Selbstliebe, Teil II – Das Außen

Nach einem ersten, vielleicht etwas theoretischen Teil, will ich euch heute von konkreteren Erfahrungen erzählen, die ich auf meinem Weg gemacht habe. Ich teile erneut auf: Heute ein paar Worte zum Thema „Aussehen“.


Vorgeschichte

Ich weiß aus Erfahrung, wie es sich anfühlt, gemobbt zu werden, weil man nicht dem Schönheitsideal entspricht, zu dick ist, zu whatever ist. Später erfuhr ich auch, was es heißt, in einer festen Beziehung mit einem Mann zusammen zu wohnen, der einen über Monate hinweg nicht anfasst. Ich erfuhr, was es mit dem eigenen Selbstwert macht, wenn man sich als Frau in Dessous schmeißt, irgendwann quasi um Sex bettelt, aber nicht angerührt wird. Und das für rund zwei Jahre (er war depressiv, wie sich irgendwann herausstellte – das hier ist also keine Schuldzuweisung. Aber die Auswirkung war dieselbe).

In einer späteren Phase dann, gab es Menschen, die mir regelmäßig sagten, dass ich schön bin – dass ich lernen soll, mich zu akzeptieren, wie ich bin und dass ich mich an kein Schönheitsideal anpassen soll.

In meiner Jugend litt ich also unter dem Druck von außen, von Mitschülern (aus vielen Gründen, aber wir bleiben hier erst einmal beim Thema Aussehen). Ich entsprach keinem Ideal und fühlte die Diskrepanz auf mich einschlagen wie Steine, die geworfen werden. „Du passt nicht zu uns“, „du gehörst hier nicht her“, „du bist lächerlich“. Diese Message zu spüren zu bekommen, kann einen fertig machen.
Einige Jahre darauf hörte ich von anderen Seiten permanenten Zuspruch. Es war ein ständiges: „ach was, du bist doch schön, so wie du bist!“, „ach – die paar Kilo“, „du musst lernen, dich so zu lieben, wie du bist. Nimm dich doch an.“

Soll ich euch was sagen? Für mich fühlte sich das nach demselben Druck an, nur von der anderen Seite. Mir konnten das damals tausend Leute sagen – ich FÜHLTE mich eben nicht schön. Ich wollte keinem Ideal entsprechen, um gesellschaftstauglich zu sein. Aber genau so wenig schaffte ich es, mich selbst dazu zwingen, mich endlich zu mögen. Ich setzte mich irgendwann so unter Druck, dass ich mich gar nicht mehr traute, irgendetwas von mir zu geben. Ich tat so, als fühlte ich mich wohl – um den entsprechenden Leuten zu zeigen, dass ich „darüberstand“, dass ich „gelernt hatte, mich zu akzeptieren“, dass ich „nicht so oberflächlich war, mir das Thema Aussehen so nahe gehen zu lassen“.

Ganz ehrlich? Einen Scheißdreck tat ich. Alles, was sich geändert hatte, war, dass ich schwieg und nicht mehr darüber sprach. Und aus diesem Prinzip habe ich eine Sache sehr, sehr nachhaltig gelernt:

Ich muss nicht die Gesellschaft zufrieden stellen und sicherlich keinem Ideal entsprechen. Aber genauso wenig muss ich so tun, als fände ich toll, was ich im Spiegel sehe, wenn ich es eben nicht toll finde. Der Druck, den Menschen erzeugen können, nur weil sie etwas „gut meinen“, kann enorm sein – zumindest ging es mir damals so. Zumal man sich hier nicht einmal traut zu widersprechen oder sich auch nur darüber aufzuregen – immerhin meinen die es ja gut mit einem und wollen helfen. Es wäre ja undankbar, wenn ich widersprechen würde. DAS wurde mir damals klar und was ich dann – endlich – begriff, war Folgendes:

Es gibt genau – und zwar wirklich exakt – einen Menschen auf dieser Welt,
der mit mir zufrieden sein muss.

Und diesen Menschen sehe ich täglich im Spiegel. 

(Für alle, die jetzt reflexartig einwenden: „Nein, meine Eltern sollten schon auch mit mir zufrieden sein“, „Aber meine Kinder sollen stolz auf mich sein“, „mein Partner sollte doch einen Menschen an seiner Seite haben, den er mag!“…
Das mögen auf den ersten Blick nachvollziehbare und vor allem naheliegende Gedanken sein.
Wenn ihr aber meine ganz persönliche Meinung dazu hören wollt: wenn ich mit mir selbst unzufrieden bin, strahle ich das aus – und wenn das zu irgendetwas führt, dann eher dazu, dass es zu unnötigen Konflikten kommt. Umgekehrt (wieder subjektive Erfahrungen, die ich aber regelmäßig mache): wenn ich mit mir selbst im Reinen bin, wirkt diese innere Ruhe, das eigene Selbstvertrauen IMMER nach außen und die positive Resonanz, die man erlebt, kann enorm sein.)

Selbstbestimmung

Als ich also begriffen hatte, dass ich der einzige Mensch bin, der mit mir zufrieden sein muss, stellte ich mir erneut meine Frage: Was für ein Mensch will ich sein? Wie müsste ich denn sein, um mich tatsächlich zu mögen? Souveräner zu werden? Und ja, durchaus in diesem Zuge auch: Wie würde ich denn gern aussehen? Natürlich nicht mit unrealistischen Ansprüchen. An meiner Körpergröße kann ich zum Beispiel nichts ändern. Aber ja, es gibt Dinge an meinem Äußeren, die ich ändern kann, wenn mir das denn wichtig ist. Ein paar davon entsprachen in meiner Vorstellung einem allgemeinen Ideal (ich hätte zum Beispiel tatsächlich gern ein wenig abgenommen) – ein paar andere überhaupt nicht, aber mir persönlich gefielen sie eben. Und dann zog ich die einzig schlüssige Konsequenz: Ich muss keinem Ideal entsprechen – ich muss aber auch nicht alles akzeptieren. Ich DARF sagen, dass ich mir nicht gefalle. Was ich nicht darf, ist, täglich zu meckern und zu jammern, ohne etwas dagegen zu tun. Also… tat ich etwas. Ich fing an, meine Ernährung umzustellen, machte Sport, nahm ab auf eine Kleidergröße 38, also völliger Durchschnitt – einfach weil es mir gefiel und weil ich merkte, wie gut mir Sport eigentlich tut. Ich ließ auch meine Haare radikal ändern und trage heute mehrere Tattoos, um nur ein paar äußerliche Dinge zu erwähnen.

Was ich damit sagen möchte – und ich hoffe inständig, dass ihr meine Worte richtig deutet:

In keiner Form vertrete ich die Ansicht, dass abnehmen, Friseurbesuche oder was auch immer notwendig sind, um sich zu mögen. Im Gegenteil! Aber ich vertrete ebenso wenig die Ansicht, dass man sich einreden lassen sollte, man müsse lernen sich selbst zu lieben, obwohl man sich nicht einmal gefällt.

Das Schlüsselwort hier hieß für mich: Selbstbestimmung.

Ich entscheide selbst, ob ich mich anpassen will. Ich entscheide aber auch selbst, ob ich mich mögen möchte oder nicht. Die einzige Konsequenz, die diese Entscheidung mit sich bringt, ist die Notwendigkeit etwas zu tun, falls ich mit keinem von beiden Konzepten einig bin. Selbstbestimmung, Kontrolle und Verantwortung über und für mich selbst und mein Leben in vollem Umfang zu übernehmen geht mit einem immensen Maß an Verantwortung einher.

Aber sie schafft eine Form der Freiheit, wie es nur wenige Dinge vermögen.

 

Die Sache mit den Schuhen

Ich glaube, auf Twitter geht mittlerweile das Gerücht um, dass ich Schuhe mag. Ein wenig muss ich dabei schmunzeln, weil ich meinen Sinn für Schuhe eigentlich erst im Laufe der letzten zwei Jahre entdeckt habe und er sich mehr in Grenzen hält, als es wohl den Eindruck macht. Meine Seelenschwester ist das Schuh-Mädchen in unserer Wohnung – ich fülle Räume eher mit Büchern. Das war immer schon so. Ich hatte ein Paar Sneaker, ein Paar Stiefel und ein Paar Schuhe für wichtigere Anlässe, flach übrigens. An dieser Stelle muss ich gestehen, dass ich meine Seelenschwester auch gern belächelt habe – ich habe schlicht und ergreifend nie verstanden, wie man mehrere Paar Schuhe von derselben Art brauchen kann. Zwei oder drei (oder gar mehr) Paar Stiefeletten – wozu?! Nun, durch das Tanzen lernte ich zum ersten Mal in meinem Leben, auf höheren Schuhen nicht nur zu laufen, sondern tatsächlich zu tanzen. Ich wurde sicherer und begann es zu genießen. Irgendwann merkte ich, dass ich auf Events ein Problem hatte: meine Outfits wurden nackter, härter. Und zu manchen passten flache Ballerinas einfach nicht – zudem fing ich an, die Frauen dort zu beneiden. Ernsthaft zu beneiden in ihren Heels, mit ihrer Sicherheit, der Ausstrahlung. Es passte einfach zu dem Leder und den Ketten. Ich begann auszuprobieren, mir Schuhe zu kaufen und ja, heute genieße ich eine kleine, aber feine Auswahl. Meistens bin ich vernünftig und verzichte auf zwei Paar, die sich zu ähnlich sind – einfach weil ich das Geld nicht habe für wahrlich überflüssige Luxusgüter. Aber ab und an gönne ich es mir, zumal ich herausfand, dass Secondhand eine feine und günstige Sache ist (und ja, so sehr sie mir manchmal Freude bereiten: Schuhe sind in meinen Augen absolute Luxusgüter. Ich gönne sie mir, wenn es gerade geht. Ich hätte keinerlei Schwierigkeiten zu verzichten. Das sähe bei Büchern zum Beispiel anders aus…).

Und jetzt kommt der Witz an der Sache:

Ich gestehe euch etwas. Vor vielen Jahren – als ich noch wirklich, wirklich unsicher war – fand ich Frauen unsympathisch, die im Alltag in Heels herumliefen. Ich mochte es nicht, ich fand es übertrieben. Ich hegte Gedanken wie „die hat’s ja nötig“, „total arrogant“ und „kann man noch deutlicher zeigen, wie geil man sich findet? Wozu muss man denn im Alltag Heels anziehen?“. Ich verstand es einfach nicht.
Heute bin ich nachsichtig, wenn Frauen mir skeptisch begegnen, wenn ich Heels trage -weil ich es verstehe. Ich kenne die andere Seite. Ich weiß, wie eine gewisse weibliche Selbstsicherheit auf andere Frauen wirken kann. Und ja, ich nenne hier nur Frauen, weil ich glaube, dass wir untereinander eine ganz eigene Art haben, uns gegenseitig zu sehen und zu begegnen. Eine übrigens, die sehr schädlich sein kann. Was ich aber sagen will, ist:

Irgendwann kam der Punkt, an dem ich es genoss. An dem ich sicher war, mit mir selbst im Reinen. An dem ich anzog, was auch immer ich wollte und mich einfach wohl fühlte. Und darum geht es mir und das zu betonen könnte mir gerade nicht wichtiger sein:

Selbstsicherheit kommt von innen. Sie kann getriggert werden durch Gegenstände, Kleidung, was auch immer. Es gibt Hilfsmittel auf dem Weg dorthin. Aber wahre Selbstsicherheit, souveränes Selbstvertrauen kommt von innen. Ich will auf keinen Fall, dass jemand hier glaubt, es sei ein Zeichen von Selbstsicherheit, wenn Frauen in hohen Schuhen und gestyled herumlaufen! Es geht – meine persönliche Meinung – um etwas anderes:

Die Heels und ein bestimmter Kleidungsstil halfen mir, sicherer zu werden. Aber irgendwann, als ich es dann war, brauchte ich diese Dinge nicht mehr. DAS ist der Punkt, den man erreichen möchte – oder: den zumindest ICH erreichen wollte. Früher trug ich weite Pullis, Jeans und Sneaker, weil ich mich nicht mochte. Weil ich mich versteckte. Heute trage ich das auch – aber einfach, weil ich es mag. Weil mir danach ist. Ab und an trage ich Heels, Leder, enge Shirts, was auch immer. Aber nicht, weil ich es brauche, sondern weil ich es MAG. Weil mir danach ist und weil ich es heute KANN.

DAS ist es, meine Lieben, woran ich es merke, wie wohl ich mich mit mir fühle. Wenn ich das tragen kann, so aussehen kann, wie es mir gefällt. Wenn ich abnehmen kann, weil ich WILL – aber im Winter auch 3kg zunehmen kann, weil ich gern esse und mich trotzdem gern im Spiegel sehe. Wenn ich Sneakers zur Arbeit trage, weil ich Bock drauf habe – oder Heels, weil ich ich es will. Wenn ich laut aussprechen kann, dass ich mir zurzeit nicht so gut gefalle und deshalb etwas ändern möchte – aber auch mindestens so laut aussprechen kann, dass ich mich manchmal ziemlich geil finde.

 

Oberflächlich?

Wer viel zum Thema Aussehen sagt, gilt schnell als oberflächlich oder arrogant, ich weiß das. Das Ding ist, meine Lieben: glaubt mir einfach, wenn ich euch sage, dass ich sehr viele Jahre heftigen Mobbings hinter mir habe, das nicht nur auf der Tatsache beruhte, dass ich einfach „komisch“ und „anders“ war, sondern auch auf Äußerlichkeiten. Ich weiß, wie es sich anfühlt, sich hässlich zu fühlen. Sich nicht gern im Spiegel zu sehen. Den eigenen Körper nicht zu mögen, nicht anzunehmen. Sich für sich selbst zu schämen.

Ich kenne das. Viel zu gut. Und genau aus diesem Grund möchte ich erst recht darüber sprechen. Weil ich für mich weiß, dass ich nicht oberflächlich bin – aber ich weiß ebenso gut, dass dieses Thema viele von uns immens prägt und beschäftigt.

Aussehen sollte nicht Priorität haben – weder bei mir selbst, noch bei anderen. Aber es ist durchaus menschlich zuzugeben, dass man auf gewisse Dinge Wert legt – bei mir selbst sowie bei anderen.
Ich habe durchaus Vorstellungen davon, wie ein Mann aussehen sollte, damit ich ihn attraktiv finde. Aber das sind Richtlinien. Ich mag es, wenn Männer größer sind als ich – meine lange Beziehung war aber mit einem Mann, der ein wenig kleiner war. War eben so, na und? Mir gefallen auch gut definierte Körper – einige meiner längeren Sexualpartner hatten aber definitiv einige Kilo mehr auf den Rippen. Ich mag Ausstrahlung, ich habe keine „Liste“, ich entscheide spontan. Und ja: den Ausschlag geben bei mir immer andere Dinge als das Aussehen. ABER:

Ich halte es für absolut menschlich zuzugeben, dass einem Aussehen nicht völlig egal ist. Dass ich es als attraktiv empfinde, wenn ein Mensch ein gepflegtes Äußeres hat. Sich so kleidet, dass man ihm ansieht, dass er sich wohl fühlt (wie auch immer das dann aussehen mag!). Wenn manche Menschen eben dunkle und andere auf helle Haare mögen – solange es nicht zum obersten Kritikpunkt wird, ist das doch völlig legitim. Geschmäcker sind verschieden und ich halte beides für völlig in Ordnung:
wenn jemand auf Äußeres ernsthaft überhaupt keinen Wert legt, finde ich das genau okay, wie wenn jemand zugibt, dass er auf gewisse Äußerlichkeiten achtet. Wir können gern den Moralapostel spielen und uns gegenseitig predigen, dass nur die inneren Werte zählen. Meiner Meinung nach führt das lediglich dazu, dass jene Menschen (und ich glaube, das sind einige), die sich zum Thema Aussehen Gedanken machen (bei sich selbst oder anderen), sich nicht trauen, das zuzugeben, weil sie dann als oberflächlich abgestempelt werden. Meine Gegenfrage an diese Haltung:

Wie kommt es dann, dass so verdammt viele Menschen Selbstzweifel und Komplexe haben? Unter ernsthaften psychischen Schwierigkeiten leiden, weil sie mit dem eigenen Körper, dem Aussehen nicht zufrieden sind, sich unsicher fühlen, sich schämen?

Klar, können wir jetzt der Gesellschaft die Schuld geben und sagen, es liegt an TV-Shows wie GNTM, die den Leuten dieses Bild vermittelt, während es eigentlich nicht darauf ankommt. Das mag schon sein, ist aber idealistisch gedacht.
Meine Meinung dazu: ich halte es für unrealistisch, die Gesellschaft in absehbarer Zeit so zu verändern, dass solche Einflüsse abgeschafft werden. Und mein grundlegender Denkansatz im Leben ist: Wenn ich etwas nicht ändern kann, muss ich es akzeptieren und mir überlegen, was ich denn ändern kann. Und was ich ändern kann, ist meine Einstellung zu diesem Thema.

Ich habe schon Gespräche mit SchülerInnen geführt, die mir Tränen in die Augen trieben. Junge Mädchen, die ernsthafte psychische Schwierigkeiten haben wegen ihres Äußeren und mit niemandem sprechen. Deren Eltern ihnen nichts anderes sagen als „Du bist schön wie du bist“. Das ist toll – aber Eltern sind in gewisser Weise genetisch dazu verpflichtet, ihre Kinder schön zu finden. Und Jugendliche sind nicht dumm. Nur weil meine Eltern mir sagen, dass ich schön bin, heißt es nicht, dass ich mich plötzlich schön finde. Selbstliebe muss von innen kommen und darum geht es mir. Indem wir immer nur behaupten, man solle „drüberstehen“ und auf die inneren Werte achten, setzen wir jene unter Druck, die mit sich selbst Schwierigkeiten haben und ich persönlich habe darunter immens gelitten. Deshalb: in einem gewissen Maß halte ich es für völlig legitim, menschlich und angesichts unserer Gesellschaft nur naheliegend, wenn Menschen sich über ihr Aussehen Gedanken machen – und SIE SOLLTEN DAS AUCH SAGEN DÜRFEN, ohne gleich als oberflächlich zu gelten.

 

Zusammengefasst:

  • Es kommt nicht auf das Äußere an und ich persönlich finde, der Charakter eines Menschen ist deutlich wichtiger. Das bedeutet im Umkehrschluss NICHT, dass ich nicht zugeben darf, wenn ich nicht mit meinem Äußeren zufrieden bin oder mit mir hadere.
  • Ob ich als Frau hohe Schuhe oder Sneaker trage, ist völlig egal. Auch der Kleidungsstil oder ob ich überhaupt einen eigenen Stil habe, tut absolut nichts zur Sache – es geht um den Grund, weshalb ich etwas trage: trage ich ein weites Shirt, weil ich mich für meinen Körper schäme oder weil ich es einfach mag? Ich kenne die selbstsichersten Frauen, die noch nie in ihrem Leben Heels getragen haben – dass ich das hier zum Thema gemacht habe, liegt lediglich an einer persönlichen Vorliebe). Umgekehrt sollte ich irgendwann den Schritt wagen und unabhängig von den Meinungen anderer das tragen, was ich immer schon mal tragen wollte. Und egal, was andere sagen oder wie sie schauen – ich darf es genießen.
  • Wenn ich mit manchen Dingen an mir tatsächlich unzufrieden bin, habe ich das Recht, mir zu überlegen, ob ich etwas ändern möchte bzw. mich zu fragen, was ich denn ändern kann. Ich DARF sagen, dass ich mir nicht gefalle – das bedeutet nicht, dass ich oberflächlich bin und nur aufs Aussehen achte. Ich darf das zugeben, auch wenn alle sagen, ich soll doch drüberstehen.

Wichtig ist bei all diesen Dingen: Es muss eine Konsequenz folgen. Ich muss einen Schritt gehen in Richtung Veränderung und ich muss an mir arbeiten. Und dann, am Schluss dieses Wegs, wird es eine letzte Erkenntnis geben. Eine, die jeder für sich selbst machen muss – die ich euch aber gern schon im Vorfeld verrate. Zumindest war es meine Erkenntnis und ich wünsche sie jedem Einzelnen da draußen:

 

Irgendwann, nachdem ich herumprobiert habe, abgenommen und wieder zugenommen habe, frustriert war und glücklich, Heels getragen und Sneaker, meinen Stil tausend Mal verändert und vor allem nebenbei an meiner inneren Haltung gearbeitet habe… irgendwann dann kommt der Punkt, an dem es TATSÄCHLICH nicht mehr aufs Äußere ankommt. An dem ich in den letzten Gammelklamotten einkaufen gehen kann, weil ich mich wohl fühle und zwei Stunden später gestyled in Heels zu einem Date fahre, weil ich es WILL. An dem ich im Sommer mehr Sport mache und im Winter mehr esse und es mir egal ist. An dem ich mich auf Events, oder in der Saune oder vor meinem Partner und  VOR ALLEM vor dem Spiegel ausziehe und mich einfach… wohl dabei fühle.

Das war der Punkt, an dem ich zum ersten Mal in meinem Leben erfuhr, wie es sich anfühlt, sich selbst zu lieben. Sich toll zu finden. Der Punkt, an dem ich endlich verstand, dass Topmodel-Werbung Bullshit ist, dass es aufs Äußere eben wirklich nicht ankommt, dass unsere Gesellschaft ein falsches Bild vermittelt. Der Punkt, an dem ich zum ersten Mal wirklich all das an mir ernsthaft akzeptierte und annahm, was ich eben nicht ändern kann. Der Punkt, an dem ich mich in beidem schön fand: in Jogginghose und in Leder.

Aber diesen Punkt habe ich nicht erreicht, weil mir Menschen gesagt haben, dass ich „schön bin wie ich bin“ und „mich akzeptieren soll“. Sondern weil ich mich ausprobiert habe, getestet habe, mich verändert habe und wieder zurückgeändert, mich kennenlernte und auf die Straße ging und mich zeigte.

 


An dieser Stelle mache ich einen Cut. Ein dritter und letzter Teil wird folgen zum Thema „Innen“ – der im Grunde des wichtigste ist und den ich nicht getrennt betrachten will. Nichts von alldem, was hier steht, hätte für mich funktioniert, wenn ich nicht auch an meiner inneren Haltung gearbeitet hätte. Dieser Teil wird folgen – das Wichtigste also zum Schluss.
Für die nun doch längere Ausführung habe ich mich übrigens entschieden, weil mich nach dem letzten Beitrag so viele Nachrichten erreicht haben mit Fragen, die ich hier hoffe, beantwortet zu haben. Denkt bitte dran, dass all das hier nur mein Weg war, oder besser: ist. Glaubt bloß nicht, ich hätte nicht auch noch meine Tage des Zweifelns, meine Rückschläge. Ich gehe diesen Weg noch immer.
Vielleicht teilt ihr ihn nicht. Vielleicht gehe ich ihn allein, weil ich die Einzige hier bin, die schwer von Begriff ist und das „ich darf mich lieben, wie ich bin“ nicht gleich begriffen hat, trotz Wiederholung, sondern es erst lernen musste.

Vielleicht.

 

Vielleicht aber auch nicht.

6 Kommentare

  1. Das war sehr interresant zu lesen, ich bin auch noch dabei meinen Weg der Selbstliebe zu finden.
    Früher und auch nach der Schule wurde ich gemobbt und weiß bis heute nicht warum, ich hab mich lange Zeit sehr verloren gefühlt und dadurch eine Sozialphobie entwickelt mit der ich trotz Therapie immer noch kämpfe. Aber mittlerweile akzeptiere ich meinen Dämon und gehe mit ihm durchs Leben da er genauso viel Angst hat wie ich und zu mir gehört. Ich bin offen mit meinen Fehlern was mich vielleicht angreifbar macht aber ich sage das bin ich nehmt mich oder lasst es.Zum Thema wie Selbstbewusstsein sich in der Kleidung spiegelt weil man trägt was gefällt kann ich sagen ich liebe bequeme Sachen wie Hoodies und Jogginghosen, ich sehe das als eine Art Triumph Rüstung. Man hatt halt auch die Blicke wie „uh der Verlierer im Assi Look“ zumindest gucken manche so aber ich sag mir immer guck du nur ich kann das tragen. Ich bin noch neu hier aber hoffentlich kann ich von dir etwas mitnehmen was mir hilft. Danke für deine Gedanken.

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  2. Eigentlich lese ich deinen Blog, liebe O., um mich an den Geschichten mit sexuellen Content zu laben. Nun also machst du einen auf Ratgeber für den Bereich Selbstliebe, Selbstachtung und Selbstbewusstsein.

    Gestatte mir hierzu drei Punkte, die aus meiner Sicht recht hilfreich sind, hinzuzufügen.

    1.) Für sehr wichtig halte ich, dass man sich auf etwas zurückziehen kann, was man kann. Insofern empfehle ich, sich etwas zu suchen, was man gut kann. Gut können, heißt besser wie der Durchschnitt. Dies kann ein Musikinstrument sein, vielleicht entdeckst du ihn dir die begnadete Oboistin, eine besondere Fähigkeit zum Sprachenlernen, ein Zahlenverständnis, eine Organisationsfähigkeit usw.. Beispielsweise kenne ich eine Psychotherapeutin, die Psychotherapie eher hast, dieses Wühlen im Urschleim ablehnt, aber irgendwann feststellte, das ist etwas, wo sie bei anderen Personen ganz besonders gefragt ist und hilfreich sein kann. Bei Matthäus heißt es, man soll sein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Voraussetzung ist natürlich, dass man erst mal weiß, was sein Licht ist.

    2.) Für das persönliche Selbstbewusstsein ist es auch wichtig, seine negativen Seiten, seine sogenannten Schattenseiten, zu sehen bzw. seinen eigenen Schweinehund zu kennen. Es geht nicht darum diese Schattenseiten, beispielsweise wenn jemand eine bornierte, sexgeile, überhebliche Person ist, zu bekämpfen und abzulehnen, sondern es anzunehmen und zu füttern. So nach dem Motto, o. k. am nächsten Samstag bin ich mal nur so, lebe nur diese Eigenschaften von mir. Der Hintergrund ist, wenn man seinen Schweinehund kennt, kann man mit ihm Freundschaft schließen und ihn bewusst einsetzen und irgendwelche Aufgaben geben.

    3.) Ferner empfehle ich Zentrierungsübungen. Man kennt sowas aus dem Kampfsport, beim Yoga wird es benutzt, Pilates nutzt es, jeder Tänzer kennt es, Klavierspieler oder Frauen, die nach der Geburt etwas intensiver Beckenbodenübungen machen, kennen es. Hier empfehle ich, probier es einfach mal aus, wenn du zu Aldi gehst, nicht mit hängenden Schultern und gebeugten Rücken nach Sonderangeboten suchend durch die Gänge zu schlurfen, sondern zentriert, mit geraden Rücken, geöffneter Brust und weiten Schultern, durch die Gänge zu gehen. Der Unterschied ist gewaltig. Ich kenne Leute, die stellen zum ersten Mal fest, dass sie tatsächlich existieren und wahrgenommen werden.

    Kind Regards
    Waldstern

    Liken

    1. Schade, ich bin ein bisschen enttäuscht..

      1. Entschuldige, dass ich mich ab und an auch anderen, wichtigen Themen zuwende, wenn sie angefragt werden und der Content nicht nur sexueller Natur ist. Niemand muss lesen, was ich schreibe.

      2. Ich mache sicherlich nicht „einen auf Ratgeber“. Im Gegenteil – wenn du aufmerksam gelesen hättest, wären dir die wohl 17 Stellen aufgefallen, an denen ich betont habe, dass ich NICHT Ratschläge gebe, NICHT die Funktion eines Experten, Therapeuten, oder was auch immer einnehmen will, sondern mich davon entferne und hier lediglich meine eigenen Erfahrungen schildere. Persönlich, subjektiv. Niemand muss darauf hören und ich bin sicher, der Weg ist nicht für jeden der Richtige. Das ist ja der Witz daran: man muss seinen eigenen finden. Aber das schrieb ich ja. Mehrmals.

      3. Dass du nicht aufmerksam gelesen hast, sehe ich leider auch daran, dass du hier Ergänzungen bringst, die zwar sinnvoll sind, aber mit dem Beitrag nichts zu tun haben. Es ging um das Außen. Alles, was zum Innen gehört, wird im nächsten Beitrag folgen. Aber – auch das schrieb ich.

      Schöne Grüße
      Ophelia

      Gefällt 2 Personen

  3. @waldstern Warum muss man in etwas besser sein oder können als der Durchschnitt um sich lieben zu können? Ein unsicherer oder ein sich selbst nicht liebender Mensch wird dieses Etwas entweder nicht sehen oder nicht finden können.
    Ophelias Blog finde ich äußerst vielseitig (und dadurch auch extrem lesenswert), weil eben nicht um den reinen SexContent bzw BSDM geht. Hier hat man es vielmehr mit Selbsterkenntnis, sich selbst kennenlernen, überlegt Grenzen auszuloten und da darf auch sowas wie „Ratgeber“ zum Thema Selbstliebe, Selbstachtung und Selbstbewußtsein allgemein nicht fehlen. Denn wenn man sämtliche Artikel auf dieser Seite durchliest und nicht nur überfliegt, dann zieht sich das wie ein roter Faden durch die Veröffentlichungen. Gerade bei BSDM scheint mir auch das sehr sehr wichtig zu sein. Denn ein „guter“ Dom muss Selbstbewußtsein, Dominanz ausstrahlen (und demzufolge auch empfinden) und eine „gute“ Sub muss selbstbewußt genug sein, um mit schlechten Erfahrungen umzugehen und Spiel abzubrechen wenn eine Grenze erreicht bzw überschritten ist. Das ist doch das der Kern einer guten Session. Sich nicht dauernd mit Selbstreflektion beschäftigen müssen, sondern sich im Spiel fallen lassen zu können, weil man sich (selbst) vertraut.

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  4. Na ja, ich lese hier nicht um mir ein von der Palme zu wedeln. Ich lese hier, weil mich die Erotik anspricht, dein Schreibstil fesselt und ich mir für mein Leben auch was rausziehen kann, obwohl ich kein Interesse an BSDM habe. Ein Unterschied in der Erwartungshaltung, der sich eben auch im Lesen und der Beurteilung deines Blogs zeigt.

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