen nicht nur die schönen Aspekte des BDSM schilderst, sondern auch die negativen Aspekte. Zwei Seiten einer Medaille, beide wichtig zu kennen.
    Danke. ❤

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  5. Liebe Ophelia, endlich bin ich dazu gekommen dieses Beitrag zu lesen. Ich habe mir bewusst Zeit gelassen und einen Moment gefunden, in dem ich genügend Zeit hatte den Beitrag zu lesen und auch zu verarbeiten und da dran bin ich im Moment immer noch. Und ich denke, diese Replay wird mir dabei helfen.

    Als ich mit dem lesen deines Artikels angefangen habe, habe ich gedacht, dass das der erste Beitrag von dir sein könnte, mit dem ich nicht einverstanden bin. Um dies verständlich zu machen, muss ich wohl etwas ausholen. Für mich gehört die Erniedrigung und hier vor allem die erniedrigen Handlungen zu einem guten Spiel unausweichlich dazu. Einzig eine Bondage Session alleine könnte mich sonst noch richtig flashen.

    Und bei deinen ersten einführenden Ausführungen zu unmittelbar – offensichtlich – und Nachhaltig kam bei mir der Anschein hoch, dass Du die Erniedrigung für falsch hälst, obwohl ich aus früheren Texten eigentlich wissen hätte müssen, dass dies nicht so ist.

    Bei einem Punkt gehe ich nicht ganz einig mit Dir, bin mir aber auch nicht sicher, ob ich ihn 100% richtig verstanden habe. Du schreibst, dass Schlagspuren nicht nachhaltig sind. Dies ist für mich schon auch richtig, aber sie können aus meiner Sicht auch eine sehr nachhaltige seelische Komponente haben und gehen dann aus meiner Sicht auch etwas in die selbe Richtung wie die Erniedrigung. Früher einmal habe ich ein Erlebnis gehabt, bei dem die Schläge bei mir zwar nicht sichtbar über mehrere Tage anhielten, aber ich mit den Schmerzen nicht umgehen konnte. Denn ich war noch nicht gefestigt. Und es war ein komisches Gefühl danach. Es waren ja nicht extreme Schmerzen, aber dennoch konnte ich damit einfach nicht umgehen in dem Moment. Und das führte dazu, dass ich lange Zeit ohne Schmerzspiele weiter gegangen bin und anfänglich sogar richtig Angst hatte, wieder ein BDSM Spiel zu machen. Dies war aber wohl wirklich der mangelnden Erfahrung zu schulden und in dem Augenblick hat mich die Dom wohl einfach etwas überfordert. Wir kannten uns zu dieser Zeit ja auch noch zu wenig.

    So nun kommen wir wieder zu deinem Text zurück, denn je weiter ich deinen Ausführungen gefolgt bin, desto mehr habe ich mich darin wieder und wohl gefunden. Ich sehe es wirklich genau so wie Du, Erniedrigung macht dann Spass, wenn sie ein Spiel ist. Ich habe das Glück, dass ich das extrem gut trennen kann. Denn sobald ich mich in ein Spiel begebe, dann weiss ich, dass alles was jetzt passiert wirklich ein Spiel ist. Und sollte das man nicht der Fall sein, werde ich auch keine Bedenken haben das Spiel auf der Stelle zu beenden. Aber bis jetzt habe ich bei fast allen Begegnungen sehen können, dass die Dom sieht, welches Geschenk sie erhält und sie stolz auf das Spiel ist. Denn ich denke und weiss auch aus meinen dominanten Spielen, man merkt, sobald man etwas mehr Erfahrung hat, sehr gut, ob es dem Sub Spass macht und ihn erregt. Aber damit dies geschehen kann, muss man sich fallen lassen können. Sonst ist immer eine Anspannung im Spiel, die man nicht überbrücken kann. Und wenn man dann weiter macht, dann ist es mit Sicherheit kein Spiel mehr und man nimmt die Demütigung auch als Demütigung war.

    Sehr spannend finde ich auch den Public Disgrace Gedanken. Wobei ich den selber als Sub nicht auszuleben getraue, da ich mir nicht sicher bin, ob ich das verarbeiten kann. Aber als Zuschauer finde ich den Gedanken sehr anregend. Im aktuellen Zeitpunkt kann ich mir aber ein solches Spiel als Dom oder Sub nicht vorstellen, denn ich finde das Spiel an und für sich ist etwas sehr intimes für mich und da hat kein Publikum etwas dabei zu suchen. Aber man weiss ja nie, vielleicht ergibt es sich irgendwann eimal und auf einmal macht es Klick und wird zur Sucht. Sag nie Mals nie!

    Und den absolut wichtigsten Punkt hast Du mir absolut aus dem Herzen geschrieben.

    „BDSM muss sich nach dem Spiel gut anfühlen“

    Wenn dieser Satz nicht stimmt, dann habe ich etwas grundlegendes falsch gemacht. Entweder ich konnte mich nicht fallen lassen, habe falsche Erwartungen gehabt, habe etwas gemacht, was ich eigentlich gar nicht wollte oder aber ich bin grundsätzlich aktuell nicht richtig in diesem Thema. Und wenn dies der Fall ist, sollte ich eigentlich gar nicht in ein Spiel einsteigen oder einwilligen. Es gibt auch in sich gut anfühlenden Spielen manchmal Ecken, die etwas weniger gut waren, aber wenn man zusammen darauf eingeht, dann kann man am Schluss getrost behaupten und wissen dass das Spiel super war und man sehr viel positive Emotionen und Endorphine mit aus dem Spiel nehmen kann. Denn ist es nicht genau das, nach dem man dabei sucht? Auch wenn man sich als Sub einem Dom „zur Verfügung“ stellt? Ist es nicht genau das was einem stark macht, wenn man als Dom mit einem Sub spielt?

    Ja genau, genau das ist es was ich suche. Und ich denke, da bin ich mit Abstand nicht der Einzige. Denn auch für mich ist und bleibt es ein Spiel. Ich kann mit 24/7 nichts anfangen, denn dies kann aus meiner Sicht nicht lustvoll sein.

    So, ich glaube, dass ich noch nie so viel geschrieben habe. Aber es hat tatsächlich enorm gut getan 🙂

    Ich danke Dir noch einmal von Herzen für diesen Text und all deine vergangenen und kommenden Texte. Sie regen immer zum nachdenken und reflektieren an und das habe ich bis hierhin wohl zu oft zu wenig gemacht.

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    1. Danke für deinen langen Kommentar – ich hab ihn noch in der selben Nacht gelesen, kam leider nicht früher dazu, zu kommentieren. Er ging mir aber im Kopf herum und auch ich hab noch über einiges nachgedacht. Übrigens genau das finde ich so toll hier – man spielt Ping Pong mit den Gedanken und daraus ergeben sich immer neue. Schön 🙂
      Ich lass deine Gedanken ergänzen zu meinen und öffentlich für alle unkommentiert stehen. Danke dafür und danke, dass du hier bist 🙂

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  6. Danke für diesen Beitrag, den ich erst heute zu lesen bekam.
    Während ich ihn las, hatte ich das Gefühl, ich hätte ihn selbst geschrieben. Deine Erfahrungen decken sich so sehr mit meinen eigenen, dass ich schon leicht erschrocken war.

    Ich hoffe sehr, dass möglichst viele Subs Deinen Beitrag lesen, die selbst noch nicht so gefestigt in ihrem BDSM sind wie Du und ich!

    Liebe Grüße
    Rieke

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