Sexarbeit – Ein Statement

Oder: Wovor habt ihr eigentlich Angst?

In der Oktober-Ausgabe des MinD-Magazins (132) schreibt Jana Schleske einen Beitrag zum Thema „Sexarbeit“, auf den ich durch die @gamerbitch01 auf Twitter gestoßen bin. Ich habe ein wenig recherchiert – anbei also der Text von Schleske und im Anschluss ein paar Zeilen dazu von mir.

 

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Eine Antwort, ein Artikel, ein Statement.

Dass das Wort „Sexarbeit“ bei Schleske eine „kognitive Dissonanz“ auslöst, liegt mE an einem logischen Denkfehler. Schleske behauptet, dass Sex die Befriedigung der Libido ist, der Fortpflanzung dient und Gefühle wie Zärtlichkeit, Zuneigung und Liebe ausdrückt. Diese Haltung als Grundannahme zu nehmen, kann nur zu falschen Schlüssen führen, denn sie zieht die häufige und fatale Parallele von der Hure zur promiskuitiven Frau. Ich persönlich hatte auch schon einvernehmlichen und sehr guten Sex, der nicht all diese Kriterien, ja nicht einmal die meisten davon erfüllte. Sex, der hart und grob war und von dem ich definitiv nicht schwanger werden wollte. Sex, der nicht Ausdruck von Zärtlichkeit und Liebe war, aber mich deshalb nicht weniger befriedigt hat. Ich halte es für absolut fatal, anzunehmen, dass „guter“, „richtiger“, „erlaubter“ Sex nur der ist, der auf einer am besten noch monogamen Liebe basiert und von Zärtlichkeit geprägt ist.
Sie schreibt „In Partnerschaften ist Sex wichtig für die Etablierung und Stabilisierung der Bindung zwischen den Partnern“ – mag sein. Aber es gibt auch Sex, der mit Partnerschaften nichts zu tun hat, bei dem es nicht nur um die Stabilisierung einer zwischenmenschlichen, am besten noch romantischen Beziehung geht. Wenn wir nur diese Art von Sex als erwünscht betrachten, bewegen wir uns rückschrittlich – und zwar schnell und in eine völlig falsche Richtung. In Schleskes Augen wird in den erlaubten Partnerschaften also Sex gegen Sex getauscht. Zärtlichkeit gegen Zärtlichkeit. Liebe gegen Liebe. In ihren Augen suggeriert das Wort „Sexarbeit“, dass „Sex“, also Zärtlichkeit, auch gegen Geld getauscht werden könne, was sie für falsch hält, da in Wahrheit Sexarbeit lediglich die Befriedigung der Libido anbiete.
Ich halte hier gleich 2 Annahmen für falsch: Zum Einen die Annahme, dass Sexarbeit lediglich die Befriedigung der Libido bedient. Würde sie sich mit Sexarbeit auskennen, wüsste sie, dass Sexworker häufig deutlich mehr tun als das. Es geht nicht nur um körperliche Befriedigung – die meisten leisten weit mehr als das, befriedigen durchaus den Wunsch nach Geborgenheit und Nähe, führen Gespräche, sind Gesellschaft und spenden Zärtlichkeit. Mal ganz abgesehen davon, dass es auch reine Escort-Services gibt, Sexkauf-Angebote für Alte oder Behinderte oder jene mit Neigungen, die von der Norm abweichen. Zum Anderen gilt: selbst WENN das nicht der Fall wäre, selbst WENN Sex als Dienstleistung die reine Befriedigung der Libido wäre, was sicherlich auch in einigen Fällen der Fall ist, so ist das keinesfalls zu werten. Es gibt auch Menschen, die keine SexarbeiterInnen sind und Sex haben, der allein der Befriedigung der Libido dient, ohne Zärtlichkeit, ohne Liebe, ohne Geld. Was soll daran falsch sein?
„Wenn bei einem sexuellen Akt nur ein Partner Sex möchte, wird das in anderem Kontext als Missbrauch bezeichnet“, schreibt sie – diese Aussage ist auf vielen Ebenen gefährlich, denn: Auch und gerade in der Sexarbeit wird selbstverständlich Sex, bei dem nicht alle Beteiligten Sex möchten, als Missbrauch bezeichnet! Sexarbeit basiert auf der Annahme, dass der Sex einvernehmlich ist, dass alle Beteiligten ihn möchten – ob nun gegen Geld oder nicht spielt hier keine Rolle.

Die Ausführungen in Bezug darauf, was alles gefordert werden müsste, um Sexarbeit zu einem „Beruf wie jeder andere“ zu machen, sind im Grunde eine gute Übersicht. Ja, viele dieser Dinge würden das Leben und die Arbeit von Sexworkern erleichtern. Allerdings kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Schleske hier einen ironischen Unterton anschlägt und beispielsweise Vorstellungen wie die Ernennung der Sexarbeit zu einem Ausbildungsberuf so überzeichnet, dass sie dem Leser nur lächerlich, unrealistisch und fragwürdig vorkommen können. Selbstverständlich gilt es, Forderungen an den Beruf anzupassen – aber das gilt für andere Berufe auch. Rhetorisch wird hier zudem mit der Assoziation der minderjährigen Zwangsprostituierten gespielt, die natürlich beim Leser für Empörung sorgt. Schleske betont hier, dass eine Ausbildung nach der Hauptschule beginnen könnte, nennt explizit das Alter von 16 Jahren und führt den Gedankengang weiter bis zur Formulierung „stattlich organisierte[r] Zwangsprostitution“. Selbstredend fordern Sexworker keine Berufsausbildung, bei der 16jährige unter Aufsicht Geschlechtsverkehr haben müssen – das ist absurd und in der Formulierung ein reißerischer, hetzerischer Versuch, der Gesellschaft weiterhin einzureden, es handle sich hier um etwas, vor dem man (junge) Menschen schützen müsse. Die Wahrheit ist doch vielmehr, dass es viele Berufe gibt, für die Ausbildungskriterien und Arbeitsbedingungen angepasst wurden/werden sollten: Bestatter, Pflegekräfte, Hospizangestellte, Chirurgen, Onkologen, Soldaten – die Liste ist lang.
Niemand beschwert sich, dass Trauer- und Sterbebegleitung gegen Geld angeboten wird, auch eine Sache, die höchst sensible Voraussetzungen hat. Niemand beschwert sich, dass Soldaten gegen Geld ihr Leben aufs Spiel setzen, als sei das menschliche Leben etwas, das man gegen Geld aufrechnen kann.
Niemand behauptet, dass Sexarbeit ein einfacher, banaler Beruf ist, der keinerlei Supervision bräuchte – aber das trifft auch auf andere Berufe zu. Wir können Gesellschaft für Geld kaufen, Trauerbegleitung, medizinische Unterstützung, religiösen Segen, aufmunternde Gespräche, süchtigmachende Medikamente und Drogen, Gewinnspiele und Eintritt zur Spielbank – bei all diesen Dingen gehen Staat und Gesellschaft davon aus, dass der mündige Mensch für sich selbst entscheiden soll und darf, was ihm gut tut und in welchem Maß, solange die Handhabung reguliert wird.
Weshalb sollte ausgerechnet Sex das Einzige sein, das (wenn es einvernehmlich und unter den richtigen Bedingungen gehandhabt wird) nicht als Dienstleistung angeboten werden darf?

Auf die Frage, ob unsere Gesellschaft Sexarbeit braucht, behauptet Schleske, dass ein „Ja“ als Antwort suggeriere, dass Männer ein „Recht auf Sex“ hätten und es ihnen zudem die Fähigkeit abspreche, ihren „Sexualtrieb […] zu kontrollieren“. Diese Logik halte ich für vollkommen irreführen, denn nach dieser Logik bräuchten wir auch keine Gesetzgebung, die Vergewaltigung explizit verbietet – immerhin würde man damit ja behaupten, Männer könnten sich nicht kontrollieren.
Im Gegenteil: Jemand, der behauptet, Sexarbeit sei nicht mehr als das Zurverfügungstellen von „Körperöffnungen“ zur Befriedigung eines unkontrollierbaren Triebs, scheint in meinen Augen von Männern faszinierend wenig zu halten – mal ganz abgesehen davon, dass sich mir nicht erschließt, weshalb hier ausschließlich von Männern gesprochen wird. Auch Frauen nehmen Sexkauf-Angebote in Anspruch. Und entsprechend hierzu zeigt die Verwendung von Begriffen wie „Körperöffnungen“ ein wiederum nicht wenig verachtendes Bild von Frauen.
Zudem hinkt die Logik auch auf anderer Ebene. Bei der Annahme, Sexkauf würde bedeuten, zu behaupten, dass Männer es nicht aushalten, keinen zu haben, kann man „Sex“ durch jede andere erlaubte Dienstleistung austauschen und sehen, wie absurd diese Schlussfolgerung ist.

Weiterhin Sexarbeit verbieten zu wollen, weil sie bedeute, es gäbe ein „Recht“ auf Sex, ist schlicht und ergreifend unlogisch – es gibt auch kein „Recht“ auf Alkohol, Therapeuten oder Sterbebegleitungen, kein „Recht“ auf einen Kinobesuch oder einen guten Service in einem Restaurant, bei dem ein Kellner zu jedem Idioten freundlich ist. Trotzdem kann man all das kaufen.
Die Behauptung, dass Sexarbeit verantwortlich dafür ist, dass Männer Frauen und ihre „sexuellen Fähigkeiten“ bewerten dürfen, dass „Frauen und Mädchen […] miteinander in Konkurrenz in Bezug auf ihre Körperwahrnehmung und ihre Sexualität“ gehen, ist haarsträubend. Diese Annahme schiebt die Schuld für dieses grundlegende Problem ausschließlich Männern zu, die Sexkauf in Anspruch nehmen und ein angeblich toxisches „Mindset“ in die Welt tragen. Es gibt durchaus Verantwortliche für die Tatsache, dass Frauen sich ständig in Konkurrenz sehen, sich bewerten und vergleichen. Diese Verantwortung liegt in meinen Augen bei allen Menschen, die sich gegen eine gesunde, offene, ehrliche sexuelle und humanistische Aufklärung aussprechen, indem sie verhindern, dass an Schulen offen über Sexualität in all ihren Formen gesprochen wird und stattdessen fördern und erlauben, dass in Kinos Klischee-reproduzierende Hollywood-Filme laufen, dass toxische hetero-normative Beziehungen zum Standard erhoben werden und bleiben, dass Heidi Klum einen Maßstab für die perfekte Frau schaffen darf und dass in der Gesellschaft am Ende nur jene sich schlecht fühlen müssen, die einvernehmlichen Sex haben, der nicht in die erlaubten Schubladen passt.

Schleske schreibt, sie wünsche sich keine Welt, in der „jeder Mann und jede Frau jederzeit sexuelle Dienstleistungen kaufen kann“, weil es eine Welt wäre, in der „einfache Befriedigung der Libido aus der Komplexität des menschlichen Sexuallebens“ entkoppelt sei. Es sei zu befürchten, schreib sie, dass dann „Vertrauen, gegenseitige Achtung und wirkliche Intimität in sexuellen Beziehungen“ leiden.

Und in diesem letzten Abschnitt lese ich zum ersten Mal etwas Ehrliches. Lese ich den wahren Grund für das Bedürfnis einiger Menschen, Sexarbeit zu verbieten. Gut versteckt, vielleicht sogar unbewusst formuliert.
Hier zeigt sich etwas, das all die mehr oder weniger schlüssigen Ausführungen davor im Grunde zu einem nichtigen, unnötigen Pseudodiskurs machen, weil endlich klar wird, worum es eigentlich geht:

Angst.

Angst vor dem, was mit der bekannten, bequemen, alten, klassischen, konservativen romantischen, monogamen Hetero-Ehe passiert, wenn Menschen anfangen können, ihre Sexualität frei und ohne Hemmung auszuleben.

Angst vor dem, was konservativen Menschen übrig bleibt, wenn nicht mehr die Mehrheit der Gesellschaft gezwungen ist, so zu tun, als würden sie nie fremdgehen, als würden sie nie ins Bordell gehen, als würden sie nie heimlich Pornos schauen, weil sie Angst vor Stigmatisierung und Verurteilung haben.

Angst vor sexueller Selbstbestimmung.

14 Kommentare

  1. Ich habe eine Beziehung in der Vertrauen, Achtung und eine große Intimität herrschen. Das geniesse ich/wir seit über vierzig Jahren.
    Mein Fetisch ist es mich unter anderem von Fremden anpissen zu lassen. Wie soll das in so einer Beziehung gehen. Vor allem das von Fremden.
    Ich habe in Moment echt ein wenig Angst vor dieser sehr populären modernen Spießigkeit.

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  2. D`accord. Ich weiß nur nicht, ob diese Menschen konservativ sind, oder eher reaktionär und repressiv, gegenüber allem, was von dem vermeintlich normalen Bild von Sexualität abweicht. Im Grunde ist das eine Reprise kirchlicher Sexualmoral, die letztlich dem (notfalls gewaltsamen) Machterhalt und Erhalt des Status Quo dient. Man könnte verkürzt sagen, dass die Ablehnung und Stigmatisierung von Sexarbeit (oft genug bei gleichzeitiger verheimlichter Nutzung derselben) und liberaler Sexualität allgemein dem Machterhalt der jetzigen „Eliten“ dient, und die Angst vor sexueller Selbstbestimmung dabei ein willkommenes Werkzeug ist. Das mag unbewusst und teils reflexhaft genutzt werden, was aber nichts am Ergebnis ändert.

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  3. Ich bemerke seit einigen Jahren wie immer mehr Leute ihre Mitmenschen und ihre Lebensweise einschränken wollen (oder Schlimmeres) nur weil diese Lebensweise von der eigenen abweicht. Die Dogmatisierung des eigenen Verhaltens als das RICHTIGE nimmt immer abstrusere Formen an.
    Das Resultat sind dann (unter anderem) solche Veröffentlichungen die vollkommen unreflektiert die eigene Denkweise dogmatisch als Allgemeingültig, Selbstverständlich oder Alternativlos propagieren.

    Dein Statement auf die Ausführungen des Artikels finde ich bemerkenswert. Vor allem anderen hast Du nämlich den Umgang mit Sexualtität beleuchtet und daraus die Legitimität von Sexarbeit abgeleitet. Dabei hast Du die Subjektivität Deiner Ausführungen regelmäßig klar herausgestellt und nirgends einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhoben.
    Toll!

    Der urspürngliche Artikel hat aus meiner Sicht ein paar weitere interessante Aspekte. Hintergrund war ein Jahrestreffen (JT) des Vereins Mensa in Deutschland. Dieser Verein versteht sich als Interessenvertretung für die Förderung und Erkennung von Hochbegabung. In diesem Kontext ist die Vortragende hochbegabte Physikerin zu verstehen, über deren Vortrag die Autorin des Artikels anfänglich zu berichten versucht.
    Die Autorin des Artikels, Jana Schleske, verlässt relativ schnell, nach einigen wenigen Sätzen den Vortrag bei diesem Jahrestreffen mit den Worten „ich erhoffte mir eine kontroverse Diskussion,… Das ergab sich leider nicht“. Wenige Sätze später kommt sie zu ihrem Kern – der „kognitiven Dissonanz“ in ihrem Kopf. Ab jetzt rutscht sie beständig ab. Bleibt sie anfänglich in der subjektiven Betrachtung noch relativ sachlich, wird die Sprache zum Ende hin immer sarkastischer und die von ihr entworfenen Bilder werden plump demagogisch.
    Ganz am Ende verlässt sie ihr ursprüngliches Thema und springt zur Pornografie. Die von ihr benannten Zahlen „Ein Drittel aller Pornos zeigt Gewalt“, „Bei 94% ist das Gewalt gegen Frauen“ sind vollkommen ohne Hinweis auf die Quelle.

    Der Artikel hinterlässt ein schales Gefühl. Ist es wirklich nur die Angst oder was verleitet einen Menschen dazu einen derart polemischen Artikel zu verfassen, dazu noch in einem Magazin für hochbegabte, also überdurchschnittlich intelligente Menschen.

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  4. Begonnen hat das alles eigentlich im Jahre 325 im Konzil von Nizäa dort wurde der Grundstein für das dogmatische Denken der Kirchen gelegt mit der Verbannung aller schriftstücke die gegen die damalige Obrigkeit lief (Apokrypten, Buch der Schöpfung, Buch der Schatten, Buch des Lebens dem Necroticum und dem Pentratonix) die Verleugnung vom Maria Magadalenas als Frau, Geliebte Jesu welche beide Rabbis waren der Negierung des Dualismus und der Tatsache das aus der Vereinignung Marias mit Jesu, 3 Töchter entstammten Sarah, Esther und Mirrim. ES wurde verleugnet das Jesus Anführer der Essener (der Sonnenesser war) nach zu lesen in den Schriftrollen von Khirbet Qumran. Bei den Ägyptern und den Griechen gab es den ehrbaren Beruf der Liebesdiener /inen Sie waren Heiler/inen In psychologie ausgebildet im erkennen von Balance problemen von Körper/Geist/Atmhos und auch seherinen und Prophetien Sie waren der Quell des Lebens die sich bis heute auf die Schamanen/inen Druiden/inen fortsetzt. Es gibt 3 Kräfte witchCraft/BitchCraft und Pagan als oberste Stufe und alle haben mit licht und liebe zu
    tun

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  5. Hallo Ophelia,
    ich lese hier schon lange still mit und kann deinen Ansichten meistens total zustimmen. Bei diesem Thema, finde ich, machst du es dir aber ein bisschen zu einfach. Ich finde es falsch, Prostitutionskritiker_innen generell als lustfeindlich oder konservativ darzustellen. Sicher gibt es diese konservative Sicht auf Sexarbeit, die auch generell alle nicht-hetero-monogamen Formen von Sex ablehnt. Aber es gibt auch linke Prostitutionskritik, die alle Arten von freier und selbstbestimmter Sexualität unterstützt, aber Sexarbeit trotzdem kritisch sieht. Es ist nämlich nicht dasselbe, ob Menschen aus ihrer Lust heraus frei und selbstbestimmt Sex haben, oder weil sie Sex haben, weil sie dafür bezahlt werden. In einem früheren Artikel („Ist ein Blowjob ein Privileg?“) schreibst du selbst:

    „All diese Begriffe (Recht, Privileg und Gegenleistung) haben nämlich einen gemeinsamen Nenner: sie implizieren einen (Gegen)Wert oder eine an sie geknüpfte Bedingung; sie alle sind abhängig von irgendetwas anderem: einem Sachverhalt, einer Handlung, einer Position. Aber genau das geht in meinen Augen gegen das Prinzip von einvernehmlichem und vor allem für alle Beteiligten erfüllendem Sex.“

    und:

    „Und wenn ihr Blowjobs gebt, dann aus dem richtigen Grund. Und dieser Grund kann nicht sein, dass der Mann ihn sich verdient hat, gut geleckt hat, sich an Abmachungen gehalten hat oder man es ausgehandelt hat.“

    Genau das passiert doch in der Sexarbeit: Sex findet statt als Gegenleistung gegen Geld, er wurde vorher ausgehandelt und ist an Abmachungen und Bedingungen geknüpft. Wie passt das mit deiner Vorstellung von selbstbestimmtem Sex zusammen, der nur stattfinden sollte, wenn alle Beteiligten in dem Moment Spaß haben, der jederzeit von allen Beteiligten abgebrochen werden kann, der nicht an Bedingungen oder Versprechen geknüpft ist? Einen Blowjob (auf den man nicht unbedingt Lust hat) gegen Cunnilingus zu tauschen, ist aus deiner Sicht also nicht ok, aber es ist ok, einen Blowjob (auf den man nicht unbedingt Lust hat) gegen Geld zu tauschen?
    Ich glaube nicht, dass Sexarbeit funktioniert, wenn man fordert, dass die Sexarbeiter/innen jederzeit Bock darauf haben müssen. Aber wenn Sex nur als selbstbestimmt gelten kann, wenn alle Beteiligten in dem Moment Bock darauf haben, dann sind selbstbestimmter Sex und Sexarbeit, mit der Leute ihren Lebensunterhalt verdienen, einfach nicht zu vereinbaren.

    Ich stimme dir zu, dass Sexarbeit bzw. Sexkäufer nicht für die sexistischen Verhältnisse verantwortlich sind, in denen wir leben (Konkurrenz unter Frauen, Schönheitsideale, toxische Beziehungsstandards etc.). Aber da wir nun mal unter solchen Bedingungen leben, ist es doch sehr unrealistisch, dass sie nicht auf die Sexarbeit abfärben und sich da nicht ganz besonders schädlich auswirken.

    Ich bin nicht für ein Sexkaufverbot, das ja auch viele negative Auswirkungen hat.
    Aber deswegen muss man Sexarbeit doch nicht als ein Happy Wonderland darstellen, in dem es nur um sexuelle Selbstbestimmung und Freiheit geht. Um die sexuelle Selbstbestimmung und Freiheit der Sexarbeiter/innen geht es bei Sexarbeit eben nicht. Sobald jemand an Sex nur teilnimmt, weil er/sie dafür Geld bekommt, geht es eben nicht mehr um seine/ihre sexuellen Wünsche und Bedürfnisse, sondern um die der Kund/innen. Das ist meiner Meinung nach der fundamentale Unterschied zwischen „ins Bordell gehen“ und „fremdgehen“/“heimlich Pornos schauen“, und diese Gleichsetzung halte ich für ziemlich bedenklich.

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    1. Zuerst einmal danke für den Kommentar und die Kritik – ich weiß es immer wieder zu schätzen, wenn man kontrovers diskutieren kann, ich konstruktive Kritik bekomme und man deshalb dennoch sachlich und wertschätzend bleibt.
      Übrigens schön, dass du schon länger mitliest 😊.
      Zu deinem Kommentar – ich geh mal Punkt für Punkt durch, damit dir meine Haltung vielleicht klarer wird.
      – Ich bezeichne nicht ProstitutionskritikerInnen als lustlos. KritikerInnen ohnehin als letztes, denn kritisch zu sein ist per se nichts Schlechtes. Die aber, die kategorisch dagegen sind, ohne differenziert zu betrachten, ja, denen unterstelle ich eine gewisse grundsätzliche Abneigung gegenüber allem, was in Richtung sexuelle Freiheit tendiert.
      – Du schreibst „Es ist nämlich nicht dasselbe, ob Menschen aus ihrer Lust heraus frei und selbstbestimmt Sex haben, oder weil sie Sex haben, weil sie dafür bezahlt werden.“ – Ich verstehe nicht, warum es da ein Entweder/Oder geben muss. Mann kann lustvollen, selbstbestimmten Sex haben, für den man zudem noch bezahlt wird – das geht. Und nein, natürlich bin ich nicht so naiv zu glauben, dass das immer so ist! Aber ich finde, wir sollten nicht kategorisch ein „entweder macht es Spaß oder man wird dafür bezahlt“ ziehen. Übrigens habe ich mit exakt diesem Thema auch in meinem Job zu kämpfen: Ich lebe vom Schreiben, habe meine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Seither wird mir häufig unterstellt, dass ich quasi nicht mehr arbeite oder es geht um konkretes Geld, immerhin macht mir die Arbeit ja auch so Spaß. Ja, mach sie – aber deshalb ist sie nicht weniger wert. Ähnlich bei Sexarbeit. Das kann Spaß machen – deshalb ist es dennoch eine Dienstleistung. Nochmal: Ich behaupte keineswegs, dass das immer so ist. Es ist für viele auch ein Job, der eben nicht immer Spaß macht. Aber wir sollten nicht in entweder/oder kategorisieren.
      – Du zitierst einen meiner älteren Texte und fragst dann: „Einen Blowjob (auf den man nicht unbedingt Lust hat) gegen Cunnilingus zu tauschen, ist aus deiner Sicht also nicht ok, aber es ist ok, einen Blowjob (auf den man nicht unbedingt Lust hat) gegen Geld zu tauschen?“ – Vorab: Es geht nicht darum, was ich „ok finde“. Es ist überhaupt nicht mein Recht, irgendetwas „ok zu finden“. Ich kann Menschen meine Meinung sagen oder Ratschläge geben – ich maße mir nicht an zu sagen „was du da machst, ist nicht ok“. Richtig, ich finde, dass innerhalb einer romantischen/partnerschaftlichen/sexuellen Beziehung nichts getan werden sollte, wozu man keine Lust hat, nur um Egos zu streicheln, Beziehungen zu retten, emotionaler Erpressung nachzugeben oder was auch immer. Der gesamte Beitrag und meine Haltung dazu hat aber mit Sexarbeit nichts zu tun. Ich persönlich trenne das komplett. Weil es völlig unterschiedliche Herangehensweisen sind. In privatem Rahmen führe ich sexuelle Handlungen aus, weil ich etwas davon habe: Spaß, Befriedigung, Glück des Gegenübers, das mich auch glücklich macht, usw. Ich gebe Blowjobs (usw) ja aus einem Grund und nicht, weil ich gerade nichts bessseres zu tun habe. Ich hab was davon. Etwas Positives. Bei der Sexarbeit entscheidet sich der Sexworker dazu, diesen Gegenwert (Spaß, Befriedigung, Glück des Gegenübers, usw) einzutauschen in einen Geldwert. Sexworker bekommen auch etwas für eine Handlung, nur eben keine Emotion, sondern Geld. Es ist der bewusste Verzicht darauf, dass man immer alles aus REINEM Spaß, aus REINER Erregung heraus macht – dafür aber eben Geld bekommt. Deshalb trenne ich das: Ich kann „privaten Sex“ und „Sex als Dienstleistung“ NICHT in einen Topf werfen – wenn wir als Argument anführen, dass „selbstbestimmt und einvernehmlich“ ausschließlich bedeutet, etwas aus reinem Spaß an der Sache zu tun, dann müssen wir ALLES ausnehmen, was auch privat getan wird: Dann gibt es keine Köche mehr, die für ihre Arbeit bezahlt werden, weil viele Menschen bekochen ihre Partner freiwillig und aus Spaß und Liebe. Wenn ich aber keine Lust habe zu kochen und bekocht werden möchte und einen gedeckten Tisch haben will, dann gehe ich ein Restaurant. Klar kann ich mir einen Partner suchen, der das AUS FREIEN STÜCKEN für mich macht – haha. Aber wenn ich keine Beziehung will und als Single glücklich bin, oder wenn ich eben keinen passenden finde oder wenn mein Partner gern italienisch kocht, ich aber auch mal Lust auf asiatisch habe, dann BEZAHLE ich einen Koch und einen Kellner.
      Sex im Privaten und Sex als Dienstleistung muss man trennen, weil beide an unterschiedliche Bedingungen geknüpft sind. In der Sexarbeit verzichtet man auf gewisse emotionale Voraussetzungen, die ich im Privaten für wichtig erachte – dieser Verzicht ist bewusst und als „Entschädigung“ bekommt man Geld und es wird zum Job.
      – „Ich glaube nicht, dass Sexarbeit funktioniert, wenn man fordert, dass die Sexarbeiter/innen jederzeit Bock darauf haben müssen. Aber wenn Sex nur als selbstbestimmt gelten kann, wenn alle Beteiligten in dem Moment Bock darauf haben, dann sind selbstbestimmter Sex und Sexarbeit, mit der Leute ihren Lebensunterhalt verdienen, einfach nicht zu vereinbaren.“
      Stimmt, diese Forderung ist unrealistisch. Der Koch hat auch nicht immer Lust darauf zu kochen, auch wenn er es grundsätzlich gern macht. Er macht es aber an manchen Abenden trotzdem, selbstbestimmt und freiwillig, weil er weiß, er bekommt Geld dafür. Genauso ist es auch bei Sexarbeit. „Bock drauf“ ist relativ. Nur weil ein Sexworker heute mal nicht wahnsinnig Lust drauf hat, bedeutet das nicht, er oder sie macht es nicht freiwillig und selbstbestimmt.
      – „Sobald jemand an Sex nur teilnimmt, weil er/sie dafür Geld bekommt, geht es eben nicht mehr um seine/ihre sexuellen Wünsche und Bedürfnisse, sondern um die der Kund/innen.“
      Stimmt. Ich halte einen Rahmen für essentiell – ein Rahmen, den der/die Sexworker bestimmt, damit nur die Dinge geschehen, die für ihn/sie in Ordnung sind. So wie einfach jeder Dienstleister ein Angebot hat. Innerhalb dieses Rahmens geht es vermehrt um die Bedürfnisse des Kunden, aber das ist nichts Schlimmes, sondern der Kern einer Dienstleistung. Ob man Sex als Dienstleistung anbietet, sollte die Entscheidung jedes Einzelnen sein.
      Abschließend: Natürlich ist es kein Happy Wonderland. Es läuft viel schief, nicht zuletzt durch das Stigma der Gesellschaft. Aber genau deshalb sollten Rahmenbedingungen verbessert werden. Niemand sollte sich gezwungen fühlen, also sollten Sozialleistungen und Grundeinkommen gesichert sein. In der Sexarbeit sollten Krankenversicherungen möglich sein, bessere Arbeitsbedingungen auf der Straße, Supervisionsmöglichkeiten, usw. Es wäre ein eigener Beitrag, was alles getan werden müsste. Aber darum ging es mir ja in diesem hier nicht. Es ging nur darum, was NICHT getan werden darf: Sexarbeit zu verbieten und damit Sexworker in die Illegalität zu treiben und für noch weniger Sicherheit zu sorgen als ohnehin schon.

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      1. Vielen Dank für deine ausführliche Antwort 🙂 Wir sind uns eigentlich ziemlich einig, daher will ich jetzt gar nicht auf alle einzelnen Punkte eingehen. Vielleicht aber noch was zum Punkt „Sexarbeit als normale Dienstleistung“, weil du ja in dem Beitrag fragst: „Warum sollte Sex das einzige sein, das … nicht als Dienstleistung angeboten werden darf?“ und es auch in der Antwort mit Kochen vergleichst:
        Sexarbeit lässt sich nicht so wie andere Dienstleistungen von der ausführenden Person abkoppeln. Wenn ich zum Friseur gehe, ist es mir egal, ob die Person, die mir die Haare schneidet, alt oder jung, männlich oder weiblich, dick oder dünn… ist. Hauptsache, sie kann gut Haare schneiden. Analog gilt das für’s Kochen, Verkaufen, Busfahren, Krankenpflegen, Unterrichten, kurz, für (fast) alle anderen Dienstleistungen. Bei der Sexarbeit ist das anders. Wenn jemand einen Termin mit einer jungen weiblichen Sexarbeiterin gebucht hat und die ist aber kurzfristig krank und schickt ihren männlichen, zwanzig Jahre älteren Kollegen vor, würde sich der/die Kund/in wahrscheinlich nicht drauf einlassen. Selbst, wenn der männliche ältere Kollege viel mehr Erfahrung mit Blowjobs hat. Man „kauft“ also nicht nur die Dienstleistung, sondern gewissermaßen auch (temporär) die Körpermerkmale desjenigen, der sie ausführt. Daher, finde ich, ist Sexarbeit nur sehr begrenzt mit anderen Dienstleistungen vergleichbar.
        Außerdem hat Sex natürlich eine besondere Bedeutung im Rahmen von patriarchalen Geschlechterverhältnissen, denen wir erst vor kurzem entkommen sind. Die Idee, dass auch die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen zählt und Sex nur stattfinden sollte, wenn (auch) die Frau Spaß daran hat, ist historisch ziemlich jung. Sexarbeit legitimiert sozusagen Verhältnisse, in denen Sex auch dann stattfinden kann, wenn die (ja meist weiblichen) Prostituierten nicht unbedingt Spaß an der Sache haben müssen (auch wenn das natürlich vorkommen kann, keine Frage). Auch deswegen, also sozusagen aus historischen Gründen, ist Sexarbeit meiner Meinung nach etwas anderes als Busfahren, Kochen oder Unterrichten.

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      2. Ich halte das ähnlich wie du: Ich geh nicht mehr auf Details ein, denn ich denke auch, dass wir uns sind grundlegend uneinig sind.
        Eine Sache aber doch noch: Du schreibst, Sexwork ist eine Dienstleistung, die nicht nur die Dienstleistung kauft, sondern an die Merkmale der Person geknüpft ist. Beispielsweise, wenn statt der 26jährigen ein alter, dicker Typ dasteht, usw. Da gehe ich mit!
        ABER:

        Auch das gibt es bei etlichen anderen Dienstleistungen – die Merkmale, die ich „mitkaufe“, sind lediglich abhängig von der Art der Dienstleistung. Bei Sexwork mag das u.a. Aussehen, Geschlecht und Alter sein.
        Bei ErzieherInnen oder Frauenärzten unterscheiden heute noch viele nach Geschlecht.
        Auf dem Bau hab ich noch nie eine Frau gesehen und auch keinen Mann, der klein und körperlich eher hager war.
        Bei Friseuren habe ich schon gewechselt, weil die Friseurin immens viel geredet hat.
        Beim Chirurgen wäre es dir auch nicht egal, wenn statt des Chefarztes der Assistenzarzt reinkommt, der heute den ersten Tag hat.
        Physiotherapeuten sind in der Regel NIE übergewichtig, schon mal aufgefallen? Gibt es nicht. Wäre das der Fall, würde man es sich 2x überlegen.
        Wenn der Tierarzt keinen Abschluss hat, sondern „gut mit Tieren kann“, geht man nicht hin.
        Und nicht zuletzt: Wonach werden Models bewertet? Das ist ein von der Gesellschaft so anerkannter Beruf, dass TV-Sendungen dazu gedreht werden.
        Warum machen wir nur bei Sexworken Ausnahmen? Warum werten wir nur da alles anders?

        Alter, Geschlecht, Herkunft, Ausbildung, akademischer Grad, Berufserfahrung, Sympathie, Teamfähigkeit, Sprachen, Körperbau, Aussehen.

        Überall in der Berufswelt „kaufen“ wir Eigenschaften einer Person mit, stellen nur nach gewissen Kriterien ein und nur so gut wie niemand ist random austauschbar.

        Warum maßen wir uns an, bei selbstbestimmter, freiwilliger Sexarbeit plötzlich ein anderes Wertesystem anzulegen?

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  6. Sie „unterscheidet“ zwischen Befrieidgung der Libido und Sex, über den sie am Beispiel von Partnerschaften schreibt und dabei Liebe und Zärtlichkeit in den Vordergrund stellt. Damit ist der Weg frei, auch ONS zu verbieten, natürlich nur zum Besten der Betroffenen……….

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