Scherben

Das hier wird ein kleiner Beitrag, wenn überhaupt.

Vermutlich nicht einmal ein offizieller Beitrag. Vielmehr nur ein kurzer, unstrukturierter Text, der auch mal mitmischen möchte. Der sich unter die richtigen, erwachsenen Blogbeiträge gesellt und so tut, als wäre er lesenswert. Was er vermutlich nicht ist, zumindest nicht so wie die anderen. Die richtigen.

Die richtigen Blogbeiträge haben zum Beispiel ein Titelbild, da fängt es schon an. Und sie haben eine kursiv geschriebene Einleitung, bei mir zumindest. Sie beginnen mit „Meine Lieben“, und irgendwo steht dann „von vorn“ und dann kommt der richtige Text. Der, um den es geht. Der etwas sagt. Der eindeutig ist, lang genug, aussagekräftig genug, klar und deutlich genug. Und am Ende, künstlerisch und rhetorisch gekonnt, folgt der Rahmen, die ebenfalls kursiv geschriebene Abrundung des Ganzen, die Pointe, die Moral von der Geschicht‘, das geschlossene Ende.

Das sind doch klar erkennbare Unterschiede, nicht wahr? Das eine ist ein richtiger Blogbeitrag. Das andere ist… ja, was ist das hier? Irgendein Text. Keine Ahnung.
Manche Dinge sind eben definiert und haben Eigenschaften – und entweder etwas teilt diese Eigenschaften und darf sich dann so nennen oder eben nicht.

So wie ein Tsunami eben definiert ist als lange Wasserwelle, die sich an flachen Küsten zu einer hohen Flutwelle auftürmt. Es ist ein heftiges Ereignis. Ein gefährliches, das meist Menschen und Dinge oder gar ganze Dörfer mit sich reißt. In jedem Fall aber ist klar: Das ist ein Tsunami. Das ist kein Nieselregen, das ist kein Nebel und auch kein Gewitter. Ein Gewitter kann auch heftig sein, aber es ist eben kein Tsunami.

Ein richtiger Tsunami ist eine Katastrophe.

Und auch eine Katastrophe ist wieder klar definiert: Eine Katastrophe ist ein Naturereignis mit verheerenden Folgen oder generell ein schweres Unglück. Jedem ist klar: Wer von einer Katastrophe spricht, wenn ihm ein Glas herunterfällt, der übertreibt. Da liegen zwar Scherben, etwas ist zerbrochen – aber es ist eben keine richtige Katastrophe.

Eine richtige Katastrophe ist ein wirklich schlimmes Ereignis.

Wer vom Nieselregen nass wird, muss nicht von einem Tsunami sprechen; wem ein Glas zerbricht, der muss nicht „Katastrophe“ rufen – denn so schlimm ist es eben nicht.

Und wer ein paar unstrukturierte Zeilen in seinen Laptop tippt, muss nicht behaupten, er habe einen Blogbeitrag verfasst, denn in unserer Welt gibt es klare Definitionen und Grenzen. Sprache unterliegt Richtlinien, ganz einfach. Ich bin Germanistin, ich sollte das wissen.

Und es wäre ja schlimm, oder? Wenn man ein Wort außerhalb seiner klar definierten Grenze verwenden dürfte.

Sprache wäre dann unzuverlässig, Leid wäre subjektiv.
Menschen wären auf einmal Individuen und zugefügter Schaden ließe sich nicht mehr nur über Fakten belegen. Wir müssten beginnen, uns auf andere einzulassen und Recht und Gerechtigkeit würden sich aneinander annähern.
Debatten müssten differenzierter geführt werden und man müsste Andersdenkenden aufmerksamer zuhören. Erfahrungen müssten ausgetauscht werden und alle müssten einander glauben. Das Leben wäre schwieriger und komplizierter und am Ende des Tages würden die Psyche, die Seele, die Würde des Menschen womöglich auch noch ähnlich behandelt werden wie der Körper.
Ein psychischer, ein verbaler Übergriff wäre dann auch ein richtiger Übergriff.
Manipulation und verbale Nötigung wäre dann auch richtige Nötigung.
Verletzungen und Narben an einer Seele würden als Beweise für einen richtigen Schaden gelten.
Und wer seelisch vergewaltigt wurde, hätte ein Recht auf Recht.

Wir könnten uns nicht mehr so leicht herausreden, weil wir Unrecht nicht faktisch und haptisch und tatsächlich gesehen haben, sondern müssten offeneren Auges durch die Welt gehen. Uns würde bewusst werden, das Menschen Individuen sind, deren Erfahrungshorizonte und Gedanken wir nur verstehen, wenn wir ihnen zuhören.  Wir würden dann Minderheiten behandeln wie alle anderen und damit den Begriff ad absurdum führen.

Diskriminierung würde behandelt werden wie Körperverletzung und die psychische Unversehrtheit des Menschen wäre zumindest ein differenzierter betrachtetes Thema. Statt nur in der Theorie zu postulieren, dass auch die Psyche des Menschen durch das Gesetz geschützt wird, würde man darüber nachdenken, wie man diesen Schutz in die Praxis umsetzt.

Wir würden andere nicht mehr so schnell belächeln, denn jeder wüsste:
Wenn etwas zerbricht, ist das eine Katastrophe.

Eine richtige.

Und die Würde des Menschen wäre unantastbar.

11 Kommentare

  1. Fühl Dich umarmt! ❤️ Dein Beitrag ist ein wichtiger! Voller Schwere, voller Klarheit, voller Mitgefühl! Ich wünschte mir viele solcher (mahnenden) Worte…. Mach weiter!
    Liebe Grüße R. 🍀

    Gefällt 1 Person

  2. Ich sehe Dich und das was Du schreibst aus einer anonymen Distanz. Gerade deshalb möchte ich Dir sagen, das Du mir richtig zu Herzen gehst Ophelia.
    Du bist einfach unglaublich gut .

    Gefällt 1 Person

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