Sexkauf-Politik: Von Stuttgart nach Berlin

Oder: Wie Legenden entstehen

Meine Lieben,

alle, die mich regelmäßig lesen, wissen bereits, worauf sie sich einlassen. Was sie erwarten dürfen und was eher nicht. Für alle Neuen, die lediglich über den Fachtag am 5.12. in Stuttgart Bescheid wissen wollen, möchte ich es ausnahmsweise klarstellen: Das hier wird kein „Bericht“, kein Artikel mit journalistischem Anspruch. Ich habe keinen Spaß daran, trockene Pressetexte zu schreiben und nüchterne Berichte über Zahlen und Fakten – und wenn ich an einer Sache keinen Spaß habe, dann mache ich sie nicht gut, meistens daher lieber gar nicht.
Deshalb wird auch das hier wie immer zwar informativ, aber in erster Linie das, was es hier immer zu lesen gibt: Mein ganz persönlicher Blick auf die Dinge, eine subjektive Erfahrung. Eine Zusammenfassung des Fachtags, der Stimmung in Stuttgart mit einigen anschließenden Worten über die Sexarbeitsdebatte und ein paar Klarstellungen. 

Für alle, die politisch bereits seit Jahren aktiv sind, wird dieser Text vermutlich zu oberflächlich sein, zu ausufernd, zu wenig präzise – ihr dürft mich anschreiben, dann bekommt ihr gezielt Informationen von den Folien des Fachtags, die ich leider nicht veröffentlichen darf.
Denn dieser Text geht – nach langer Überlegung – wie immer weiterhin an meine Leser. An Menschen, die nicht tief oder überhaupt nicht im Thema sind, die vorher noch nie mit dem Thema in Berührung standen, die sexpositiv sind, kinky oder auch nicht, open-minded, interessiert und offen für andere Perspektiven und die vor allem bereit sind, sich eine eigene Meinung zu bilden.

Und die meine Art, in Bildern zu sprechen zu schätzen wissen… 

Es ist der 6. Dezember, also Nikolaustag, wenn ich beginne, diesen Text zu schreiben.
Der Tag, an dem die Christen einen in der Türkei geborenen Heiligen feiern, der sein geerbtes Geld an andere verteilt hat und um den sich ein paar Märchen, Verzeihung: Legenden, wie es bei den katholischen Heiligen heißt, ranken. Die Voraussetzungen für die Heiligsprechung in der katholischen Kirche ist das Erleiden eines Martyriums oder alternativ herausragende Tugendhaftigkeit sowie mindestens ein obligatorisches „Wunder“ und die Legendenbildung.
Ich weiß das, weil ich in meinem Geschichtsstudium mal ein Seminar über Heiligsprechung in der katholischen Kirche hatte. Vorhin fiel mir auf, dass ich mich an die Legenden vom Nikolaus nicht mehr erinnern kann, obwohl er damals ein Referatsthema war. Ich fragte Google, weil ich es nicht mag, wenn ich Dinge vergesse, die ich früher einmal sicher wusste und zudem, weil ich so ein Gefühl hatte… als wäre mir etwas Relevantes entfallen.
Google verweist natürlich auf Wikipedia, was mir für kurzen Input für gewöhnlich reicht. Ich wollte ja nur Stichworte, dann würde das Wissen sicher wiederkommen. Das erste Stichwort hatte gleich eine doppelte Wirkung:

1. Meine Erinnerungen kamen zurück
2. Ich lächelte

Weil es einfach so ungemein bezeichnend ist, wie der Kreis sich manchmal schließt.
Das Stichwort lautete:

Prostitution

Es ist die berühmte „Mitgiftlegende“, die berichtet, wie der Nikolaus 3 Jungfrauen davor bewahrt hat, sich prostituieren zu müssen, weil der Vater sie mangels Mitgift nicht verheiraten konnte. Nikolaus warf nachts 3 Goldklumpen in die Fenster der Mädchen. Auf Seiten wie katholisch.de heißt es „sie wurden somit vom unehrenhaften Leben befreit“. Wikipedia selbst zeigt dazu ein Bild aus der Wallfahrtskirche in Würzburg, das den Nikolaus zeigt. Die Bildunterschrift lautet: „Bewahrung vor der Prostitution“.

Die 3 Goldklumpen, die der Bischof den Mädchen geschenkt hat, wurden zum ikonografischen Heiligenattribut, welches jede/r katholische Heilige hat:
Es sind die 3 goldenen Kugeln (manchmal auch Äpfel), die mit dem Nikolaus assoziert werden. Diese Geschichte ist es übrigens, der wir es verdanken, dass wir unseren Kindern am Nikolaus heimlich/nachts Geschenke vor die Tür legen oder in einen Stiefel stecken: In Gedenken an den heiligen Nikolaus, der junge Frauen vor einem Schicksal in der Prostitution bewahrt.
Aber das wusstet ihr sicher alle schon – denn wer hält sich heutzutage noch an Bräuche und Traditionen, ohne ihre Geschichte zu kennen, nicht wahr? 😉

Der Nikolaus wurde sogar zum Schutzpatron von Prostituierten.

Weil er sie rettet.
Weil er Mitleid mit ihnen zeigt, statt sie auszustoßen.
Weil er sie nicht verurteilt, sondern ihnen beim Ausstieg hilft oder sie gar gänzlich davor bewahrt – vor der Prostitution, dem Fall, der Sünde, vor dem „unehrenhaften Leben“.

Der gute, gute Nikolaus.

Was können wir uns heute noch glücklich schätzen, dass wir auch in der Moderne, im 21. Jahrhundert alte Bräuche zu wahren wissen, die richtigen Heiligen aus den richtigen Gründen feiern und Menschen in öffentlichen Ämtern haben, die mit Goldkugeln um sich schmeißen, um die von der Sünde verführten Jungfrauen vor dem unehrenhaften Leben zu bewahren oder ihnen beim Ausstieg zu helfen, nicht wahr?

Ihr wollt, dass ich euch am Nikolaustag eine Geschichte erzähle? Na schön.

Ich erzähle euch die Geschichte von einer Gruppe Verstoßener, die am 5.12. im Jahre 2019 nach Christus in einen Ort namens Stuttgart pilgerte, um einer Versammlung beizuwohnen, die den klangvollen Namen „Fachtag Prostituiertenschutzgesetz“ trug.

Aber nur Geduld, Kinder. Wie immer gilt natürlich auch heute…

Von vorn.


Sich um einen Tisch setzen, um Geschichten zu lauschen

Ich sitze gerade mit dem Laptop auf der Couch und bin froh, dass ich von zu Hause aus arbeiten kann. Noch vor wenigen Tagen lag ich mit Fieber im Bett, eine Mandelentzündung hatte mich fast so weit, dass ich den Fachtag nicht besuchen konnte – obwohl dieser Tag mir so wichtig war wie selten sonst einer. Nicht nur, weil mir die politische Arbeit für das Thema in den letzten Monaten immer wichtiger wurde und ich unbedingt auf dem Laufenden sein wollte, sondern auch, weil ich es versprochen hatte. Ich hatte so vielen Menschen versprochen, dort zu sein, Präsenz und Solidarität zu zeigen und vor allem, darüber zu schreiben, damit alle, die eben nicht dort sein konnten, zumindest einen Eindruck bekommen würden von dem, was die Schwaben zurzeit so fabrizieren.

Der Fachtag selbst fand im evangelischen Bildungszentrum Hospitalhof Stuttgart statt. Für den Vormittag desselben Tages war der „Runde Tisch Prostitution“ geplant, zu dem bis kurz vor knapp nicht ein einziger Sexworker überhaupt eingeladen war. Nach einigem Druck und viel Aktivismus wurde ein Platz zur Verfügung gestellt, den eine im SM-Bereich arbeitende Sexworkerin aus Stuttgart einnahm. Sie twittert unter @LadyAlraune und schrieb heute:

Alraune berichtet von kontroversen Diskussionen, von sehr starker Abneigung mancher gegen Sexkauf und von Klischees und Vorurteilen. Davon, dass Sexkauf, Prostitution und Menschenhandel in einen Topf geworfen werden und davon, dass die Umsetzung des Gesetzes regional unterschiedlich gehandhabt wird und man nach Einheitlichkeit verlangt. Sie berichtet aber auch, dass Herr Lucha selbst sich gegen ein Sexkaufverbot ausspricht und dass (wenn auch erst auf ihren eigenen Hinweis hin) auch über Diversität von Sexarbeitenden gesprochen wurde.

Der Hospitalhof war am anschließenden Nachmittag für alle Interessierten zum Fachtag offen, die sich vorab angemeldet hatten. Ich will versuchen, euch einen Einblick zu geben – in die Inhalte der Vorträge und Fragen, die Stimmung, die dort herrschte, die Quintessenz, die wir daraus zogen und die Pläne für die Zukunft. 

 

Die Legende von der Swingerparty

Nach einer kurzen Begrüßung durch Manne Lucha, Minister für Soziales und Integration, gab es den ersten Vortrag von Dr. Albrecht Stadler, Leiter der Abteilung Sicherheit und Ordnung des Amtes für öffentliche Ordnung Stuttgart. Der Titel des Vortrags lautete Blick in die Praxis: „Umsetzung des gewerberechtlichen Teils des Prostituiertenschutzgesetzes am Beispiel der Stadt Stuttgart“.

Stadler spricht gleich zu Beginn vom „Prostitutionsschutzgesetz“ verbessert sich aber sofort und fordert dann das Publikum auf, diesen Fehler nicht zu machen: Es heiße immerhin Prostituiertenschutzgesetz. Natürlich: Die Prostituierten werden geschützt, nicht die Prostitution.

Herr Stadler erzählt dann von der Situation der Betriebsstätten in Stuttgart. Spannendes Thema, auch wenn es trocken anmutet. Ich war im Anschluss an den Fachtag mit einigen Sexworkern aus Stuttgart im direkten Gespräch und was mir auffiel, war eine immens schwierige Situation gerade in Bezug auf Baurecht und Anforderungen für Betriebe, die auch und im Grunde gerade jene kleinen Betriebe betrifft, die genauso funktionieren wie man es sich eigentlich wünschen würde: Selbstbestimmte Frauen auf selbstständiger Basis, Tantra-Masseuer/Innen, die sich zusammen tun oder SM-Studios, die nicht zum Bordell mit hoher Laufkundschaft werden möchten, sondern gern persönlich arbeiten. Genau die haben Schwierigkeiten oder können ihren Job bereits nicht mehr ausüben.

Stadler legt eine Folie auf, auf der Zahlen zu sehen sind zum aktuellen Stand der Betriebserlaubnisse und Verweigerungen:

Titel: Stand der Umsetzung des ProstSchutzG in Stuttgart

83 Erlaubnisanträge, davon
16 zurückgenommen
30 abgelehnt (28 Widersprüche)
-> wegen Baurecht, nichterfüllter Mindestanforderungen,
Unzuverlässigkeit, örtl. Unzuständigkeit
0 Erlaubnisse erteilt

[…]

188 Betriebskontrollen

Stadler blickt auf die Folie, erklärt einiges, kommt zu der Zahl „0“ und sagt „Wir haben noch keine Erlaubnis erteilt. Wir sind bei einigen Fällen sozusagen kurz davor aber haben tatsächlich noch keine erteilt.“
Er erzählt von den Kontrollen, dem Arbeitsbereich Prostitution und der guten Zusammenarbeit mit der Polizei. Geachtet wird laut Stadler auf Notrufknöpfe, auf getrennte Sanitärbereiche und auf Sicherheit für die Prostituierten, also die Frauen. Das alles betrifft Bordellbetriebe, Laufhäuser – andere Betriebsformen werden nicht erwähnt.

Ein weiterer Punkt ist kurz darauf die „Prostitutionsveranstaltung“:

„Wir gucken uns zunehmend auch Prostitutionsveranstaltungen an“, sagt Stadler, „da ist das Problem, dass man nachweisen muss, dass Prostituierte entgeltlich tätig sind“. Im Anschluss an diesen Satz erwähnt er die „Ausrede Swingerparty“ (natürlich: wer kennt sie nicht – die Legende von den Frauen, die nur zum Spaß auf Sexpartys gehen?).

In meinen Gesprächen mit Sexworkern aus Stuttgart erfahre ich von zahlreichen Razzien – nicht nur in Bordellen, sondern auch tatsächlich auf Swingerpartys. Ich erfahre von unverhältnismäßig großen Aufgeboten von rund 20 Beamten aus Polizei, Ordnungsamt, Sitte, Zoll auf Fetischpartys von rund 100 Gästen. Ich erfahre von Kontrollen, die sich überwiegend auf Frauen beschränken, noch überwiegender auf dominante Frauen. Ich erfahre von der Aufnahme und Speicherung von sämtlichen Daten von Privatpersonen im Rahmen des Gesetzes bei Razzien, weil man zur falschen Zeit am falschen Ort war. Ich erfahre von anonymen Anrufen bei der Polizei mit Hinweis auf vermeintliche Prostitutionsveranstaltungen, weil eine Domina sich abends privat mit einem Sklaven auf einem SM-Event bei Joy anmeldet und es dann heißt „da sind Prostituierte“, was wiederum zu Razzien führt.

Es sind diese Vorfälle, die die Stimmung in Stuttgart prägen – zumindest in gewissen Szenen. Auf der anderen Seite steht ein Herr Stadler, der bei seinem Zwischenfazit das Positive am ProstSchutzGesetz darin sieht, dass „eine gewerbliche Tätigkeit mit besonderen Schutzbedürfnissen“ endlich einem Regierungsregime unterworfen, das das Gewerberecht für andere Tätigkeiten längst vorsieht. Der „Minus-Punkt“ auf der Folie mit dem Titel „(Zwischen-)Fazit“ lautet:

Die Lösung aller Probleme, v.a. der Armuts- und Zwangsprostitution ist durch ein Gesetz nicht leistbar.“

Stadler bittet um „Geduld“.

Im Anschluss an den Vortrag gibt es eine Fragerunde, die ich persönlich besonders interessant finde. Die erste Wortmeldung ist nur wenige Plätze von mir entfernt und beschränkt sich auf den einfachen Hinweis bzw. die Ergänzung, dass es in Stuttgart nicht nur Stellen für weibliche Prostituierte gibt, sondern auch das Café Strichpunkt für männliche und trans Personen.

Weitere Fragen beziehen sich auf gewerbe- und baurechtliche Details. Eine Dame fragt, ob es tatsächlich die Absicht ist, bis auf 5 Ausnahmen in Stuttgart keine Erlaubnisse zu erteilen, sodass alle anderen Betriebe geschlossen werden müssen. Stadler weicht ein wenig aus, indem er darauf verweist, dass diese Dinge im Gesetz geregelt sind und das Ordnungsamt die Entscheidungen nur danach trifft.
Die Dame stellt eine Ergänzungsfrage: Wie es dann mit dem hohen Begriff des „ProstituiertenSCHUTZGesetzes“ vereinbar sei, wenn SexarbeiterInnen ihre Arbeit verlieren würden und Betriebe geschlossen werden, in welchen Sexworker sich seit Jahren sicher fühlen?

Weitere Fragen folgen, die den Begriff „Schutz“ ironisch erwähnen, Herrn Stadlers Vorgehen und Aussagen infrage stellen oder ihm generell kritisch begegnen.

Ich bin überrascht.

Die letzte Frage wird von einem älteren Herrn gestellt. Er hebt an:

„Ich möchte nicht in einer Republik wohnen, in der Frauen Bürger zweiter Klasse sind“, dann wird das Grundgesetz zitiert und es geht um die Würde des Menschen. Ich selbst bin in meinem Mindset offensichtlich so verankert, das es mich bereits naiv macht. Denn was ich denke, ist: Ja. Stimmt.
Was mich hingegen wundert, ist, dass die Sexworker um mich her schnauben und Grimassen ziehen. Zu diesem Zeitpunkt denke ich noch, der ältere Herr möchte darauf hinaus, dass Sexarbeit ein angesehener Beruf sein sollte und drückt sich lediglich, beispielsweise in der Fassung des Geschlechts, ungeschickt aus. Er fährt fort: „Ich möchte meine Frau nicht ins Prositutionsgewerbe schicken, ich möchte auch meine Kinder, meine Tochter nicht dorthin schicken. Ich möchte nicht in einer Republik weiterleben, in der Frauen für Geld wie Artikel zu kaufen sind.“

Okay. So viel dazu.

 

Die „Happy-Hooker“-Legende

Dr. Evelyn Thumm erzählt anschließend von ihrer Arbeit im Kreisgesundheitsamt Reutlingen, das etwa 45 Minuten südlich von Stuttgart liegt. Es geht um Sprachbarrieren, um Krankheiten, um Nationalitäten und um Ausstiegsberatungen.

Ich persönlich schwanke noch während des Vortrags: Einerseits sehe ich anhand der Zahlen durchaus, dass die Situation keine einfache ist. Es geht großteils um Arbeit in Bordellen und Laufhäusern. Die Mehrheit der im Raum Stuttgart arbeitenden SexarbeiterInnen haben Migrationshintergrund. Es geht viel um Sprachbarrieren, um die Schwierigkeit, permanent Dolmetscher in allen möglichen Sprachen zur Verfügung zu haben und um Krankheiten. Für mich war überraschend, dass viel von Spanierinnen gesprochen wird, die wohl stark repräsentiert sind. Spannend hierbei auch, dass bei Osteuropäerinnen das Alter im Durchschnitt bis zu 10 Jahre unter dem von Spanierinnen oder deutschen Sexarbeiterinnen liegt. Die Situation ist komplex, das steht fest.
Andererseits glaube ich, einen unterschwelligen Rassismus zu spüren oder zumindest eine Sprache, die ihn reproduziert. Es geht um Rumäninnen mit Hepatitis, um die Notwendigkeit der Gesundheitsaufklärung bei Osteuopäerinnen. Deutsche sind hier außen vor. Und insgesamt (bei allen Redebeiträgen) geht es zu 98% um Frauen: von trans Menschen oder Männern ist keine Rede. Auch bei Julia Wege, die im Anschluss an Thumm spricht, bleibt dieser Eindruck, der aber mein sehr persönlicher ist.
Wege leitet die Beratungsstelle Amalie in Mannheim und erzählt über die Erfahrungen dort. Es klingt… ehrlich gesagt alles sehr schlimm, sehr dramatisch. Auch beim Podiumsgespräch später, bei dem sie einen Platz hat, bleiben die Horrorstorys nicht aus. Geschichten von einer Frau, die gar nicht bemerkt hat, dass sie im 7. Monat schwanger ist. Geschichten von Aussteigerinnen und natürlich den ganzen Migrantinnen.

Ich weiß auch nicht.

Ganz ehrlich? Ich kann jeden verstehen, der sich mit dem Thema nicht auskennt, solche Vorträge hört und dann denkt, man müsse „Sexarbeit“ abschaffen. Der dann denkt, es sei reine Ausbeutung von ausschließlich Frauen und überhaupt will das keine davon freiwillig. Der nicht auf den ersten Blick erkennt, was hier passiert und diese Haltung übernimmt. Ich würde es verstehen.

Nach den Vorträgen der beiden Frauen blieb ich mit einem ambivalenten, unbestimmten Gefühl des Unbehagens zurück. Irgendetwas war falsch, ich hatte den Fehler aber noch nicht entdeckt.

Aus dem Publikum werden erneut Fragen laut, spannenderweise sehr kritische. Ob der Bockschein denn wieder eingeführt werden solle, fragte eine ehemalige Sexarbeiterin, sie erinnere sich noch an die Zeit damals und wie sie einmal vom Gynstuhl gesprungen sei, weil die Untersuchung so schmerzhaft war. Für Unwissende: Der Bockschein war ein amtsärztliches Gesundheitszeugnis, das Prostituierte früher mit sich führen mussten und in dessen Rahmen sie sich Zwangsuntersuchungen unterziehen mussten. Das war früher, als die amtsdeutsche Bezeichnung für Prostituierte noch „Personen mit häufig wechselndem Geschlechtsverkehr“ war. Früher, vor vielen, vielen Jahren – nicht.
Der Bockschein wurde 2000 abgeschafft, Baden-Württemberg gehörte zu einem der letzten Länder, die die Abschaffung umsetzten.

Die Podiumsdiskussion wird schließlich mit „ausgewählten Gästen“ angekündigt, von denen nicht ein einziger in der Sexarbeit tätig ist. Vielleicht hat man Angst, dass die „Happy Hooker“-Karte gespielt wird: Die Nutte, die ihren Job so liebt. Und immerhin weiß jeder, dass das auch nur eine weitere Legende sein kann, nicht wahr?
Von Ministerium selbst wurde ich in den Tagen zuvor weitergeleitet, bekam von der Pressestelle dann erst keine Antwort auf die Frage zu diesem Umstand und wurde dann auf ein Telefonat verwiesen, das nicht mehr zustande kam (teils eigenes Versagen, weil ich krank war und nicht täglich anrief). Und Herr Lucha selbst hat bisher nicht auf meine Mail reagiert – natürlich hat der sicherlich andere Dinge zu tun, als einer BDSM-Bloggerin eine Frage über die fehlende Quoten-Nutte auf seiner Bühne zu beantworten. I get it…

 

Die Legende vom kritischen Diskurs

Die Podiumsdiskussion hat mich wenig überrascht.

Menschen, die von Zwangsprostituierten erzählen.
Menschen, die Fragen ausweichen.
Menschen, die helfen wollen.
Menschen, die gute Absichten haben.

Die Frage ist: Was ist eine gute Absicht, wenn sie einem Denkfehler erliegt? Einem Knick in der Haltung? Einem Kratzer in der Bereitschaft, kritisch zu hinterfragen? Was bleibt von der guten Absicht übrig, wenn man nicht bereit ist, sich auf Perspektiven einzulassen, die vielleicht einen halben Schritt außerhalb des eigenen Vorgartens liegen?

Aber eins nach dem anderen.

Ich stoppte mein Diktiergerät, dessen Aufzeichnung nicht so gewinnbringend war wie erhofft. Aber warum? Was war dieses unterschwellige Gefühl, mit dem ich mich nach dem abschließenden Applaus erhob? Ich durchquerte den Raum und begann, in Gespräche einzusteigen. Versuchte zuzuhören, mich mit halben Ohren neben Gruppen zu stellen und dann wieder ganz direkt nachzufragen. Und ich gebe zu: Die Stimmung überraschte mich – positiv.

Natürlich war der Fachtag selbst, waren die Vorträge grundlegend eher Sexkauf-feindlich oder mindestens unreflektiert und höchst undifferenziert. Aber es waren einige unter den Gästen, die das anders sahen. Die offenen Fragen waren überwiegend kritisch, die Gespräche im Anschluss teils wütend, teils kontrovers. Ich traf tatsächlich einige, die wegen meines Twitter-Aufrufs hier waren – manche davon sprachen mich in der Eingangshalle an, wollten nicht gesehen werden, aber sie waren da. Und ich bin jedem Einzelnen dankbar, denn mit Einzelnen fängt eine Bewegung an. So war das immer schon.

Als Fazit zu Stuttgart und der Situation dort kann ich sagen: 

  • Sexworker sind präsenter als erwartet und zahlreich vertreten
  • kritische Stimmen auch von nicht-Sexarbeitenden wurden laut
  • auch wenn Herr Lucha behauptet, es gäbe keine Mehrheit für ein Sexkaufverbot und dass das niemand wolle… ich vertraue der Politik nicht, denn die Inhalte der Vorträge und das, was man den Leuten als „Prostitution“, als Sexarbeit verkaufen möchte, ist undifferenziert, teilweise unwahr, mindestens unreflektiert und zeugt von repressiven, konservativen und sexfeindlichen Haltungen
  • Die Sexworker in und um Stuttgart haben bereits auf dem Fachtag begonnen, sich zu vernetzen. Es enstehen neue Verbindungen und Treffen sind geplant für das Besprechen weiterer Vorgehen. Zudem gibt es Solidarität von Sexworkern in der gesamten Republik – online und sogar extra angereist. Social Media hat eben doch schöne Seiten.
  • Oh und natürlich: Gut gemeint ist nicht immer gut. 

 

Dieses komische Gefühl

…blieb mir noch eine ganze Weile, ohne dass ich festmachen konnte, woran es lag.
Ich spreche hier nicht als Sexworkerin mit langjähriger Erfahrung. Ich spreche hier nicht als politisch Aktive, denn in diesem Bereich bin ich noch viel zu wenig eingearbeitet, um tiefe politische Strukturen zum Thema wirklich zu durchdringen. Ich spreche hier nicht einmal als jemand, der sich schon lange überhaupt nur mit dem Thema beschäftigt und zu guter Letzt spreche ich nicht einmal, wenn ich ehrlich bin, als jemand, der noch vor 3 Jahren eine klare Meinung hierzu gehabt hätte.

Ihr kennt mich: Das liegt nicht daran, dass ich in irgendeiner Form gegen selbstbestimmten, einvernehmlichen Sex bin – es liegt daran, dass mich das Thema nie persönlich betroffen hat und dass ich mich nie aktiv damit auseinandergesetzt habe. Das erste Mal, dass ich vom ProstSchutzG gehört habe, war im Rahmen einer Razzia auf einem Fetisch-Event vor wenigen Jahren. Damals kam mir erstmals der Gedanke, dass es schon faszinierend ist, dass Gesetze zur Prostitution sich auf mein Leben auswirken, wo ich doch gar nichts damit zu tun hatte.

Wisst ihr, wie man es nennt, wenn aus einer ursprünglich im Kern durchaus wahren Geschichte durch subjektives Erweitern und systematisches Verbreiten eine verzerrte, überzogene Wirklichkeit gemacht wird?

Man nennt es Legende. 

Als ich zu Hause war, den Laptop auf dem Schoß und online nach „Nikolaus“ suchend, wurde mir klar, was dieses unbestimmte Gefühl war, das ich mit mir herumtrug und weshalb ich den Schatten eines Schuldgefühls spürte. Den Hauch eines Zweifels. Ich hatte das Problem endlich erkannt und ich halte es für ein Problem, das nicht nur einzelne betrifft, nicht nur Interessierte, nicht nur Sexworker, Politiker und Gruppen, sondern die gesamte Debatte, den ganzen Diskurs:

Das Problem ist, dass wir von unterschiedlichen Dingen sprechen.
Das Problem ist, dass über gesprochen wird, statt mit.
Das Problem ist, dass wir teilweise in unterschiedlichen Sprachen sprechen.

Das Problem ist, dass manche von uns vergessen, bei einer Legende erst einmal nach dem wahren Kern zu suchen und dann beide voneinander zu trennen.

 

Aufklärung

Nerve ich euch mit dem Wort schon? Mir egal – deal with it. Denn Themen wie dieses hier sind das beste Beispiel für die dringende Notwendigkeit, unseren Verstand wieder selbst zu gebrauchen, statt Dinge kategorisch zu glauben, nur weil ein Kern Wahrheit darin steckt. Ich könnte euch jetzt eine ganze Reihe von Legenden und deren wahren Kern aufzeigen, beschränke mich aber auf eine einzige, die – in meinen Augen – einen großen, vielleicht größten Teil des Problems ausmacht:

Es ist die Legende, die besagt, dass in der Prostitution überwiegend Migrantinnen arbeiten, die nach Deutschland gebracht und zu dieser Arbeit gezwungen werden.  Eine Legende, die befeuert wird von Fachtagen und Vorträgen, auf denen Horrorstorys erzählt werden von misshandelten, ausgebeuteten Frauen. Aufgrund dieser Vorstellung von Prostitution fühlen sich viele Menschen berufen zu „retten“.

Der wahre Kern ist: Ja, das gibt es. Die ausgebeuteten Frauen gibt es. Allerdings ist der korrekte Begriff dafür „Menschenhandel“, gegen den man drastisch vorgehen muss. Mit Prostitution hat das NICHTS zu tun. 

Ich persönlich glaube, es gibt zwei Arten von Sexarbeitsgegnern:

Einmal die, die einfach sexfeindlich und repressiv sind, die die weibliche Sexualität kontrollieren möchten, damit sie sich auf die Bereiche beschränkt, die für sie selbst konform und erträglich sind. Die, die Frauen den eigenen Willen, das eigene Denkvermögen absprechen, sobald sie etwas tun, was sie selbst nicht verstehen.

Anderseits die, die tatsächlich glauben, dass quasi 95% aller Prostituierten dazu gezwungen werden, das Bild der ausgebeuteten jungen Migrantin im Kopf haben und wirklich und ernsthaft helfen möchten.

Die ersten halte ich für unfähig zur Debatte und zudem gefährlich. Wenn ich mit einem davon spreche, dann nur, weil ich erreichen will, dass andere mitlesen und sehen, was hier passiert – nicht weil ich ernsthaft glaube, jemanden davon umstimmen zu können.
Die zweiten sind in meinen Augen die, die man erreichen könnte – wenn man sie aufklärt. Die, die gute Absichten haben, aber es schlicht und ergreifend nicht besser wissen.

Ich weiß, dass in den politisch aktiven Reihen der Sexworker bisweilen scharf geschossen wird – gegen alle Arten von Gegnern. Ich kann es ein wenig verstehen – Menschen, die öffentlich und hauptberuflich arbeiten und über Jahre diesem Druck ausgesetzt sind, haben einen anderen (auch emotionalen) Standpunkt. Vielleicht bin ich noch ein weniger beschriebenes Blatt, vielleicht reicht meine Geduld noch eine Weile, denn mein Ansatz ist ein anderer:

Ich halte es für kontraproduktiv, gegen Menschen zu schießen, die wirklich helfen wollen und die wirklich glauben, Prostitution sehe so aus. Ich weiß, dass ich viele unter meinen Lesern habe, die überhaupt nicht sexfeindlich, aber dennoch bei diesem Thema unsicher sind. Und nochmal: Ich kann es verstehen. Wenn ich das höre, was öffentlich debattiert wird, kann ich es verstehen. Was ich nicht, generell nie verstehe, ist, wie Menschen sich eine Meinung über ein komplexes Thema bilden, ohne sich unterschiedliche Seiten anzuhören, ohne sich ernsthaft eine Meinung zu bilden, ohne den eigenen Verstand zu gebrauchen.

Eine inhaltliches Statement zur Sexarbeit würde den Rahmen hier sprengen. Ich habe hier kürzlich etwas geschrieben, auch in den Kommentaren ist einiges angesprochen. Stattdessen möchte ich den Unentschlossenen, den ehrlich Interessierten unter euch etwas mitgeben. Ratschläge an die Hand geben, um ein differenziertes Bild zu formen.

Um eine eigene Meinung zu bilden.

 

  1. Setzt euch mit unterschiedlichen Perspektiven auseinander: Zieht eine Trennlinie und differenziert da, wo die Politik, die Medien in der Differenzierung versagen: Prostitution und Menschenhandel haben nichts miteinander zu tun. Ein Diskurs, eine Debatte, in welcher nur die Seite gehört wird, die retten und helfen möchte, ist undifferenziert und einseitig. Es gibt IMMER eine andere Seite – bei allem. Informiert euch an unterschiedlichen Stellen, hört euch unterschiedliche Meinungen an – nicht nur die, die leicht öffentlich zugänglich und in den Medien präsent sind.
  2. Achtet auf differenzierte Sprache: Werdet aufmerksam bei Beschönigungen, bei Euphemismen wie „Zwangsprostitution“: Prostitution ist einvernehmlicher Sex gegen Geld. „Zwangsprostitution“ ist die Vorstellung von Sex unter Zwang. Sex unter Zwang ist nichts anderes als Vergewaltigung, als Missbrauch, meist im Rahmen von Menschenhandel.
    Zwang und Prostitution haben nichts miteinander zu tun – der Versuch, das Klischee aufrecht zu erhalten, beide Begriffe unbedingt miteinander zu assoziieren, zeugt von einer einseitigen Sicht.

    Ein weiterer Hinweis ist eine technische, objektifizierende Sprache wie beispielsweise bei Breymaier: Wer als erwachsener Mensch Wörter wie Penis, Vagina und Sex nicht aussprechen kann oder will, der zeigt kein sonderlich offenes Bild gegenüber Sexualität im Allgemeinen und handelt damit kontraproduktiv in Bezug auf (sexuelle) Aufklärung.
    Frauen als „Ware“ zu bezeichnen, zeugt von einem verachtenden, repressiven Frauenbild. Die bundesweit aktive und stellenübergreifende Kampagne Rotlichtaus wirbt mit dem Satz „Wir träumen von einer Welt, in der Frauen nicht wie Ware verkauft werden“.
    Es geht hier NICHT um Sexarbeit. Die Unfähigkeit dieser Menschen zu differenzieren, die Engstirnigkeit und die sexfeindliche Haltung im Allgemeinen führt dazu, dass alles in einen Topf geworfen wird.

    Weitere Indizien für fehlende Differenziertheit ist die Beschränkung auf ein Geschlecht: auf Frauen.
    Spannend ist: In den Debatten, in denen es ausschließlich um Frauen geht, geht es immer nur hilfebedürftigen Frauen, die nicht für sich sprechen können, die aus der Kindheit traumatisiert sind, nicht wissen können, was sie wollen. Die nur auf einen Nikolaus warten, der sie vor dem sündhaften Leben rettet – ob sie es zugeben wollen oder nicht.

    Wenn ihr in der Sprache solche Beschränkungen erkennt, ist es ein Zeichen dafür, dass ihr euch zur Meinungsbildung noch eine andere Seite anhören solltet.

  3. Hinterfragt euch selbst: Liegt ihr Klischees auf? Verwendet ihr „Nutte“, „billig“ und „Hurensohn“ als Beleidigung? Verurteilt ihr Frauen, die viele Sexualpartner haben? Denkt ihr bei dem Begriff „Prostitution“ sofort an den Begriff „Zwang“ und stellt euch automatisch eine Frau vor? Welche Arbeitsbereiche fallen euch zuerst ein, wenn ihr an Sexarbeit denkt? Bordelle und Straßenstriche? Oder ist euch bewusst, dass es auch Menschen im SM-Bereich gibt, die eigentlich überhaupt keinen Sex haben, aber anderen ermöglichen von der Gesellschaft verurteilte Neigungen auszuleben? Dass es Sexualassistenzen und -begleitungen gibt, die mit Alten oder Menschen mit Behinderung arbeiten? Dass es Tantra-Masseure gibt? Oder könnt ihr euch einfach nicht vorstellen, dass für manche Menschen die Arbeit auf der Straße, im Wohnmobil, im Laufhaus, vielleicht nicht immer eine guter, aber eben doch ein freiwillig gewählter Job? Dass manche Escorts tatsächlich Spaß haben an dem, was sie machen? Ist euch bewusst, dass die meisten von euch regelmäßig Pornos schauen und durchaus das Ergebnis von Sexarbeit zum eigenen Vergnügen konsumieren?

    Wenn ihr euch ernsthaft eine Meinung bilden wollt, müsst ihr euch zuerst überlegen, von welchem Standpunkt aus ihr den ersten Schritt setzt – erst dann könnt ihr darüber nachdenken, wohin ihr wollt. 

 

Ein Ausblick

Ja, ich sehe, dass viel schief läuft. Ich sehe, dass es immense Missstände gibt und dass Menschenhandel ein großes Thema ist und wenn ich die Geschichten höre von Frauen, die das betrifft, wird mir schlecht – das übrigens geht allen Sexworkern so, die ich kenne. Keinem von denen ist das egal. Aber mit Sexarbeit hat das nichts zu tun!
So lange wir nicht in der Lage sind, wenigstens so differenziert zu denken, dass wir zwei so grundlegende Dinge voneinander trennen können wie „systematische Gewalt an Frauen“ und „freiwillige Sexarbeit“, müssen wir keinen Schritt weiterdenken. Hier hakt es, genau hier: an der Basis. An der Sprache. Am grundlegenden Verständnis von Begrifflichkeiten. Und das sage ich nicht den repressiven Stimmen, die Sexarbeit ganz bewusst verbieten wollen, egal in welcher Ausprägung – einfach, weil sie nicht in ihr Bild von Sexualität passt. Die wird niemand überzeugen.

Nein, das sage ich EUCH, die ihr vielleicht noch nicht ganz sicher seid, wie ihr zu diesen Themen stehen sollt. In der Hoffnung, dass ihr nicht ausschließlich auf die Legenden hört, sondern den wahren Kern in den Erzählungen sucht:

Im Antragsbuch der SPD zum Bundesparteitag, zum Beispiel – hier findet man diese Forderung:

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Oder in „Rotlichtaus“, der größte Kampagne gegen Sexkauf. Sie wurde vom Landesfrauenrat Baden-Württemberg und dem ebenfalls in Stuttgart ansässigen Sisters e.V. initiiert. Es ist eine bundesweite Kampagne, die auf Polemik und einseitige Meinungsmache baut, Horrorstorys verbreitet und an eine repressive Sexualmoral appelliert.

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Die Kampagne gibt offen zu, dass Teil der eigenen Strategie die „Ächtung“ von Männern ist, die Sexkauf in Anspruch nehmen:

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Ganz zu schweigen von einem fragwürdigen Männerbild und der Vorstellung, es gäbe überhaupt einen „echten Mann“:

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Vorstandsvorsitzende des Sisters e.V, welcher die Kampagne ins Leben gerufen hat, ist übrigens Leni Breymaier – seit gestern im Parteivorstand der SPD.

Oder auch Terre de femmes, e.V. – ein internationaler Verein für Frauenrechte, der sich teilweise für gute Dinge einsetzt, aber zugleich die Rotlichtaus-Kampagne unterstützt und aktiv Sexarbeit verteufelt. Dieses Jahr mit einem Adventskalender, der verspricht, „Meinungen“ durch Fakten klarzustellen. Ich habe mir den Kalender und seine „rational überzeugenden Fakten“ angesehen:

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Es ist nur ein kleiner Ausschnitt von dem, was in der Öffentlichkeit geschieht. Sexworker haben keine große Lobby, keine hochgestellten Politiker auf ihrer Seite und keine endlosen finanziellen Rücklagen, um offene Kampagnen zu starten. Kunden von Sexkauf gibt es überall, höchstwahrscheinlich auch in der Politik breit vertreten – aber dass sich von denen keiner aktiv als Kunde outet, spricht im Grunde für sich. Das Stigma und die perfide Vermischung der Begriffe Sexarbeit und Menschenhandel führen zu einem verzerrten bis falschen Bild in der breiten Öffentlichkeit.
Würde man Sexworker fragen, sie würden durch die Bank dafür sorgen wollen, dass gegen Menschenhandel und sexualisierte Gewalt gegen Frauen (was by the nicht mehr verboten werden muss, weil längst illegal) noch stärker vorgegangen werden muss. Sie würden sich bessere Arbeitsbedingungen wünschen und die Möglichkeit, sich krankenzuversichern und freiberuflich zu melden wie jeder andere Selbstständige auch. Es ist nicht die Aufgabe von Sexarbeitern, nur in höchsten Tönen von ihrem Job zu sprechen, damit die Gesellschaft ein blumiges Bild bekommt. Die wenigstens Jobs machen zu 100% Spaß. Fragt mal Pflegekräfte, unter welchen Bedingungen sie arbeiten – wollen wir den Beruf jetzt abschaffen, weil die Arbeit vielen davon an die Nieren geht?

Ihr müsst nicht „für Sexkauf“ sein, ihr müsst Sexkauf auch nicht Anspruch nehmen und ihr müsst auch nicht anfangen, ihn anzubieten, um Haltung zu zeigen.

Aber wenn ich eine Bitte äußern darf:

Denkt mal darüber nach, weshalb die, die es tun, so stigmatisiert sind.
Denkt mal darüber nach, woher ihr eure Meinung zu dem Thema habt und worauf sie gründet.
Denkt mal darüber nach, ob ihr nur auf haltlose Äußerungen hört, oder ob auch nur einer, der für Sexkaufverbot ist, eine Studie genannt hat oder seine Zahlen belegen kann? (Studien und Zahlen gibt es auf Nachfrage übrigens reichlich beim BesD e.V.).
Denkt mal darüber nach, wie unsere Sprache und die Begriffe, die wir als Beleidigungen etablieren, unsere Realität formen.
Denkt mal darüber nach, was mit unserer Gesellschaft passiert, wenn Menschen nicht mehr selbst bestimmen dürfen, unter welchen Bedingungen sie einvernehmlichen Sex haben.

„Wir träumen von einer Welt, in der Frauen nicht wie Ware verkauft werden“, schreibt die Kampagne Rotlichtaus.

Meine Antwort:

Ich träume nicht von einer anderen Welt.
Ich versuche lieber, diese hier ein bisschen besser zu machen.

 


 

So, meine Lieben.
Ich habe erstmal genug vom Nikolaus, von den „Huren-rettenden“ Heiligen, den Scheinheiligen und dem Schein an sich. Den Geschichten und Legenden, den vermeintlichen Fakten und bloßen Erzählungen.

Ihr dürft euch jetzt wieder mit dem guten Nikolaus beschäftigen.

 

Ich bleibe lieber bei meinem Skla… Verzeihung, Knecht Ruprecht. 

2 Kommentare

  1. Ich bin in dieser Frage auch sehr unsicher. Ich habe auch schon die Dienste von Prostituierten in Anspruch genommen. Ich habe versucht es für die Frauen so angenehm wie möglich zu machen. Aber wenn ich höre das es beim Menschenhandel Erfolge gibt und er in Skandinavien zurück gegangen ist dann frage ich mich ob man sich nicht Gedanken machen soll es bei uns auch durch zu setzen. Allerdings traue ich dieser Statistik nicht. Auch kann es sein das sich dann das Geschäft einfach wo anders hin verlagert und dann wäre ja niemand geholfen. Ich bin auch nicht sicher das da wirklich ein Zusammenhang besteht.

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