Metakonsens als Dienstleistung?

Hier findet hier meinen ersten und eher allgemeinen Beitrag zum Thema „Metakonsens„, der eine Grundlage bietet zu den Dingen, auf die ich hier eingehen möchte.

In diesem Beitrag hier erläutere ich euch erst kurz das Thema, das der Auslöser war. Den Mittelteil dürft ihr überspringen – er ist eine Antwort auf einen Blogbeitrag, also nicht zwingend für das Thema relevant. Der letzte Teil ist dann mein eigentliches, diesmal recht deutliches, vielleicht provozierendes, Statement. 

Ich bin gespannt auf Kommentare. 

 


 

1. Zusammenfassung der Debatte

Die letzten Tage war mein Twitterdasein geprägt von der Debatte über einen dominanten Mann, der einen BDSM-Blog hat, auf dem es hauptsächlich um die Erziehung zur O geht. Zudem ist er seit geraumer Zeit als Sexworker angemeldet, also als Dom, der seine Dienste im Bereich BDSM/O gegen Geld zur Verfügung stellt (wer sich dafür interessiert, darf gern auf Twitter nachlesen – der Großteil davon geschah öffentlich).

Die konkrete Situation und damit Auslöser der Debatte war folgende:
Ein Mann hat diesen Dom angeschrieben, um eine Fremdbenutzung seiner Frau auszumachen, mit der er seit vielen Jahren im Metakonsens lebe. Die Frau wüsste von der Abmachung/dem Plan nichts.

Das ist jetzt stark komprimiert – wer Details wissen möchte, soll sich einfach schlau machen. Ich werde jetzt weder auf die Twitterdiskussion eingehen, noch auf alle Diskussionsstränge drumherum. Mir geht es um die grundlegende Fragestellung an sich, um die Handhabung des Prinzips, um das Abstrakte – es ist mir wichtig, das zu betonen. Das war nämlich von Anfang an der Fall. Ich bin ein Kind der Aufklärung und hänge da bei Kant, ich denke Sachverhalte gern in ihrer letzten Konsequenz zu Ende. Für mich stellen sich also an dieser Stelle nicht Fragen wie „Wer ist diese Frau?“, „Wie verlässlich ist dieser Mann?“, „Wie gut versteht dieser konkrete Dom sein Handwerk?“ – das ist mir alles mehr oder wenig egal.

Die Fragen, die ich hier stelle, sind gänzlich anderer Natur.

 

Fronten und Lager

Es gibt im privaten Bereich in meinen Augen durchaus einen gewissen Rahmen, in welchem ich Metakonsens akzeptieren kann (dazu habe ich im letzten Beitrag einiges geschrieben). Wenn ich ehrlich bin, glaube ich nicht, dass auch nur 20% der Konstellationen, die auf Metakonsens basieren, all diesen Kriterien standhalten würden. Wollen sie ja vielleicht gar nicht – dann ist das okay. Ich muss nicht mit allem und jedem einig sein und schon gar nicht jeder mit mir. Wer in seinen vier Wänden oder privat-öffentlich etwas macht, mit dem ich nicht konform bin… nun, das kann und will ich nicht beeinflussen – es wäre schlimm, wenn irgendjemand das könnte.

Eine andere Sachlage haben wir aber, wenn wir Metakonsens zu einer offiziell angebotenen Dienstleistung machen können. Die Regeln im Dienstleistungsbereich und generell dann, wenn Geld fließt, sind andere als im privaten Wohn- oder besser Spielzimmer. Es wird ein Angebot gemacht, das pragmatisch umgesetzt wird – Pragmatismus ist aber etwas, das in so sensiblen Bereichen wie Metakonsens (gerade in Zusammenhang mit Sex) wenig bis nichts verloren hat.

(Um das kurz klarzustellen, weil ich nicht möchte, dass es nachher heißt, ich setze hier Gerüchte über eine geplante Vergewaltigung in den Raum: Natürlich war nicht die Rede von direkter Überlassung und Penetrationssex, sondern von zuerst „harmloseren“ Dingen. Nochmal: Wer Details wissen will, darf einfach nachlesen.)

Ich habe nachgefragt, ob mit der Frau, die ja einer Fremdbenutzung ausgesetzt sein soll, eine Absprache vorliegt. Zu Beginn wurde verneint – die Frau habe keine Ahnung. Mein jetziger Stand ist, dass eine Art Schriftstück im Gespräch ist, dieses aber erst im Laufe des Abends zur Unterzeichnung zumindest zur Debatte steht. Es gab wohl mittlerweile Kontakt mit der Frau, was zu Beginn nicht zwingend geplant war. Wie dem auch sei – egal, wie die konkrete Handhabung nun stattfinden wird, es geht mir um das Prinzip. Meine Einwände stießen auf einigen Gegenwind. Schon beim letzten Beitrag schrieb ich etwas von zwei Lagern, die ich hier sehe und wer aufmerksam gelesen hat, hat auch die ausschlaggebende Überleitungsfrage noch im Kopf, auf die ich später noch eingehen möchte. Bevor ich mich aber weiter inhaltlich an das Thema wage, möchte ich kurz auf einen Blogbeitrag antworten. Und zwar…


2. Exkurs

 

…in eigener Sache

Ja, ich bin hier im Netz anonym unterwegs. Ich spare mir die Mühe, die Gründe anzuführen, weil sie so zahl- und umfangreich sind, dass sie diesen Beitrag sprengen würden. Sie reichen von Gerichtsverfahren gegen mich, weil ich mich für missbrauchte Frauen in der Szene einsetze, über Stalker, Drohungen, obsessiven Followern bis hin zu rein pragmatischen Gründen und dem generellen Unbehagen als Frau in diesem Bereich.

Auch ich setze mich all diesen Dingen aus – in einem Rahmen, den mein Selbsterhaltungstrieb vertreten kann und von dem ich sicher bin, dass ihn die Mehrheit nicht tragen könnte. Ich bin angreifbarer und verletzbarer als die meisten hier, auch wenn das nicht jeder erkennt – von der Tatsache allein, dass ich keine Gesichtsbilder auf meinem Profil habe, sollte man sich da nicht täuschen lassen.
Umgekehrt hat mich das Leben auf die harte Tour gelehrt, dass Klarnamen, Impressum und Gesichtsbilder keinerlei – und damit meine ich wirklich KEINERLEI – Indiz für die moralischen Intentionen eines Menschen sind. Die schlimmsten Erfahrungen habe ich ehrlich gesagt gerade mit den Menschen gemacht, die ihren Klarnamen und ihr „Ich bin doch öffentlich und angreifbar“ wie einen grellen, blendenden, dauerhaft auf Fernlicht gestellten Scheinwerfer vor sich hertragen. Und ja: Dieses vermeintlich hilfreiche Licht kann blenden. Muss es nicht, aber es kann. Das möchte ich jetzt einfach mal in den Raum stellen und damit vielleicht auch ein paar Einsteiger, die das hier mitlesen, zum Nachdenken und zur ganz allgemeinen  (!) Vorsicht anregen. Jedenfalls ist die Tatsache, unter welchem Namen und Bild jemand handelt, für mich weder Entschuldigung noch Argument noch Indiz. Ich betrachte die Handlungen allein – wie der Handelnde heißt, aussieht und wo er wohnt, interessiert mich erstmal nicht.

Der „völlig normale[…] Vorgang im Rahmen [der] #Sexarbeit in Verbindung mit einer #OExperience“ ist in meinen Augen genau das nicht: „völlig normal„. Wenn mir jemand Kontakte zu Männern hat, die das so oder ähnlich anbieten, dann wäre ich dafür dankbar. Ich suche den Austausch bekanntermaßen gerade in den umstrittenen Bereichen und würde mich über einen konstruktiven Diskurs freuen.

Ich stimme zu: Es gehört „zum guten Ton“, Dinge zu klären, „bevor Vermutungen aufgestellt“ [oder verbloggt 😉 ] werden. Aber das Sicherheitsnetz ist ja zum Glück dennoch da: Falls man eben jene Vermutungen doch aufgestellt, den guten Ton verpasst hat und sie sich als falsch herausstellen, kann man sie auch nachträglich noch durchstreichen. Manchmal sind Sicherheitsnetze eben doch ganz praktisch.
Es sind dann beispielsweise Vermutungen wie die Frage, was geschehen würde, wenn es nicht eine Frau, sondern „ein Mann wäre, der nicht gefragt werden würde“.
Es sind solche Vermutungen, die zu Gerüchten und anderen unschönen Dingen führen. Zu ausufernden Threads, DMs und Diskussionen auf Twitter beispielsweise, die dann in Begriffen wie „Männerhass“ enden.

Von dieser Wendung war ich fast ein wenig enttäuscht. Nicht nur, weil ich davon ausging, dass man mir gemeinhin mehr zutraut als eine derart einfache Art zu denken. Sondern weil ich gehofft hatte, man würde zumindest meine regelmäßig getwitterten Aussagen und Beobachtungen registrieren, in denen ich gerade in den letzten Wochen vermehrt über Femdom sprach, meine Beobachtungen und die Dinge, die hier schieflaufen. Zudem hatte ich auch schon mehrmals angekündigt, dass mein nächstes Projekt in diese Richtung gehen wird: In die Zusammenarbeit mit devoten Männern, um jene zu Wort kommen zu lassen, denen am wenigstens zugehört wird.

Selbstverständlich unterstelle ich hier keine böse Absicht. Vermutlich – wie selbst schon zugegeben – wurde hier übers Ziel hinausgeschossen und immerhin wurden gewisse Unter- bzw In-den-Raum-Stellungen mittlerweile zwar nicht gelöscht, so doch zumindest durchgestrichen. Zwar nicht revidiert oder klargestellt, so doch zumindest… nun ja, durchgestrichen eben.
Es ist natürlich wichtig – gerade als Dom! – , niemals völlig zurückzurudern oder ganz offiziell zuzugeben, dass man seinen eigenen Maßstäben nicht gerecht wurde (Dinge eben nicht „geklärt“, sondern haltlose Vermutungen in den Raum gestellt hat). Das verstehe ich natürlich.

So unter uns dominanten Fachkräften:
Was einmal steht, soll so lange stehen dürfen, bis es entkräftet ist – ich weiß schon. 😉 

Well.

Wem es wichtig ist, dieses „nicht gegeneinander, sondern miteinander arbeiten, um „da draußen“ ein reales Bild von #BDSM abzuliefern“, der kommuniziert eine gute Absicht, scheint eine respektable und anständige Mission zu haben. Aber wie bereits gesagt: Ich achte auf das, was Menschen tun – nicht darauf, wie sie heißen, aussehen oder was sie sagen. 

Ein reales Bild abzuliefern ist im Grunde diese Aufklärung, von der ich immer spreche. Aber was ist ein reales Bild? Wie definiert es sich? In meinen Augen definitiv nicht darüber, dass man über alle Bereiche möglichst viel erzählt – Quantität ist nicht Qualität. In meinen Augen genügt es und ist auch deutlich naheliegender, wenn man sich auf einen Bereich beschränkt – beispielsweise (um beim BDSM zu bleiben) Bondage, D/S, die O, Schmerzreize, eigene Erfahrungen, was auch immer. 
Einen (oder wenige) Bereich, mit dem man am meisten zu tun hat, der einen am meisten interessiert oder in dem man sich am besten auskennt. Ganz entscheidend ist für dieses „reale Bild“, wie ich finde, wiederum die Art der Darstellung. Und die steht und fällt für mich mit einem Attribut: Differenziert

So wie alles im Leben hat BDSM gute und schlechte Seiten. Birgt er Risiken und Chancen. Und genau hier liegt der Hund begraben: Wer ein reales Bild von BDSM (sei es auch nur eines Teiles davon) nach außen tragen möchte, von dem erwarte ich einen differenzierten Blick auf diesen, ihm selbst so wichtigen Teil. Von dem erwarte ich den Mut, diesen ihm so wichtigen Teil auch zu hinterfragen. Sich und vor allem anderen (!) einzugestehen, dass nicht immer alles Gold ist, was wehtut.
Wer von dem, was er tut, überzeugt ist, der kann sich doch sicherlich auch leisten, die Schattenseiten zu kommunizieren, ohne befürchten zu müssen, dass sie zu abschreckend wirken. Ich für meinen Teil bin aus Prinzip skeptisch gegenüber Menschen, die Dinge einseitig darstellen. Das gilt für Kirchen, politische Parteien, sexuelle Praktiken, Lebensstile, Berufe und überhaupt alles. Ein reales Bild – wovon auch immer – sehe ich dann, wenn Menschen Dinge sagen, wie „Ich weiß, es gibt auch Nachteile. Und ja, im schlimmsten Fall kann auch XY passieren. ABER…“. Ich nehme Dinge dann in ihrer Gänze ernst, wenn mir an irgendeiner Stelle ausführlich kommuniziert wird, was schiefgehen kann, was im worst case passieren könnte, vielleicht eine negative Erfahrung eines Beteiligten geteilt wird. Erst dann habe ich das Gefühl, derjenige weiß zu 100%, was er da tut, ist sich aller Risiken bewusst und kann die Führung derer übernehmen, denen das anders geht. 

Ich spreche gern in Bildern – man stelle sich also kurz vor, man möchte Fallschirmspringen und hat zwei Anbieter zur Auswahl:

Der eine redet vom Kick, vom Rausch, vom Spaß und davon, dass das nur für sehr mutige, starke und besondere Menschen geeignet ist. Davon, wie gut es sich anfühlt und dass man zwar durchaus schauen muss, dass der Fallschirm gut sitzt, es dann aber zu einem wunderbaren Erlebnis wird. Zur Königsdiziplin für Adrenalinjunkies.

Der andere Anbieter setzt sich mit Interessenten in einen Seminarraum und legt eine Statistik vor von Fallschirmsprüngen, die gelungen sind und denen, die schiefgingen. Er redet von konkreten Prozentzahlen und Fakten. Von Risiken und Sicherheitsvorkehrungen und ist direkt genug, um Dinge auszusprechen wie „Wenn der Fallschirm sich nicht öffnet, dann stirbt man wahrscheinlich. DAS ist der worst case“. Er erklärt aber auch, weshalb die wenigsten Sprünge schiefgehen und worauf man achten muss, um das Risiko absolut zu minimieren. Er lässt einen den Fallschirm probetragen und man muss mindestens zehn Tandemsprünge gemeinsam mit dem Trainer absolvieren, bevor man allein springen darf. 

Ich weiß, es ist Typsache und ich weiß, dass es Menschen gibt, die jeweils auf beide Anbieter reagieren. Ich weiß aber auch, zu welchem der beiden ich gehen würde. Und vor allem, welche der beiden Darstellungen ich eher als „reales Bild“ bezeichnen würde. 

Wenn Menschen etwas wirklich wollen, dann lassen sie sich auch nicht von möglichen Risiken abschrecken und sind bereit, sich Einsteigerkurse und Vorträge über Sicherheit anzuhören. Die Menschen, die ungeduldig mit einem „dann hab ich schon keine Lust mehr drauf“ weiterziehen, wären für bestimmte Dinge ohnehin nicht geeignet.
Also – 
Fallschirmspringen zum Beispiel. 

Ach und… weil mich besonders eine Sache nun doch gleichermaßen beschäftigt wie enttäuscht hat, möchte ich das an dieser Stelle deutlich klarstellen: 

Ich schreibe den restlichen Teil dieses Beitrags über eine Frau, einerseits abstrakt, andererseits aber mit Bezug auf die konkrete Frau, um die es in der Debatte ging. Hätte es sich in eben jener Debatte um einen Mann gehandelt: Ich würde in genau diesem Augenblick, genau diese Worte auf genau dieser Tastatur tippen, wie ich es jetzt tue. Ich bin an dieser Stelle anmaßend und selbstsicher genug zu behaupten, dass ALLE, die mich regelmäßig lesen und mich kennen, wissen, dass ich beim Thema Missbrauch oder Gefahren nicht zwischen Geschlechtern unterscheide. 

Nun denn. Abschließend möchte ich noch anmerken, dass ich es für bezeichnend halte, dass sich auf meinen ersten Teil der Metakonsens-Reihe bereits 3 Nachrichten bei mir eingefunden haben – eine von einem devoten Mann und zwei von bzw. über Frauen, die als O zur Fremdbenutzung freigegeben wurden und bei denen es endete zwischen Notfall-Abbruch und prägendem Alptraum. 

Schätze, da wurde vorher auf die Tandemsprünge verzichtet.

 


3. Metakonsens als Dienstleistung

Ich arbeite mich mal am Gegenwind entlang:

1. Wenn der Mann eines Paares schreibt, dass beide bereits seit Jahren im Metakonsens leben, muss erstmal davon ausgegangen werden, dass das stimmt.

Nein. In meinen Augen ist es umgekehrt. Wenn ein fremder Mann aus den Weiten des Internets schreibt, er und seine Frau leben seit Jahren im Metakonsens und sie wolle das mit der Fremdbenutzung, dann muss ich erstmal davon ausgehen, dass es NICHT stimmt. Das ist die Sache mit dem default. Wenn eine Frau nichts sagt, muss davon ausgegangen werden, dass sie NICHT vergewaltigt werden will. Wenn ein Mann nichts sagt, muss davon ausgegangen werden, dass er NICHT zwischen die Beine getreten werden will. Der Standard, der Durchschnitt ist, dass Frauen NICHT zur Fremdbenutzung an fremde, ihnen völlig unbekannte Männer zur Verfügung gestellt werden wollen (und nein, das ist kein Kinkshaming, das ist Fakt. Der Standard ist auch, dass Frauen NICHT geschlagen werden wollen – ich hab trotzdem meinen Spaß dabei und erkenne diese erstmal wertfreie Tatsache dennoch an).

 

2. Aber der konkrete Dom ist einer von den „Guten“. Man kennt ihn, er ist öffentlich unterwegs und es gibt viele Frauen, die bezeugen können, dass er nichts tun würde, was einer Frau vorsätzlich schadet.

Das glaube ich sogar. Versteht mich bitte nicht falsch – ich betone es gern nochmal: Es geht mir NICHT darum, diesen konkreten Dom/Sexarbeiter und seine Arbeit/Handhabung/seinen BDSM per se anzukreiden oder zu diffamieren. Ich kenne ihn nicht persönlich, aber ich glaube nicht, dass er vorsätzlich schädlich handeln würde und ich glaube auch, dass er die Situation abbrechen würde, wenn er das Gefühl hätte, der Frau ginge es wirklich nicht gut dabei.

Mein Problem ist ein anderes. Nämlich, wie gesagt, die Konsequenz dieser konkreten Handlung. Die Konsequenz ist nämlich, dass eine solche Handlung als offiziell, legal und moralisch korrekt gilt und sich somit der Standard verschiebt. Und wenn der Standard sich verschiebt, wenn neue Dinge möglich sind, wenn bisher Undenkbares denkbar, bisher Unmögliches möglich gemacht wird, dann machen es in Zukunft auch andere. Und dann kann es zwar sein, dass diese konkrete Situation mit diesem konkreten Dom für alle gut ausging – aber wer garantiert mir bei allen zukünftigen Fällen, dass alle Beteiligten das ebenso reflektiert praktizieren? Seien wir ehrlich: Wie hoch ist der Prozentsatz an moralisch fragwürdigen Menschen, die hier keine Rücksicht auf das Wohlergehen aller Beteiligten nehmen würden?

Unabhängig davon habe ich dennoch Bedenken, auch wenn die Absichten die Besten sind. Der besagte Dom kennt keinen der Beteiligten, hat als „Absicherung“ nur die Aussage des Mannes oder vielleicht noch die Aussage der Frau, die er (nach meinem Stand) zu keinem Zeitpunkt allein gesprochen hat. Nennt mich pessimistisch, aber das Leben hat mich zu viele Lektionen gelehrt, als dass ich mich nicht umgehend Dinge fragen würde wie: Wer sagt, dass sie überhaupt seine Frau ist? Dass sie wirklich seit Jahren im Metakonsens leben? Dass sie das wirklich will? Dass sie das nicht nur so sagt? Dass sie nicht in finanzieller oder emotionaler Abhängigkeit lebt? Dass keinerlei Druck oder andere Mechanismen dahinterstecken?

 

3. Wenn man im BDSM immer auf alle eventuellen Eventualitäten Rücksicht nimmt, kommt man nicht mehr dazu, BDSM überhaupt auszuleben.

Stimmt. Ich rate hier aber auch nicht vom Fahrradfahren ab, weil unterwegs ein Stein auf dem Weg liegen könnte, sondern sage: Zieh einen Helm auf.

Ich rate nicht vom Fallschirmspringen ab, weil eine 0,24… – was weiß ich für eine Chance besteht, dass der Fallschirm sich verheddert oder man beim Einstieg ins Flugzeug stolpern könnte, sondern sage: Erkundige dich vorher zumindest, an welchem Ende du ziehen musst.

Ich rate nicht davon ab, als Singlefrau auf BDSM-Events zu gehen, weil es sein könnte, dass man Idioten begegnet, sondern sage: Lass dich covern, kümmere dich um Hin- und Rückweg und lass dich beim ersten Mal auf keine extremen Spiele ein.

Ich rate nicht einmal davon ab, im Rahmen einer gut funktionierenden Partnerschaft einen zweiten Mann für eine Fremdbenutzung zu involvieren, wenn es der Kink von beiden ist, weil es eventuell doch schiefgehen könnte, sie sich übernommen hat oder sich im Nachhinein schlecht fühlen könnte, sondern sage lediglich: Klär doch wenigstens so gut es dir irgend möglich ist ab, ob die Frau sich auch wirklich von einem fremden Mann sexuell benutzen lassen möchte.

Zu klären, ob alle Beteiligten Spaß an der Sache haben, gehört in meinen Augen zu den Basics, nicht zu den Eventualitäten. Und wenn wir im Namen des Kinks keine Rücksicht mehr auf die Basics nehmen können – dann ist das ein Weg, von dem ich nicht herausfinden möchte, wo er endet. 

 

4. ABER DER KINK!

I know – der Kink. In meinem letzten Beitrag habe ich ein wenig zu diesem Punkt geschrieben, habe von zwei „Lagern“ erzählt, die ich sehe. Für die einen steht der Kink gewissermaßen an oberster Stelle. Die anderen schränken ihn ein. Ich kam schließlich zu einer Frage, die ich offen im Raum stehen ließ, und die ich jetzt beantworten möchte:

Ist es gerechtfertigt, auf grundlegende Sicherheitsvorkehrungen zu verzichten, um den Kink (BDSM, den Rausch, die Erregung, was auch immer es ist) zu gewährleisten?

Für mich persönlich ist die Antwort eindeutig:

Nein.

Ich weiß, es wurde von unterschiedlichen Seiten angeführt, dass der Kink verloren geht, wenn man die von mir (und anderen) geforderten Sicherheitsvorkehrungen beachtet. Auf dem entsprechenden Blog wird vermehrt darauf hingewiesen, dass es Frauen gibt, die das „so wollen“, die auf das Mitspracherecht verzichten wollen. Dass es die O gibt, die ja genau diese Erfahrung sucht: dass sie eben nicht gefragt wird. Das alles wurde mir in den letzten Tagen mehrfach und ausführlich erklärt, als würde ich das bestreiten oder als hätte ich es nicht verstanden.
Im Gegenteil: Ich glaube, dass es für manche Frauen eine erregende Vorstellung ist – ich habe im letzten Beitrag erläutert, dass ich den Reiz daran mehr als nachvollziehen kann. Aber ich glaube, dass es gewisse letzte Grenzen geben muss, an denen man sich orientieren sollte. Ich glaube, dass gewisse Sicherheitsvorkehrungen IMMER gegeben sein müssen, um zumindest die offensichtlichsten Risiken zu minimieren. Ich glaube, dass es nicht nur gerechtfertigt, sondern sogar nötig ist, auf Handhabungen wie diese zu verzichten, um bestimmte, schlicht und ergreifend sehr riskante Dinge nicht zum Standard zu erheben. Ich glaube, wir alle müssen akzeptieren, dass bestimmte Situationen nun mal etwas schwerer zu inszenieren sind als andere, wenn man die Basics berücksichtigen will.

Und ich glaube, das ist gut so.

Wenn ich wirklich und zur Gänze begreife, was es für eine Frau heißt, sich von mir ohne Mitspracherecht fremden Männern zur Verfügung stellen zu lassen, dann nehme ich auch Wartezeiten und Aufwand und Sicherheitsvorkehrungen in Kauf. 

Wenn ich wirklich und zur Gänze begreife, was es für einen Mann heißt, der die gesamte Verantwortung für eine Situation übernehmen soll, weil ich mein Mitspracherecht abgeben möchte, dann nehme ich auch Wartezeiten und Aufwand und Sicherheitsvorkehrungen in Kauf. 

Denn wenn es schief geht, geht es schief – dann ist eine Frau traumatisiert oder ein Mann hat endlose Schuldgefühle, weil er es war, der die Entscheidung getroffen hat, die ihr schlussendlich unvorhersehbar eben doch nicht so gut tat. Ganz ehrlich? Ich würde keine von beiden Seiten sein wollen. Wir sprechen hier nicht vom Sprung vom Drei-Meter-Brett, der im Bauchplatscher enden kann. Fallschirmspringen ist ein anderer Kick, ein anderer Rausch, birgt aber auch andere Risiken. Mit dem wachsenden Kick, wächst das Risiko – aber je höher das Risiko, desto umfangreicher sollten auch die Sicherheitsvorkehrungen sein.

Also nein, in meinen Augen steht der Kink eben nicht über allem. In meinen Augen ist es nicht nur gerechtfertigt, sondern notwendig, auf die absolute Rauscherfahrung eben einfach mal zu verzichten oder zumindest ein wenig zu warten – zumindest so lange, bis sich eine Gelegenheit bietet, bei der zumindest die Basics gewährleistet sind.

Und das gilt, wie ich finde, erst recht doppelt und dreifach, wenn ich es nicht privat im Wohnzimmer mache, sondern es der breiten Öffentlichkeit als eine normale und vernünftige Handhabung vermittle. 

Mit der Reichweite kommt eben die Verantwortung. Ja, es stimmt: Recherchieren muss jeder selbst. Aber jene, die Reichweite haben und sie für sich in Anspruch nehmen, sind verantwortlich für das, was jenen Recherchierenden an Wissen zur Verfügung steht.

Und Verantwortung hat eben ihren Preis.

 

5. Es gibt im Privaten und auf Events häufig Männer, die ihre Sub/Sklavin/O anderen Herren zur Verfügung stellen – warum bist du dann nicht gegen das gesamte Prinzip? Da fragt doch auch nicht immer jemand nach, ob es der Frau gefällt.

Stimmt, das ist richtig. Ich bin allein deshalb nicht gegen das gesamte Prinzip der Fremdbenutzung, weil ich den Reiz ja eben verstehe und sehe, dass es viele Frauen gibt, die das kickt, die Spaß daran haben. Das, was ich in der Szene am häufigsten sehe, sind aber Konstellationen, die sich kennen. Die viel auf Events unterwegs sind, auch auf einschlägigen O-Events beispielsweise und die tatsächlich schon lange – öffentlich – so leben. Es sind Paare, die hierfür ihnen oder mindestens ihm bekannte Männer hinzuziehen. Das ist meiner Erfahrung nach zumindest die Mehrheit und es sind definitiv eher solche Konstellationen, die ich eher vertretbar finde (es sei berücksichtigt, dass ich ja von Metakonsens generell nicht viel halte).

Der Unterschied hier liegt in der faktischen Tatsache, dass Geld fließt. Und das nicht nur als „pseudo-so-tun-als-ob“, ein Schein für die Inszenierung, der nachher wieder zurückwandert – sondern ganz offiziell, eingetragen als Sexarbeit, als Dienstleistung.
Sexarbeiter haben meiner Meinung nach eine völlig andere Aufgabe, ein gänzlich andere Verantwortung als Privatmenschen. Sie und ihre Handlungen sind maßgeblich und wegweisend, so wie alles in gewisser Weise (das muss nicht zwingend gut sein, aber es ist so) maßgeblich und wegweisend ist, was offiziell und legal gegen Geld angeboten wird. Ich kann nicht dagegen vorgehen, was alle Menschen auf Welt in ihren Wohnungen tun – aber ich kann laut und deutlich etwas gegen das sagen, was wir als Gesetze verabschieden oder als offizielle Dienstleistungen akzeptieren.

Wenn Menschen im Kitty harte Drogen nehmen, kann ich dagegen wenig tun – aber wenn legal und offiziell Ex und Heroin verkauft werden sollen, ist das was anderes.
Wenn Menschen sich in einer Kneipe prügeln, kann ich auch dagegen wenig tun – aber wenn Körperverletzung nicht mehr unter Strafe gestellt werden soll, ist das was anderes.

Mir ist kein Fall bekannt, in welchem ein männlicher Sexarbeiter als offizielle Dienstleistung anbietet, eine fremde Frau zu „benutzen“ ohne deren explizites Einverständnis, weil ihr Mann das so „bestellt“ (mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass das für den Sexarbeiter strafrechtlich sehr übel ausgehen kann – wenn im Anschluss die Frau nämlich klagt und er zuvor keine dokumentierte Einwilligung ihrerseits hat, könnte das ein strenges Gericht als eine geplante Vergewaltigung/Nötigung beurteilen, falls es zum Äußersten kommt).
In meinen Augen ist es jedenfalls eine Art Präzedenzfall, ist es eine wegweisende Situation, die evtl. eine Richtung bestimmten könnte.

Es ging nie um die Frage nach dem Kink – sondern um die Frage, ob wir es kollektiv in Ordnung finden, wenn Metakonsens als Dienstleistung ohne von außen kontrollierende Instanzen gekauft werden kann. 

 

Die letzte Konsequenz

Ich bin ein Kind der Aufklärung, das wisst ihr. Ich denke Sachverhalte bis in ihre letzte Konsequenz zu Ende – Kant und so. Es ging mir nie um den konkreten Fall (nochmal: Höchstwahrscheinlich geht dieser konkrete Fall gut aus!).
Es geht mir um die Tatsache, dass wir hier (und damit meine ich die BDSM-Twitter-Bubble, die sich an der Diskussion beteiligte oder sie zumindest registrierte) kollektiv abnicken, wenn ein fremder Mann im Netz (denn für die meisten ist er das und für Neulinge ist er das auch) von einem anderen fremden Mann im Netz dessen Frau zur Benutzung zur Verfügung gestellt bekommt, ohne dass die Frau Mitspracherecht hat.

Denn genau das ist es, was hier passiert. Und wenn einer (der kann da noch so „gut“ sein, noch so gute Absichten haben) das macht, dann machen andere das auch. Wenn einer das macht und alle das völlig okay finden – weil man darf ja niemandem seinen Kink absprechen – dann wird das da draußen als „im BDSM wohl normal“ registriert. Aber das ist es nicht. Es ist nicht und sollte nicht Standard sein. Und wenn ich am Ende des Tages ausnahmsweise (fast?) die Einzige bin, die etwas dagegen sagt, dann ist das diesmal eben so.
Metakonsens/ Fremdbenutzung ist ein Kink, eine sexuelle Spielart, die höchste Risiken birgt, die weitreichender Sicherheitsvorkehrungen bedarf und die eigentlich nur für Fortgeschrittene BDSMler überhaupt infrage kommen sollte (in meinen Augen ja ohnehin fragwürdig ist).

Wenn ich es also in die letzte Konsequenz zu Ende denke und es dann abstrakt formuliere, ist es nichts anderes als dass man auf Rechnung bestellen kann, dass mit Menschen Dinge geschehen, denen sie nicht explizit zugestimmt haben.

Es würde bedeuten, dass es möglich ist, den default auszuhebeln. Dass es möglich ist, das, was eigentlich die Standardannahme ist, zu ignorieren, OHNE dass alle Beteiligten ihre Zustimmung gegeben haben.

Es würde bedeuten, dass es okay wäre, wenn Männer im Internet andere fremde Männer anschreiben und sie dafür bezahlen, ihre Frauen sexuell zu benutzen, ohne dass diese dafür ihr explizites Einverständnis geben.

Ich gönne jedem von Herzen, wenn er eine Möglichkeit findet, den eigenen noch so ausgefallenen Kink auszuleben und die dunkelsten, ungewöhnlichsten Fantasien wahr werden zu lassen. Aber Metakonsens sollte nicht zum Standard werden, denn das ist er nicht. Und noch bedenklicher als das: Er ist der Weg, über den ein Großteil der Frauen, mit denen ich in Kontakt stehe, in teilweise schwer missbräuchlichen D/S-Beziehungen landeten.

Nennt mich „überempfindlich“.
Aber wenn mich jemand fragt, was mir wichtiger ist: unerfahrene Menschen präventiv zu schützen – oder einen winzigen Prozentsatz an Menschen einen ausgefallenen Kink  (der ja durchaus im privaten Rahmen möglich ist!) noch mehr zu erleichtern… dann kenne ich meine Antwort.

 

Wie lautet eure?

2 Kommentare

  1. Liebe Ophelia,

    dann oute ich mich gleich mal als „Kontrahent“ der Debatte, weil ich auch derjenige bin, den Du mit diesem Beitrag ansprichst.

    Auf die Feinheiten unserer Konversation mag ich nicht eingehen. Der geneigte Twitter-Benutzer mag, wie Du zu Recht anführst, sich selbst in Bild in der jeweiligen Timeline machen.

    Zunächst fühle ich mich keineswegs gekränkt. Das wird Dir aus vielerlei Gründen nicht gelingen. Zum einen schätze ich Deine Expertise und bin ein feuriger Verfechter Deines Buches und zum anderen kommt dieser Betrag, wie bei manch anderen Menschen, welche wir beide auch von Twitter kennen, nicht mit erhobenem, sondern lediglich mit einem mahnenden Zeigefinger daher.

    Bitte erlaube mir dennoch oder daher ein paar Worte zu Deinem Beitrag.

    „Nur Durchgestrichen“ – Mir geht es in meinem Blog nicht darum an einer Aussage festzuhalten, weil eine dominante Fachkraft das so tun soll ;-), sondern um die Tatsache, dass ich eine Aussage tätigte, die ich per Durchstrich revidierte. Es kann und darf jeder sehen, dass ich diesen Fehler gemacht habe.

    Zum Thema:

    In der Tat „verkaufe“ ich die #OExperience als Sexarbeiter und bin mir der Risiken und Nebenwirkungen dieser Sache durchaus bewusst. Und wie jeder andere Sexarbeiter auch habe ich meine eigenen Sicherheitslinien, welche ich niemals und nicht mal für Geld überschreiten werde. Dazu gehört vor allem der Schutz des Partes, welcher mehr oder weniger nicht in die Sache eingeweiht ist, nämlich der Dame, welche im Beisein ihres Partners diese #OExperience erleben soll.

    Für einige Paare ist es im D/s der absolute Kick, dass der dominante Partner alles steuert und der submissive Part einfach mitmacht. Was nur dann wirklich funktionieren kann, wenn das Paar sich ziemlich lange kennt. Und ja, wenn an dieser Stelle „Fremdnutzung“ zur Sprache kommt, dann kann so ein Paar „sonst wohin“ gehen und sich dem hingeben oder … sie suchen sich jemanden gegen Aufpreis im Internet. Zum Beispiel meine Wenigkeit.

    Ich anerkenne, dass Du mich nicht persönlich angreifst, sondern eher das Konstrukt „Metakonsens als Dienstleistung“. Und auf eine ganz gewisse Art bin ich froh, dass wir das besprechen. Schließlich hängt auch Dein Blogbeitrag und überhaupt der ganze Disput nur an einem einzigen Tweet von mir, in welchem ich erwähnte, dass die Gattin keine Ahnung von allem hat.

    Tatsächlich, zur Wiederholung, ist dieses Thema das Nicht-Wissens im D/s Dir nicht fremd und ich füge erneut an, dass Du Dich dem ganzen näherst, obwohl oder gerade weil mit Deiner eigenen Erfahrung alle Alarmglocken haben angehen müssen.

    Üblicherweise stimmen alle Beteiligten entsprechenden Handlungen zu, bevor ein Sexarbeiter sich mit ihnen im Sinne des #BDSM befasst. Alleine die Rechtslage gebietet dieses Vorgehen nur zur reinen Sicherheit des Sexarbeiters. Diverse Gerichte in der Bundesrepublik haben bereits festgestellt, dass strafbewehrte Dinge im Rahmen der einvernehmlichen Sexualität nicht strafbar sind.

    Wie sieht es nun aus, wenn einer der Beteiligten aufgrund des speziellen Kinks eben nicht rechtzeitig informiert ist? Ich stimme Dir zu, dass dies ein schwieriges Feld ist und ich denke auch, dass jeder Sexarbeiter, welcher im D/s für Paare tätig ist, den Teufel tun darf, sich hier einfach auf eine Annahme zu verlassen. Die Frage lautet zB wann die Zustimmung zu Dingen eingeholt wird und in welchem Umfang diese zu geschehen hat.

    Eine Mitbewerberin hat angedeutet, dass in der Sexarbeit gewisse Dinge nicht gemacht werden können, auch wenn es uns privat sehr reizen sollte. Gerade Sexarbeiter müssen die Dinge sicher machen und somit auch sicher erlebbar. Und deswegen auf viele Dinge verzichten. Weil es eben nicht jeden Kink für Geld zu kaufen geben darf.

    Nur gebe ich zu bedenken, dass wenn Sexarbeit der sichere Einstieg in derlei Dinge sein kann, warum ich diese Dienstleistung nicht anbieten kann? Und zwar ganz genau aus dem Grund. Sie ist sicher, weil ich sie anbiete. Und weil meine Klienten mich intensiv prüfen und ich auch eine ziemlich hohe Hürde habe überhaupt einzuwilligen. Manchmal dauert das Monate bis es dann vielleicht auch nicht klappt. Weil ich absage. Weil ich zu einem bestimmten, definierten Zeitpunkt nicht alle Unterlagen in der Hand halte.

    In der Sache gebe ich sowohl Dir, als auch der Mitbewerberin vollkommen Recht. Da beißt die sprichwörtliche Maus keinen Faden ab. Ich kann nur empfehlen sich den entsprechenden Sexarbeiter ganz genau anzuschauen, viel zu kommunizieren, zu telefonieren und auf keinen Fall zu jemandem zu gehen, welcher nur anonym im Netz unterwegs ist. Und sich ausreichend Zeit und es im Zweifel einfach ganz bleiben zu lassen. Egal mit wem.

    Liebe Ophelia,

    Du bist als „Jeanne d’Arc“ in Sachen #BDSM mit vielen Dingen beschäftigt und vor allem eben auch im Thema „Missbrauch“. Du bekommst Zuschriften von Menschen, die Dir von schlimmen Dingen berichten, von denen ich keine Ahnung habe. Weil mir keiner was erzählt. Oder eben nur, wenn es sich um eine Person aus meinem direkten Umeld handelt. Du bist da der bessere Leuchtturm als ich. Und dieser Einsatz ist erforderlich, weil da wo es dunkel ist, da muss ein Leuchtturm auch mal hinleuchten, damit ankommende Schiffe nicht zerschellen.

    Wir stehen uns grundsätzlich in vielen Dingen echt auf den Füßen herum. Aber vielleicht nur ein dezenter Hinweis zum Thema „Warum der Martin nix über die dunkle Seite der dunklen Seite schreibt“. Tatsächlich mache ich das. Immer wieder mal. Vielleicht ist es jedoch nicht intensiv genug oder tief genug, so dass es der werten eigenen Leserschaft auffällt? Oder ich benutze einfach andere Worte, die es nicht deutlich genug machen.

    Was mir abgeht, und ich denke, dass Du mich in diesem Punkt verstehst, ist die persönliche Betroffenheit. Nicht, dass ich Missbrauch im #BDSM dementieren will. Er findet statt und ich finde, dass es jeden aber auch jeden, der unter dem Deckmantel des #BDSM und überhaupt Missbrauch jedweder Art betreibt mit der vollen Wucht unserer Gesetze treffen soll. Mir ist halt nur nichts bekannt.

    Es grüßt Dich

    Ein Froind

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Martin,

      danke für den Kommentar.
      Kurz ein paar letzte Anmerkungen:

      „Und ja, wenn an dieser Stelle „Fremdnutzung“ zur Sprache kommt, dann kann so ein Paar „sonst wohin“ gehen und sich dem hingeben oder … sie suchen sich jemanden gegen Aufpreis im Internet“ – wenn du es nicht als „du“, sondern als ein Außenstehender betrachtest: Woher kommt die Sicherheit, dass jemand moralisch korrekter/vorsichtiger an die Sache rangeht, nur weil er Geld dafür verlangt? Weshalb ist „sonst wohin“ automatisch schlimmer als „jemanden gegen Aufpreis“?
      Geld zu verlangen ist doch kein Indiz für Integrität.

      „Nur gebe ich zu bedenken, dass wenn Sexarbeit der sichere Einstieg in derlei Dinge sein kann, warum ich diese Dienstleistung nicht anbieten kann?“
      Du schreibst es selbst: „genau aus dem Grund“, weil es nicht jeden Kink zu kaufen geben sollte.

      „Sie ist sicher, weil ich sie anbiete“ – sagt wer? Wo ist das Zertifikat? Nicht falsch verstehen – wieder provoziere ich nicht dich, per se. Sondern stelle mir jeden anderen vor, der das eben behauptet.

      Lieber Martin,
      du schreibst ich sei als „Jeanne d’Arc“ in Sachen BDSM unterwegs.
      Ein Teil meines Geschichtsexamens hatte sie zum Schwerpunkt. Ich liebe sie, schätze ihren Weg und dennoch wurde Jeanne auf dem Scheiterhaufen verbrannt, im Rahmen eines politischen Mordes, berechend und kalkuliert. Wir werden sehen, wohin mein Weg mich führt – einen Scheiterhaufen habe ich selbst bereits errichtet, wenn auch nicht für mich selbst: du schreibst „Du bekommst Zuschriften von Menschen, die Dir von schlimmen Dingen berichten, von denen ich keine Ahnung habe. Weil mir keiner was erzählt.“.
      Ich schreibe seit über einem Jahr regelmäßig von genau diesen Dingen. Erzähle von Berichten, schrieb Artikel. Veröffentlichte sogar ganze Nachrichten, entzündete Flächenbrände nach meinem Scheiterhaufen und um aus meinen Bildern herauszukommen, die nur jene verstehen, die von Beginn an hier waren: Ich schrieb über einen konkreten Fall, der ausartete, wegen dem ich nun vor dem Landgericht stehe und der mir eine erste Welle an Nachrichten einbrachte. Diese Nachrichten verfasste ich durch Screenshots zu einem zweiten Beitrag, ich zitierte nicht nur – ich zeigte die Screenshots. Ein Teil der Nachrichten, die ich erhielt, sind online. Noch immer. Lesbar für alle. Vielleicht erzählen dir andere nicht von ihren Erfahrungen – ich aber schon. Ich erzähle das, was mir zu Ohren kommt, regelmäßig. Allen, die es hören wollen.

      Ich habe noch keinen Beitrag auf deinem Blog gefunden, der sich mit der dunklen Seite der O wirklich beschäftigt – der beschreibt, was das „worst case scenario“ ist. Was passiert, wenn es schief geht. Wenn man sich übernommen hat. Sollte ich da einfach etwas übersehen haben, geht das auf meine Kappe – dann wäre ich aber für einen Link dankbar.

      Du schreibst, dir mangelt es an „persönlicher Betroffenheit“. Das erstaunt mich. Erschreckt mich sogar ein wenig, um ehrlich zu sein. Denn jeder, der sich für das interessiert, was hinter den Kulissen schiefgeht, kann sich erkundigen – und das sage ich nicht leichtfertig, denn mein Blog ist eine gute Basis, um damit anzufangen. Ich weiß am besten, wie viel hier – leider – bereits steht. Dass dir nichts zu Ohren kommt, erschreckt mich fast noch mehr und wenn ich bedenke, mit wie vielen devoten Frauen du doch zu tun hast, dann frage ich mich, weshalb keine davon mit dir über solche Dinge spricht oder du über deinen Blog nie von solchen Dingen hörst. Vielleicht ist das eine wichtigere Frage als sie auf den ersten Blick scheint und vielleicht hängt sie mit der Tatsache zusammen, wie mit der dunklen Seite umgegangen wird. Ist sie zu ignorieren und über sie zu schweigen nicht auch eine Form der Dementierung?

      Du schreibst das so lakonisch: Einerseits willst du Missbrauch im BDSM nicht „dementieren“ – andererseits ist dir „halt nur nichts bekannt“. Wäre ich sehr zynisch, hätte ich jetzt das Gefühl, diese Aussagen deinerseits beinhalten eine sanfte Unterstellung. Aber weil ich verhindern möchte, dass all die Erfahrungen mich paranoid und zynisch machen, schiebe ich das von mir. Ich gehe also davon aus, dass du wie die meisten hier mir natürlich glaubst, wenn ich von all diesen Dingen berichte – auch wenn man sie mir eher erzählt als anderen.

      Allerdings lande ich dann automatisch bei der Frage:

      Wenn Menschen, die selbst so tief in der Szene unterwegs sind, die dominant sind, viel Verantwortung tragen und sogar mit devoten, teils jungen und vor allem unerfahrenen Frauen zu tun haben, mir doch glauben, was ich da so berichte – weshalb kommt dann so oft (aus unterschiedlichen Richtungen) nicht mehr als ein lakonisches Schulterzucken, wenn ich darüber spreche, als würde es viele hier einfach nicht so viel angehen?

      Aber du weißt ja, ich stelle mir ständig ausgesprochen umfangreiche, weitläufige oder gar philosophische Fragen. 😉 Ich bin es also gewohnt, nicht immer auf alles Antworten zu bekommen. 😉

      Ich bin froh, dass wir so offen sprechen, Martin, und wünsche dir noch ein schönes Wochenende.

      gez.

      O.

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