Bilanz ziehen 2018

Meine Lieben,

hier sitze ich nun, am Nachmittag des letzten Tages des Jahres an genau demselben Ort, an dem ich vor exakt einem Jahr bereits saß. Es fühlt sich merkwürdig an, darüber nachzudenken. Mir vorzustellen, dass schon wieder ein Jahr vergangen ist und ich wieder, oder besser: noch immer hier sitze. Als hätte sich nichts geändert – und dabei hat sich alles geändert.

Letztes Jahr, also 2017, ist Mein Leben im Pelz online gegangen. Zu Silvester war ich bereits völlig erstaunt, wie viel Resonanz ich bereits hatte, schrieb darüber, dass meine Twitter-Follower-Zahl eine unglaubliche dreistellige war, was mir völlig undenkbar schien. Über einhundert Leute! Jetzt schmunzle ich, weil ich weiß, dass mein Tweet mit dem Link zu diesem Text nachher an rund 7.500 Menschen gehen wird und… ich weiß auch nicht. Ich hab im Laufe des Jahres schon häufig gehört, dass ich irgendetwas richtig zu machen scheine, weil meine Leserschaft anscheinend recht schnell wächst. Natürlich hab ich keinen Vergleich und keine Ahnung, weshalb ich solche Aussagen immer einfach… zur Kenntnis nehme. Aber dazu gleich mehr.

Eigentlich wollte ich gerade sagen, dass ich an Silvester hier saß und diesen Beitrag schrieb. Darin erklärte ich, dass ich immer zum Jahresende für mich ein schriftliches Resümee ziehe, was ich 2017 zum ersten Mal öffentlich machte. Und ich erklärte, dass ich schon lange jedes neue Jahr unter einer Art Motto beginne. Ein Motto, das sich meistens aus den Ergebnissen des vergangenen Jahres herleitet. 2016 hieß es „Mittelwege“, 2017 „Das Leben genießen“.
Im weiteren Verlauf des Bilanz-Textes von 2018 schrieb ich dann, wie wunderbar das Jahr war, aber dass sich die Zeiten jetzt ändern mussten. Ich legte mein Motto für 2018 fest:

Allerdings bin ich kein Mensch, der seine Lebensaufgabe darin sieht zu genießen. Dieses Jahr war nötig und gut, aber das Motto für das Folgende wird ein anderes sein:

Grenzen testen

Ich brauche wieder mehr.
Ich brauche Herausforderungen. Ansporn. Motivation. Niederlagen und Gründe, wieder aufzustehen. Erfolge und Misserfolge. Harte Lektionen, die mir etwas beibringen. Menschen, die mich fordern. Ziele, die es zu erreichen gilt. Da ich allerdings in vielen Bereichen keine klaren Ziele setzen kann, weil ich nicht einschätzen kann, wo diese liegen könnten, gilt es Grenzen auszutesten. An ihnen zu kratzen. Zu sehen, was möglich ist.

Ich habe 2017 das Leben genossen und das war gut so. Wenn ich daran zurückdenke, war 2017 eines der besten, vielleicht sogar das beste Jahr meines Lebens. Einfach, weil es das erste Jahr in meinem Leben war, in dem ich nicht einen Großteil mit Krankheit, Pflege, Tod, Verlust, Depression, Angst oder sonstiger Dunkelheit zu kämpfen hatte.
Aber wie hier steht, bin ich kein Mensch, der Hedonismus als Lebenseinstellung betrachtet – ich brauchte mehr. Bezeichnenderweise wurde also „Grenzen testen“ zu meinem Motto 2018. Ich schrieb „Ich brauche (…) Niederlagen und Gründe, wieder aufzustehen. Erfolge und Misserfolge. Harte Lektionen, die mir etwas beibringen.“

Krasser Scheiß, was? Ich bekomme fast Gänsehaut, wenn ich das lese und es wirklich zu begreifen versuche. Die Tatsache verinnerliche, wie treffend ich hier gewählt hatte.

BDSM

Ich schrieb in diesem Text unter anderem darüber, dass mein Weg im Kaninchenbau noch lange nicht zu Ende war und dass ich unbedingt eine Abzweigung finden musste, die mir eine neue Richtung gibt. Die mir ermöglicht, meine eigenen Grenzen kennenzulernen. Mir zu zeigen, wie weit ich gehen kann und will.
Gleich im Januar lernte ich Luzifer kennen. Die ersten drei Monate des Jahres verbrachte ich mit einem Mann, der mir – bei allem, was danach geschah – so viel über BDSM beibrachte, wie niemand vor und niemand nach ihm. Das meiste davon vermutlich, ohne es zu merken und vieles davon höchstwahrscheinlich auf eine fragwürdige Art und Weise. Aber ich lüge nicht, das habe ich nie getan. Also ja: die ersten drei Monate des Jahres mit ihm waren unglaublich. Unglaublich intensiv und viele von euch haben Beitrag um Beitrag mitgefiebert, ob dieser Mann mein kleines, persönliches Happy End werden würde, nachdem ich zum ersten Mal seit Ewigkeiten wieder bei einem Mann übernachtet hatte und Dinge getan hatte, von denen ich glaubte, sie nie wieder tun zu können oder auch nur zu wollen.
Ich ging an Grenzen – und wie. Ich kratzte jede Schmerzgrenze an, jede Grenze meiner Ängste und Trigger. Jede Grenze im zwischenmenschlichen Spiel einer Partnerschaft, wie auch immer diese geartet sein mag. Ich übernachtete bei ihm. Ließ mich vorführen. Trug Spuren an mir wie nie zuvor und nie wieder seither. Ich zeigte mich öffentlich als Paar mit einem Mann. Ich ließ mich auf ihn ein. Mein Motto für 2018 war ein voller Erfolg.

Bis Ostern zumindest.

Um Ostern stellte sich heraus, an wen ich da geraten war und jetzt, wenn ich so darüber nachdenke, merke ich, wie sehr mich diese Sache eben doch geprägt hat und dass sie wohl zu den Dingen gehört, die ich immer mit mir herumtragen werde. Unter anderem natürlich auch deshalb, weil ich nächstes Jahr vor dem Landgericht verklagt werde. Ein Abschluss ist noch lange nicht in Sicht. Es ist, als hätte diese Geschichte mir einen kleinen, fiesen Schnitt versetzt, der eigentlich nicht allzu wild ist im Gegensatz zu den anderen Narben und Wunden, die ich so habe – aber er entzündet sich immer wieder.

Und das Faszinierende an der Sache ist: jetzt, mit Abstand betrachtet, bin ich auf merkwürdige Art dankbar.

Dankbar für eine Lektion einerseits, durch die ich so viel gelernt habe, wie selten zuvor in diesem Bereich. Und vor allem dankbar, weil diese Sache meinem ganzen Leben eine Wendung gab. Ohne diese Erfahrung hätte ich vermutlich nicht angefangen, über Missbrauch im BDSM zu schreiben, hätte niemals diese Masse an Nachrichten von Frauen erhalten, die diese Erfahrungen teilten. Hätte mich niemals mit dem Thema beschäftigt, um festzustellen, dass Frauenberatungsstellen und alle anderen öffentlichen Anlaufstellen wie Polizei, Anwälte, usw. in keinster Weise vorbereitet sind und nicht angemessen mit diesem Thema umgehen können. Mir wäre niemals auf so harte und klare Weise bewusst geworden, was Shades of Grey angerichtet hat, indem es Wissen an die breite Masse verteilt, aber die nötige Aufklärung dazu verpasst hat. Niemals wäre mir so schlagartig bewusst geworden, was hier im Wunderland eigentlich passiert.

Ich habe mir freiwillig eine Augenbinde angelegt, weil ich den Gedanken aufregend fand, blind und vertrauensvoll durchs Wunderland zu spazieren, um einfach mal zu schauen, was mir so widerfährt. Der Teufel hat mich stolpern lassen und allein durch dieses Stolpern habe ich mich entschlossen, die Augenbinde abzulegen und mir eine Fackel zu entzünden, um mich umzusehen und zu erkennen, wohin ich gehe. Und nur aus diesem Grund öffnete ich meine Augen und erkannte, was um mich herum geschieht.
Die Augenbinde liegt nun irgendwo im Dreck, während ich weitergezogen bin und mit der Fackel habe ich einen Scheiterhaufen entfacht. Ein Feuer, das noch immer brennt. 

Diese Grenzerfahrung hat mir meinen Weg gezeigt – ich kann jetzt sehen, wohin ich gehe. 

Mein Leben im Pelz

Alter Schwede.
Als ich vor gut einem Jahr diesen Blog begann, war meine Absicht zu schreiben. Nicht mehr und nicht weniger. Jetzt ist ein Jahr vergangen und ich habe fast 8000 Vögel in meinem Gefolge. Menschen, die mich lesen. Nachrichten, die mir sagen, wie gut man findet, was ich mache und dass meine Worte bisweilen sogar helfen. Das war nicht der Plan. Versteht mich nicht falsch: ich kann kaum in Worte fassen, wie positiv mich all das überwältigt hat, aber der Plan war das definitiv nicht. Und noch viel weniger der Plan war es, meinen Job zu kündigen und mich selbstständig zu machen.

Vom Schreiben leben.

Seit ich denken kann, spuken diese Worte in meinem Kopf umher – zusammen mit dieser merkwürdig sicheren Stimme, die mir immer schon sagte, dass diese Zeit irgendwann kommen würde. Haltet mich für durchgeknallt, aber ich hatte nie Zweifel daran, dass ich irgendwann Schriftstellerin werden würde. Vielleicht ist es ein übrig gebliebener Teil des romantischen, naiven Mädchens in mir, das sich Disneyfilme zu Herzen nimmt, bei Herr der Ringe schluchzt als wäre tatsächlich jemand gestorben und mit Harry gemeinsam in Hogwarts groß geworden ist. Vielleicht ist es die naive Sicherheit, die kindische Gutgläubigkeit, die hier spricht, wenn sie mir seit Jahren sagt: irgendwann wirst du davon leben können, dass Menschen lesen, was du schreibst. Und du wirst damit Gutes tun und es wird schwierig und ambivalent, aber es wird die Verwirklichung deines Traumes und du wirst das Leben leben, das dir zusteht, das du dir verdient hast und das für dich bestimmt ist. Ja. Es fühlt sich an wie… Bestimmung. Gibt es nicht, schon klar – man wählt sein Leben selbst. Es gibt kein vorgeschriebenes Schicksal, keine Bestimmung, gegen die man nicht ankommt. Aber vielleicht gibt es ja… nun ja, einen Weg, der eben ein wenig mehr für einen gemacht ist als ein anderer. Und ob man ihn wählt, darf man selbst entscheiden. Ich jedenfalls denke wie so oft an Robert Frost:

Two roads diverged in a wood, and I—

I took the one less traveled by,

And that has made all the difference.

Jeder von uns steht bisweilen an einer Weggabelung und es mag durchaus sein, dass wir uns die Wege nicht selbst bauen können. Aber zumindest können wir entscheiden, welchen wir gehen wollen.

Und ich, meine Lieben, wähle hier, an der Weggabelung stehend, den Weg, von dem ich immer schon wusste, dass ich ihn irgendwann gehen würde.

 

Twitter

Ich werde nächstes Jahr versuchen zu lernen, wie man mit Twitter wirklich umgeht. Was mich einerseits überfordert hat, war die Art, wie man dort miteinander umgeht. Mag sein, dass es nicht so schlimm ist wie auf Facebook, aber das heißt nicht, dass es durchweg gut ist. Spitze, übergriffige und unangemessene Kommentare sind an der Tagesordnung und auch wenn die positive Rückmeldung bei mir überwiegt: einiges davon ging mir nach. Ich weiß, dass ich recht große Töne spucke, wenn es darum geht, nicht alles an sich ranzulassen und Grenzen zu ziehen. Aber womit ich schon mein ganzes Leben lang hadere, ist ein enormer Rechtfertigungszwang. Und ja, bisweilen ist es tatsächlich ein Zwang. Ich weiß auch, dass ich deshalb dazu neige, mich in Beiträgen zu wiederholen und ausufernd zu schreiben – weil ich will, dass man mich versteht. Dass man die Beweggründe meines Handelns versteht und erkennt, dass ich meine Gründe habe und meist auch ein von Prinzipien geleitetes Denken dahintersteckt. Ich spüre permanent das Bedürfnis, mich zu erklären, damit Menschen mich verstehen. Dieser Reflex tritt am deutlichsten zutage, wenn ich Vorwürfe und Angriffe bekomme. Ich kann da ausgesprochen naiv sein und merke dann deutlich meine inneres Kind.
Früher in der Schule war ich übertrieben sensibel (was natürlich auch seine Gründe hatte – anderes Thema). Ich ertrug Ungerechtigkeit nicht, verstand sie nicht und brach regelmäßig in Tränen aus, wenn mir oder anderen etwas ungerechtes widerfuhr. Einmal, in der dritten Klasse, redete ich so lang auf meine Lehrerin ein, weil meine Nachbarin eine Rüge bekam, die nicht gerechtfertigt war, dass ich schließlich diejenige mit der Strafarbeit war, was mich nur noch verzweifelter werden ließ. Ich erinnere mich an viele dieser Fälle. Es ist das exakt selbe Gefühl, wenn ich hier im Netz unterwegs bin – schon komisch, nicht wahr? Ich kann das Gefühl selbst natürlich kontrollieren und mich entscheiden, ob ich ihm nachgehe oder nicht. Aber es ist da – permanent. Und weil mein Verstand weiß, dass es nicht mein Ziel sein kann und sollte, von allen verstanden zu werden, muss ich das in den Griff bekommen, weil ich weiß, dass ich sonst darunter leiden werde. Mir zu viel zu nah gehen lasse – und das hat mir noch nie gut getan.

Ein weiterer Punkt ist, dass ich nicht damit umgehen kann, wie viele Menschen mir schreiben. Ich liebe es, diese Nachrichten und Mails zu lesen, die bisweilen mehrere Seiten lang sind und mir Lebensgeschichten oder anderes erzählen. Ich schätze das mehr als ihr ahnt. Womit ich nicht umgehen kann, ist die Tatsache, dass ich es nicht schaffe, angemessen und zeitnah zu reagieren. Es häuft sich, wenn ich einige Tage nicht antworte und irgendwann – zurzeit zum Beispiel – ist der Berg so groß, dass ich mich ganz von ihm abwende, weil ich das Gefühl habe, ihn ohnehin nie zu bewältigen und dann glaube, dass die Absender ohnehin schon sauer und enttäuscht sind. Das schlechte Gewissen wächst und mit ihm verkrieche ich mich.
Auch das werde ich ändern. Da ich nächstes Jahr Zeit für solche Dinge habe, werde ich mir hier etwas einfallen lassen, um regelmäßig mit meinen Lesern in Kontakt zu bleiben, aber gleichzeitig meine eigene Grenze zu wahren. Man kann alles im Leben lernen, wenn man sich nur wirklich bemüht.

Und ich werde mir ebenfalls vornehmen, mir kein schlechtes Gewissen einreden zu lassen, weil ich Twitter nicht so handhabe wie von mir erwartet wird. Ich hörte im Laufe des Jahres unzählige Male, dass Menschen enttäuscht sind, wenn ich nicht zurückfolge, wenn ich bei ihrem Leben nicht auf dem Laufenden bin oder wichtige Tweets nicht like, obwohl es umgekehrt ja auch so ist.
Twitter ist eine Möglichkeit für mich, mit der Welt in Kontakt zu treten und mein Schreiben nach außen zu tragen. Einige Wege haben sich mit meinem gekreuzt und ein paar davon verfolge ich auch, weil mich der Mensch, der ihn geht, interessiert. Aber Twitter ist für mich zu wenig Ersatz-Religion, zu wenig lebenswichtig, als dass ein Klick, ein Like, ein Follow mir unausgesprochene Regeln und Zwänge auferlegen könnten. Ich folge manchen, ohne zu liken und manchmal like ich, ohne zu folgen. Manchen antworte ich zeitnah, anderen nicht. Ich verwende Twitter auf die Art, die mir guttut – wer das nicht mag, muss ja nicht folgen.

Mein größtes Problem mit meinen Leser ist also genau ein einziges, auf das all meine Schwierigkeiten in dieser für mich recht neuen Online-Welt zurückzuführen sind: Ich weiß die Unterstützung, den Zuspruch, das Gelesenwerden und all die Kommentare und Nachrichten SO unglaublich zu schätzen, dass ich das absolute moralische Bedürfnis danach verspüre, das zurückzugeben und auf alles und jeden zu reagieren und zu antworten, um meine Wertschätzung zu zeigen. Aber ich schaffe es einfach nicht. Manchmal fehlt die Zeit, manchmal der Kopf.

Ich kann für die Zukunft nur hoffen, dass einige von euch das einfach akzeptieren. Dass ihr mir glaubt, wenn ich sage, dass eure Nachrichten gelesen werden und dass ich jedes Wort und jeden Kommentar zu schätzen weiß, auch wenn ich auf manche davon nicht oder nicht zeitnah antworte. Mir ist wirklich, wirklich wichtig, dass ihr das wisst. Ohne euch, ohne Menschen, die mich lesen und mir diese Rückmeldung geben, wäre ich nicht hier.
Und das ist kein privater, kleiner Spaß-Blog, der nun größenwahnsinnig wird und sich bei seinen „Fans“ bedankt. Leute, ich habe meinen Job gekündigt, weil ihr mir das Gefühl gebt, dass ihr gern lest, was ich schreibe und dass es einen Versuch wert sein könnte, mich an die Verwirklichung dieses Traums zu wagen. Ihr habt mich dieses Jahr in diesem Bereich dazu gebracht, eine Grenze zu überschreiten, an der zu kratzen ich schon aufregend gefunden hätte.

Und dafür, ihr wunderbaren Menschen, danke ich jedem Einzelnen von euch, der mich liest. Mehr als ihr euch nur im Ansatz vorstellen könnt.

 

Katharsis

Gestern Abend war Pan hier. Ohne jetzt viel zu erzählen, kann ich euch sagen, dass der letzte Sex dieses Jahres unglaublich war und ein krönender und mehr als angemessener Abschluss. Nachdem ich zum dritten Mal ziemlich heftig gekommen bin, waren mein Körper und mein Geist völlig… ich weiß nicht. Betäubt und zugleich klar wie selten. Pan zog mich an sich, mein Gesicht ruhte an seiner Brust, seine Arme um mich, mein Atem beruhigte sich wieder. Und dann erlebte ich etwas, das ich noch nie erlebt habe. Ich erzähle es euch, auch wenn ich weiß, wie schräg es klingt.

Die Umarmung hatte etwas von… Ende. Von Abschied. Ich wusste, der Sex-Part des Abends war zu Ende und ich wusste auch, dass Pan demnächst gehen würde. Mir wurde plötzlich bewusst, dass es der letzte Sex des Jahres war, dass mein neues Jahr eine unglaubliche Veränderung beinhalten würde und dass ich im Grund seit meinem letzten Arbeitstag auf den heftigen Zusammenbruch wartete, der noch nicht da war. All das zusammen führte dazu, dass ich eine Welle spürte. Eine dieser Wellen von Dunkelheit, von Depression, von… nun eben das Aufkommen eines richtig, richtig heftigen Nervenzusammenbruchs, einfach weil der Augenblick wie geschaffen dafür war und mir das früher so gegangen wäre. Und dann, mitten in dieser Welle (es spielte sich in wenigen Sekunden ab) hörte ich, spürte vielmehr – keine Ahnung – ein Zähnefletschen. Es war… intuitiv. Es kam einfach. In meinem Innern spürte ich ein Zähnefletschen, ein wirklich heftiges und bedrohliches. Und dann ein heftig aggressives, verteidigendes Gefühl von „NEIN“.
Ein innerer, metaphorischer Schrei, der sich dieser monsunartigen Welle einfach… in den Weg stellte und sie anschrie als könne man die Natur einfach bändigen. Es war Aggression und Kraft und Stärke und eine derart gehörnte Bestie in meinem Inneren, die schrie, dass sie es nicht länger in Kauf nehmen würde, mit einem Nervenzusammenbruch, mit einer Depression rechnen zu müssen, nur weil sie ihr Leben in die Hand nahm und Veränderungen herbeiführte. Die darauf bestand und bereit war, bis aufs Blut zu verteidigen, dass sie das Recht hatte, glücklich zu sein, eine Umarmung zu genießen, Sex haben zu dürfen, sich das Leben auszusuchen, das sie leben möchte, OHNE dass sie ständig den Preis zahlen muss, Einbrüche zu erleben und von der Dunkelheit und den eigenen Dämonen heimgesucht zu werden. Eine so erlebbare Kraft in mir fletschte die Zähne und… verteidigte mein Glück. Verteidigte meine innere Stabilität und ließ mich den Moment genießen.

Und das absolut Krasse daran war: es funktionierte. Die Welle ebbte ab. Das Gefühl verflog, ich genoss den Moment. Pan und ich redeten noch, scherzten, verabschiedeten uns und ich war allein in der Wohnung. Räumte das Chaos auf, unterhielt mich mit dem Köter, drehte die Musik auf und stand dann schluchzend unter einer heißen Dusche. Genoss das heiße Wasser auf meinem Gesicht, dass sich mit meinen Tränen mischte. Tränen des Abschieds, der Trauer, der Sehnsucht. Und zugleich Tränen der Erleichterung, der Hoffnung und der reinen, klaren, unschuldigen Freude.

Das, meine Lieben, waren Tränen der Veränderung. Reinigend. Altes wegspülend, um Raum zu schaffen für das Neue, das kommt. Und es waren Tränen des Glücks, das ich mir gestern nicht habe nehmen lassen. Und jetzt sitze ich hier und denke… eine so heftige Veränderung gerade um Weihnachten, in der dunklen Jahreszeit und ich habe kein Johanniskraut oder irgendetwas anderes getan oder gemacht als Hilfestellung, sondern bin aus eigenen Kräften durch diese Zeit gekommen, ohne den Zusammenbruch zu erleben, auf den ich quasi schon eingestellt war, weil ich es gar nicht anders kenne. Irgendetwas dieses Jahr hat eine Kraft in mir freigesetzt, die meinen Job gekündigt hat und entschieden hat, alles auf eine Karte zu setzen, um meinen Lebenstraum zu erfüllen. Die die Zähne fletscht, wenn das Leben mir Dunkelheit schickt, die Dämonen bekämpft, die den Teufel persönlich auf den Scheiterhaufen schickt und die sich nicht einschüchtern lässt von der Angst selbst.

Das, war ich gestern erlebt habe, war glaube ich der krasseste, intensivste Augenblick des Jahres – wenn nicht sogar mehrerer. Und alles, was ich seither empfinde, ist tiefe Dankbarkeit und reiner Stolz. Und beides gilt mir selbst.
Weil ich mich mit Anfang zwanzig für eine mehrjährige Therapie entschieden habe, die mir das Leben gerettet hat und von der ich heute zehre. Weil ich mich seither all meinen Ängsten stelle. Weil ich es mir erlaube, ab und zu Freak zu sein und mein Leben wie ein Kind in Metaphern zu betrachten, weil es mir aktiv hilft, mich selbst mit Hörner zu betrachten und mir Probleme als Schluchten und Drachen vorzustellen. Weil ich der Dunkelheit all die Jahre nicht geglaubt habe, sondern darauf vertraut habe, dass irgendwo Licht sein muss.

Das ganze Jahr über schrieb ich von meiner inneren Bestie, die ich ab und an freilasse. Von Hörnern, die ich mir selbst aufsetze, um stärker und selbstbewusster durchs Leben zu gehen. Und gestern, als ich die heftigste Welle des Sturm erwartete, fühlte ich das Zähnefletschen in mir und ich merke, wie ich an jeder Herausforderung des Lebens wachse. Aber dieses Wachsen kann nur geschehen, wenn man die eigenen Kräfte freilässt. Wenn man sich erlaubt zu sein, wer man ist.

Mein Motto für 2019 könnte nicht offensichtlicher sein. Es lautet:

 

Freiheit

Ich werde mein Leben nicht mehr nach Konventionen richten und auch nicht mehr nach dem, was andere für angebracht halten.
Ich werde meine innere Bestie in die Freiheit entlassen und ihr gestatten, alles und jeden anzuknurren, der diese Freiheit einschränken will.
Ich werde einen Teil in mir freilassen, der darauf wartet, seit ich denken kann. Kein Plan B, kein Lehramt, keine Uni-Lehrstelle, kein sicherer Job, kein gesellschaftlich anerkannter Lebensweg. Ich bin Schriftstellerin, ich schreibe. DAS ist mein Ich – das ist es, was ich sein will und was ich bin und irgendwie immer schon war und es ist mir gerade völlig egal, wie pathetisch und übertrieben das klingt.

Ich werde mir selbst die Freiheit schenken, auf die ich mein Leben lang gewartet habe.

Und diese mir selbst bewusst und aktiv genommene Freiheit werde ich 2019 dafür nutzen, um alles in meiner Macht stehende dafür zu tun, dass Menschen, die andere mit Füßen treten und gegen jedes moralische und ethische Handeln verstoßen, Gerechtigkeit erfahren – in irgendeiner Form. Ich werde Aufklärung betreiben, ich werde Bücher schreiben und ich werde vor dem Landgericht stehen und meine Grundrechte, Presse-, Rede- und Meinungsfreiheit nicht einschränken lassen von der Tatsache, dass ich weniger Geld oder Kontakte habe als andere. 

2019 wird Ketten sprengen, meine Lieben.

 

Genießt die frische Luft mit mir.


 

Ihr, meine wunderbaren Vögel da draußen, seid alles, was ich brauche. Menschen, die lesen, was ich zu sagen habe und die mir helfen, gewisse Botschaften zu verbreiten, um die Welt ein ganz kleines bisschen besser zu machen. 

Ich danke euch für ein unglaubliches Jahr und für all die kleinen Wegweiser, die mich dahin geführt haben, wo ich jetzt bin. Und… aber halt. Was ist das denn? Kann das sein? Lasst mich schnell das Fernrohr zur Hand nehmen, um… tatsächlich.

Schaut mal, ihr Lieben – ganz da hinten am Horizont. Ich glaube, der Sturm hat mein Floß letzten Endes wohl doch verschont, oder es war stabiler gebaut als ich gedacht hatte. Und jetzt sitze ich hier, während die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke brechen – einer nach dem anderen. Und ganz weit dort hinten am Horizont glaube ich, etwas zu erkennen. Ja, ich denke, es wird Zeit, es auszusprechen. Leise noch und etwas eingeschüchtert, aber doch so deutlich, dass jeder es hören kann:

Land in Sicht

 

Rutscht gut, ihr wunderbaren Menschen.

Wir sehen uns dort.

8 Kommentare

  1. Ich wünsche Dir auf Deinem nun bevorstehenden und zu gehenden Lebensweg viele schöne, bunte und wohlriechende Blumen, an denen Du stets im wärmenden Licht einer strahlenden Sonne am wolkenlosen Himmel vorübergehst, manchmal innehältst ubd mit einem Lächeln zu Dir sagst: „Ja, ich bin dankbar für mein Leben, alles hatte bislang seinen Sinn, denn ohne meine Vergangenheit und deren Prüfungen würde ich nicht sein, der ich heute bin.“

    Viel Glück und vorallem Sonnenschein auf diesem Weg!

    Gefällt 2 Personen

  2. Wow, was für ein Jahr mit einem unvorstellbaren Ende. Ich wünsche dir für das nächste Jahr, dass die Freiheit grenzenlos sein werde. Mich hast Du mit deinen Texten schon lange verzaubert. Ich bin sowas von glücklich, dass ich dich auf Twitter und dann auch hier gefunden und kennen gelernt habe. 🍀🍀🍀😘

    Gefällt 3 Personen

  3. Oh wie sehr freue ich mich drüber, dass es von dir wieder etwas zu lesen gab, es hat mir die letzten Wochen tatsächlich ein wenig gefehlt. Da suchte ich deinen kompletten Blog und dann stehe ich da, kein neuer Beitrag und das wo Ungeduld doch eine meiner größten Schwächen ist.

    Und noch viel mehr freue ich mich darüber, zu sehen, wie du dich entwickelst, du deinen Weg gehst und dich dir selbst und anderen stellst. Ich hoffe, dass dieses Jahr noch besser läuft, als du es dir erhoffst oder ausmalst und bin sicher, dass den den absolut richtigen Schritt gewählt hast. Wer so ein Talent zum schreiben hat, sollte davon leben können und es vor allem anderen nicht vorenthalten.
    In diesem Sinne wünsche ich dir ein frohes neues Jahr!

    Gefällt 3 Personen

    1. Ich danke dir für jedes einzelne deiner Worte ❤ Schön zu lesen, dass es Leuten fehlt, wenn ich schreibe – umso schöner ist es, das jetzt wieder regelmäßig tun zu können 🙂

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  4. Dein Schreiben macht mir Mut. Ich verstehe dich, was mich fasziniert, denn eigentlich bin ich ganz anders als du.
    Aber ich kenne das Bedürfnis, verstanden zu werden, den Drang, sich zu rechtfertigen, und auch, was es dir bringt, deine Gedanken aufzuschreiben. Oder, dass manche üblen Worte eben nicht einfach abprallen wollen.
    Ich wage den Sprung ins kalte Wasser (in das du mich mal sehr schwungvoll gestoßen hast!) und versuche, nach den Sternen zu greifen – den in denen steht der Erfolg meiner Pläne noch.
    Dieses Jahr gehört dir (auch wenn die Halsschmerzen und Triefenase dir im Moment etwas anderes erzählen wollen),
    ich glaube an dich!
    Deine Ina

    Gefällt 2 Personen

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